Rezension zu Graham Swift: Im Labyrinth der Nacht

Rezension zu Graham Swift: Im Labyrinth der Nacht

Von großen und kleinen Lebenslüge

Eine laue Sommernacht in Südengland, das Haus ist still, die Kinder schlafen und auch der geliebte Mann ist tief entschlummert ? wer keine Ruhe findet ist Paula. In einem epochalen Erinnerungsmonolog rollt sie in Graham Swifts Roman „Im Labyrinth der Nacht“ die Geschichte ihres Lebens auf.

Im Beziehungs-Labyrinth

Während alles um sie herum im tiefen Schlaf versunken ist erzählt Paula im Geiste ihren beiden Kindern, den Zwillingen Nick und Kate, die Wahrheiten hinter der heilen Familienfassade. Der Tatsache geschuldet, dass die Kinder diese Ansprache nicht wirklich vernehmen, schildert Paula die Jahre ihrer Jugend und ihre frühen Ehejahre in durchaus unverblümter Art und Weise. Sie schildert, wie Mike, nachdem er schon mit ihren beiden Mitbewohnerrinnen das Bett geteilt hat, schließlich in ihren Armen landete. Wie sie beide die Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten von Leben und Partnerschaft überwanden. So erfährt der Leser nicht nur von der pragmatischen Lebenseinstellung von Großmutter Helen ? sie wollte sich als ihr Mann im 2. Weltkrieg vermisst wurde am liebsten schnellstens wieder einen Vater für ihren ungeborenen Sohn suchen ? sondern auch von den Höhen und Tiefen der Beziehung zwischen Paula und Mike.

Immer wieder kommt Paula darauf zu sprechen, dass der kommende Tag ihrer aller Leben gravierend verändern wird. Endlich wollen sie ihren Kindern ein großes Geheimnis enthüllen. Durch stete Andeutungen, aber auch wiederkehrende retardierende Momente wird die Aufdeckung aber noch ? wie Paula es ja im ?wirklichen Leben? auch getan hat ? noch hinausgeschoben. Das vollkommene Glück ihrer beiden sieht sie durch diese Offenbarung gefährdet und doch haben Mike und sie sich einst geschworen: mit 16 sollen sie es wissen!

Ein emotionales Familienbild

Die verschiedensten Beziehungs- und Familienmodelle sind das Hauptthema von Swifts Erzählwerk. Gerade vor dem Hintergrund der wilden 60er Jahre ? in denen Paula und Mike sich zur Zeit ihres Studiums im nur vermeintlich beschaulichen Sussex befinden, zeichnen sich dabei sehr unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten ab.

Die monologische Erzählform ermöglicht zwar kein allzu differenziertes Bild des Innenlebens der anderen Charaktere, dennoch bietet diese klassische Erzählform aus der Rückschau ein beeindruckendes Familienbild. Quasi in der Nachfolge des Realismus blickt ein gealtertes Ich auf sein Leben, seine Entscheidungen zurück, resümiert, grübelt, durchleidet und durchlebt erneut ? und das in durchaus anschaulicher Weise. Man folgt Paula in die labyrinthischen Windungen ihrer Erinnerungen, kommt an mancher ?Weggabelung? durchaus häufiger vorbei, folgt ihren Gedankensprüngen in der Zeit ? ihrer eigenen wie der von ihrer und Mikes Familie. Und man folgt den meisten dieser Gedankensprünge gerne. Mit viel Liebe werden die meisten Erinnerungen gepflegt ? oder zumindest mit viel Emotion. Das manches ausgespart bleibt ? durch die Erzählform (zu?) leicht begründet.

Nein, die durch den Klappentext herbeigerufene Erwartungshaltung eines Stückes Spannungsliteratur erfüllt sich nicht. Dafür legt Graham Swift mit „Im Labyrinth der Nacht“ eine psychologische Familienstudie vor, die sich durchaus sehen lassen kann – wenngleich das ?böse Geheimnis? letztlich so böse nicht ist.

320 Seiten
dtv premium ( Januar 2011)
14,90 Euro


Stand Februar 2011
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