Reiche Bayern, arme Bayern

Was ist nur mit dem Stern des Südens los? Noch ist die Saison nicht zu Ende, und wenn am Ende drei Titel Uli Hoeness (diesmal gewollt) ordentlich beschweren, dann haben sie am Ende wieder alles richtig gemacht. Wirklich? Hängt die Beurteilung der Vereinspolitik des FC Bayern wirklich von einem 2:0-Sieg gegen Basel oder vielleicht noch zwei Siegen im DFB-Pokal ab? Oder ist das „System FC Bayern“ schon seit langem in die Jahre gekommen?

aboutpixel.de / Fußball © Daniel Werner

Natürlich, mit dem Verweis auf ihre wirtschaftliche Kraft haben die Bayern irgendwie immer Recht. Jeder, der nicht gerade Heribert Bruchhagen oder Willi Lemke heißt, wird innerhalb der Welt der Fußballfunktionäre auch immer artig salutieren, dass es sich bei den Münchenern selbstverständlich „um den größten deutschen Verein handelt, der über allen anderen schwebt. Meilenweit!, wenn nicht gar Lichtjahre voraus!“. Aber warum beschleicht einen zunehmend das Gefühl, der Verein versucht mit Mitteln von gestern den Erfolg von morgen sicher zu stellen?

In der Softwareindustrie beobachtet man ein Phänomen: Zuerst sind Unternehmen in ihrer Wachstumsphase hochinnovativ, und wenn sie stark genug sind, werden sie irgendwann sehr, sehr erfolgreich. Dann aber stagniert das Unternehmen, es produziert keine Innovationen mehr. Dies passiert allerdings nicht unwillentlich oder aus Nachlässigkeit, sondern aus einem anderen Grund: Ist nämlich ein bestimmtes Erfolgslevel erreicht, geht es nicht mehr um Kundengewinnung, sondern allein um Kundenbindung!

Die Monetarisierung der Kundenbindung funktioniert dabei nicht über Innovationen, sondern über unspektakuläre Upgrades: Der Kunde wird gemolken, in dem er in einem bestimmten Turnus eine nur ganz leicht verbesserte Version der Software kauft, ein „großer Wurf“ wäre deshalb völlig kontraproduktiv. Microsoft, SAP heute und Apple vielleicht schon morgen – Dinosaurier der IT, die ihre in ihrer Grundstrukturen vor Jahrzehnten entwickelte Produkte bis zum Exzess auspressen. Und die irgendwann untergehen werden, weil früher einmal unbedeutende Mitbewerber sich auf Augenhöhe hochgearbeitet haben und die moderneren Produkte anzubieten haben.

FC Bayern, ein veraltetes Produkt?

Zu genauso einem Dinosaurier droht der FC Bayern zu werden. Man hat doch schon immer geschaut, wo welcher Spieler für einen anderen Verein eine tolle Saison spielt – und einfach gekauft, gute Spieler braucht man halt immer. Warum soll diese Philosophie auf einmal schlecht sein?

Genauso galt doch schon immer: Der Trainer, der gerade irgendwo einen guten Job macht, wird geholt. Rehagel, der Bremer Meistercoach. Magath, ist der Wahnsinn, was der bei Stuttgart auf die Beine gestellt hat. Klinsmann, der freche Querdenker – war doch super bei der Nationalmmanschaft. van Gaal, das ist ja mal ein großer Name – welchen Fußball lässt der eigentlich spielen und welche Menschenführung pflegt er? Egal. Und: Mensch, der liebe Don Jupp, wie der die eigentlich schon abgeschriebenen Leverkusener in die Spur gebracht hat! Und morgen heißt es wahrscheinlich: Schau mal, der Favre, der lässt ja einen tollen Kurzpass-Fußball spielen, wollen wir jetzt natürlich auch haben! Dabei wäre vor einem Jahr, als die abgeschlagenen Gladbacher den Schweizer aus der Versenkung holten, ein Trainer Favre bei den Bayern ungefähr so wahrscheinlich wie Beckenbauer im Dschungelcamp: Man wäre selbst nie auf die Idee gekommen, dass es sich bei dem heutigen Gladbach-Coach um einen exzellenten Trainer handeln könnte! Warum eigentlich nicht?

Die Bayern-Führung lässt sich immer wieder gerne als die geballte Fußballkompetenz in Szene setzten, in Wirklichkeit reagiert dieser Verein schon seit langem nur noch, anstatt zu agieren. Er reagiert ausschließlich auf Fußballreize, die andere Vereine setzen, und hat genügend Geld, im trial and error-Prinzip alles mal auszuprobieren und dabei sporadisch auch immer mal wieder sehr erfolgreich zu sein.

