Rätsel um die alte Villa

Eine verwinkelte Villa, ein Geheimnis aus der Vergangenheit, ein aufgeweckter Junge. Mehr braucht es nicht für einen guten Kinderfilm, der auf sympathisch nostalgische Weise unterhält: „Das Haus der Krokodile“, ab 22.3. im Kino.

Das Haus der Krokodile ab 22.3. im Kino

Einbrecher und Tagebücher

Irgendwann ‚mal davon geträumt, ein Kind zu sein? Nicht ‚wieder Kind‘, sondern ‚richtig Kind‘ sein, nämlich so ein beherzter Racker wie sie es in den unzähligen Jugendbüchern gibt, die man früher verschlungen hat? Damals im letzten Jahrtausend, als das Abenteuer noch analog und nicht digital war… Aus eben jener Zeit stammt „Das Haus der Krokodile“ (1971), ein Kinderkriminalroman von Helmut Ballot, der bereits 1976 zu einer sechsteiligen Fernsehserie umgearbeitet wurde. Jetzt haben die für Regie und Drehbuch verantwortlichen Cyrill Boss und Philipp Stennert zusammen mit dem Autor Eckhard Vollmar den hübschen Stoff perfekt für die zeitgenössische Leinwand adaptiert. Gleichwohl bleibt die Story auf wunderbare Weise altmodisch.

Nachdem Onkel Gustav in ein Altersheim gezogen ist, übernimmt die fünfköpfige Familie Laroche seine Wohnung in einem betagten Anwesen. Weder die Eltern, die ohnehin gerade wieder eine Geschäftsreise antreten, noch die beiden älteren Schwestern Cora (Joanna Ferkic) und Louise (Vijessna Ferkic) sind von dem Haus derart beeindruckt wie der 11-jährige Viktor (Kristo Ferkic). Als er dann auch noch die seltsamen Nachbarn kennenlernt, einen maskierten Einbrecher durchs neue Heim schleichen sieht und ein verstecktes Tagebuch von der früh verstorbenen Tochter des Onkels findet, glaubt er an ein Geheimnis in dem alten Gemäuer. Mit detektivischem Vorwitz geht der kleine, bislang nicht durch sonderliche Courage aufgefallene Einzelgänger den lange zurückliegenden Ereignissen auf den Grund. Als Kind hat man gewissermaßen die Verpflichtung zum Abenteuer – erst recht, wenn es direkt zuhause auf einen wartet.


Märchenflair und Spannung

Filme wie „Das Haus der Krokodile“ wird es wegen des kulturell-gesellschaftlichen Wandlungsprozesses eines Tages nicht mehr geben. Mysteriöse Herrenhäuser ohne IKEA-Küche, dafür mit düster überfluteten Kellern, schwindelerregend spiralenförmigen Treppenhäusern und gefährlich staubigen Dachböden, überladene Räume voll schwerer Möbel, exotischer Kolonialtrophäen und zerschlissener Wandteppiche, Geheimgänge, Schatzkarten, zwielichtige Fremde – dergleichen dominiert schon heute kaum mehr kindliche Abenteuervorstellungen. Und wenn dann auch noch Erwachsene als Respektspersonen und Kinder als freundlich-wohlerzogene, Pappburgen bauende, phantasiebegabte Wesen daherkommen, wähnt der jung(geblieben)e Zuschauer sich wohl eher in jenem Jahrzehnt, in dem einst die Buchvorlage erschien.

Trotzdem besitzt der märchenhafte Film vitale Frische, auch dank der ebenso unprätentiös wie diszipliniert auftretenden Darsteller. Gestandene Mimen in Nebenrollen wie Gudrun Ritter, Waldemar Kobus oder Christoph Maria Herbst halten sich angenehm zurück, lassen genügend Platz für den unbefangenen Charme von Kristo Ferkic, der mit pfiffiger Bedachtsamkeit aus Viktor eine glaubwürdige, ebenso von Ängsten wie Neugier motivierte Figur macht. Er steht im Fokus der übersichtlichen, äußere Spannung und emotionale Logik auf kindgerechtem Niveau ausbalancierenden Dramaturgie.

Spielfreude und Inszenierungslaune

Die klassischen Ingredienzien Grusel, Krimi, Abenteuer sind in „Das Haus der Krokodile“ eine narrativ glückliche Verbindung eingegangen, aufgelockert von cineastischer Inszenierungslaune und juveniler Spielfreude. Diese wäre auch der Kamera zu wünschen gewesen, welche zwar die vortrefflich ausgeleuchtete Villa in atmosphärische, nett-unheimliche Bilder einfängt, jedoch durch zu viele Nah- und Großaufnahmen an Raum verschenkt. Die Story hätte mehr visuelle Ambition verdient, im Gegenzug etwas Dezenz bei dem sich überdeutlich aufdrängenden Score.Doch dies sind Marginalien in einem ansonsten vorbehaltlos zu empfehlenden aufregenden Film, der sich konsequent der Perspektive von Kindern verschrieben hat und deren Forscherdrang erfinderisch mit der Rätselhaftigkeit des Alltags verwebt.

Wie ein verbotener Abenteuerparcours breitet sich die weitläufige Villa vor Viktor aus, geheimnisvoll und verlockend. Und mit einem liebevoll arrangierten Setdesign, das jedem aus den Nähten platzenden Museum zur Ehre gereichen würde. Überall stößt man hier auf Krokodile, auf ausgestopfte, gezeichnete, eingravierte. Für Viktor werden sie sogar lebendig, wenn auch nur im Traum, um ihn schließlich zu etwas Glitzerndem und später zu einer traurigen, dafür erlösenden Wahrheit zu führen. Eben das macht schöne Abenteuer aus: Hinterher ist die Welt ein klitzekleines bißchen besser.

Das Haus der Krokodile

Regie: Cyrill Boss, Philipp Stennert
Darsteller: Waldemar Kobus, Vijessna Ferkic, Christoph Maria Herbst
Kinostart: 22. März 2012

Im Verleih von Constantin Film Verleih GmbH

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

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