Red Bull für Arme

Können Sie sich noch erinnern, was früher beim Skifahren das Allerschlimmste war? Nein, es waren nicht die Skischuhe, in die man nicht rein kam. Oder die Mütze, die man bei -10 Grad vergessen hatte. Es waren die Schlepplifte!

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

So ziemlich jeder, der schon mal Ski gefahren ist, hat eine Schleppliftgeschichte zu erzählen. Kaum jemand in meiner Generation, der nicht schon mal verzweifelt verkrampft mit beiden Armen an so einem Ding hing und versuchte, wenigstens  noch  bis zum Ende des Waldstückes durchzuhalten. Oder die Geschichte mit dem Liliputaner neben sich und dem Bügel in den Kniekehlen. Oder die sich übertrumpfenden Statistiken von der Anzahl der nachfolgenden Paare, die man mit sich gerissen hat, weil man völlig verknäult nach dem Herausfallen nicht schnell genug aus der Lift-Spur gerobbt ist: Der Rekord liegt bei 5! Fünf Bügel hinter sich noch leer geräumt. Unbeliebter macht man sich nicht mal, wenn das Handy im Kino bei der Kussszene klingelt oder man nach der Niederlage der heimischen Fußballmannschaft im Endspiel der Champions-League fragt: Und warum haben die jetzt verloren?

Leider gibt es kaum mehr solche Schlepplifte. Sie sind zunehmend durch 6er Sessellifte mit beheizten und gepolsterten Sitzflächen und durchsichtigen Schneeschutzhauben ersetzt worden. Auch der Tellerlift, auf den sich jeder Anfänger mal versuchte drauf zu setzen, um dann eine tiefe Schleifspur zu hinterlassen: Ausgestorben! Heute kann jeder Lift fahren, einfach so mit warmen Hintern und ohne beißenden Wind im Gesicht.

Auch auf den Pisten ist es völlig langweilig geworden. Alle fahren mit den gleich-kurzen Carving-Ski etwa gleich gut. Vorbei die Zeiten, wo man schon in der Gondel an der Länge der Ski die richtig guten Fahrer erkennen konnte: Mindestens 10 cm über dem Kopf galt als absoluter Pistenkönig – Status. Und alle  fahren heute mit Helmen und dicken daran festgetackerten Skibrillen. Alle tragen die gleichen bunten formlosen Klamotten: Kein cooler Jeans-Träger (weil so guter Fahrer, dass er nie hinfällt und nie nasse Hosen bekommt) mehr weit und breit. Nur einige ganz hippe Pistenschleicher haben heute im Unterschied zu anderen behelmten, geschlechtsneutralen, alterslosen Pistencarvern eine kleine Kamera auf ihrem Schutzhelm, mit dem sie dann filmen können, während sie die gut präparierten, künstlich beschneiten Pisten in immer gleichen Bögen herunter gleiten.

Ich frag mich nur: Wer soll sich diese immer gleiche Langeweile vom persönlichen „Skispass“ im Stil von Red-Bull für Arme anschauen? Personen sind unter der ganzen Helmmaskerade ohnehin nicht mehr zu erkennen. Früher hätte es sich ja noch gelohnt mal mitzufilmen, wie man so eine ganze Liftschlange leer räumt oder den Gesichtsausdruck von jemandem, der den letzten Schwung vom Lift-Häuschen eben nicht mehr packt, weil er mit zu langen Ski definitiv ’ne Nummer zu cool sein wollte.

So hat die Technik wiedermal zu Gunsten von Bequemlichkeit und Sicherheit zu völliger Schmerzfreiheit geführt – vor allem lebensenthusiastisch. 

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