Dabei ist man zu dem Chamäleon des Fußballs geworden, den niemand weiß so recht, wofür die Bayern eigentlich stehen. Barca ist der Hort der gepflegten Ballzirkulation auf höchstem Niveau und wird wohl immer die von Johan Cruyff entdeckte Breite eines Fußballplatzes verinnerlicht halten, Real sich immer dem galaktischen Personenkult verpflichtet sehen, Arsene Wenger bei Arsenal die Jugendförderung kultivieren – und wofür stehen die Bayern, außer für „Mia san mia“?

Mia san mia ist keine Philosophie

Wer sich die Mannschaft des FC Bayern von heute anschaut, merkt, dass etwas grundsätzlich nicht zu stimmen scheint. Etwas, für das wohl weder Spieler noch Trainer etwas können. Es ist die fehlende Demut vorm Fußball, der die Bayern glauben lässt, sich selbst niemals in Frage stellen zu müssen. Was wollen schon die anderen – wer hat schon so viele Titel gewonnen, wer ist wirtschaftlich so top geführt? Gerade in einem Kokon, der aus Fußballheroen der Vergangenheit und der bajuwarischen
Wirtschafts- und Politikelite besteht, zählt am Ende nur der sichtbare Erfolg in Form von Titeln – und nicht die Philosophie.

Wer in diesem Umfeld von vorwiegend saturierten Eventfans immer wieder bestätigt wird, braucht nicht viel, um sich auf dem richtigen Weg zu sehen. Denn diese Kundschaft ist mit Upgrades zufrieden, echte Innovationen wären schwer zu verdauen. Dabei täte es gut, mal kritisch hinzuschauen: Auch diese Bayern-Mannschaft ist mal wieder weniger als die Summe ihrer Teile.

Übertragen auf den ganzen Verein ist der FC Bayern wohl eine der herben Enttäuschungen des deutschen Fußballs: Würde es eine alternative Meisterschaft im deutschen Profifußball geben, die bewertet, wer aus seinen Möglichkeiten am meisten macht, würden Vereine wie Freiburg, Mainz, Gladbach oder Hannover oben stehen und die Spvgg Greuther Fürth Deutscher Meister werden – und der FC Bayern froh sein, dass es den VfL Wolfsburg gibt, wo mutmaßlich noch mehr Geld noch sinnfreier investiert werden kann.

Zum Spiel gestern in Basel: Auch wenn sich die Kommentatoren vorwiegend an dem dusseligen Abwehrverhalten störten, welches zum 0:1 durch Valentin „Bernd“ Stocker führte, beginnt das Problem der Bayern vorne. Das System, zwei Individualisten auf den Flügeln die Pille zuzuschieben und zu hoffen, dass die irgendwas damit anzufangen wissen, ist von den Gegnern schon lange als Schwachpunkt in der stereotypen Bayern-Offensivtaktik erkannt worden. Es mag reichen, in der Rückrunde noch einigen Gegnern ordentlich Tore einzuschenken – aber originell und nachhaltig ist das nicht.

Kaufen, Kaufen, Kaufen

Es war auch in Basel mal wieder erschreckend zu sehen, zu wie wenig Spielfreude und Kombinationsfußball die Bayern-Mannschaft 2012 in der Lage ist. Einige Akteure halten derart lange den Ball, dass man sich fast fragt: Glauben die, sie müssten diese Einzelaktionen zelebrieren, um darüber nur ja ihre unverzichtbare Qualität zu dokumentieren?

Natürlich haben die Spieler der Bayern eine hohe individuelle Qualität (wobei speziell bei den Außenverteidigern und dem unglaublich statischen Gomez hinterfragt werden muss, ob sie derzeit nicht mehr von ihrem Renommee als von ihrer Leistung leben). Diese hohe individuelle Qualität schnürt die Mannschaft jedoch teilweise regelrecht ein, wenn sie derart penetrant wie von Arjen Robben immer wieder aufs neue zwanghaft inszeniert werden muss. Es bleibt eines der großen Rätsel, warum die Bayern mit dem talentierten Shaqiri den vierten Star für zwei Positionen verpflichtet haben (neben Müller, Robben und Ribery).

Aber vielleicht gibt es ja bald sogar nicht mal mehr diese beiden Außenstürmer-Positionen beim FC Bayern. Jupp Heynckes wäre gut beraten, auf ein 4-4-2 umzustellen, in welchem die Offensive viel flexibler agieren könnte. Im Sturm würde er aus Gomez, Müller, Olic und Ribery ein möglichst bewegliches Duo auswählen, im Mittelfeld könnte er neben zwei 6er auf Spieler auf den Außenbahnen setzen, die mehr als Robben und Ribery in der Lage wären, auch mal nach hinten zu arbeiten. Aber auch diese Änderungen, sollten sie denn fruchten, sorgen lediglich für kurzfristigen Erfolg – und nicht für eine überfällige, mindestens einmal mittelfristige Strategie des Vereins.

Von Eduard Eschle, Fußball-Experte für academicworld.net

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