Quipu

„Einige alte Völker schrieben auf Ton, andere auf Rinde, Tierhäute oder Papier und einige benutzten dazu Steine. Warum sollte man nicht auch mit Schnüren das Wesentliche weitergeben können? Gewebe lassen sich leicht transportieren, sind reißfest, wiegen kaum etwas und sind zudem aus Materialien gefertigt, die man zur Hand hat, Baumwolle oder Wolle. Und man braucht keinerlei Hilfsmittel, weder Stichel noch Feder oder Tinte. Nur die Hände. Aber vor allem passt diese „Knotenschrift“ hervorragend in das Reich der Inkas.“ (S. 349f). Ein Zeugnis eben dieser „Knotenschrift“, ein so genanntes „Quipu“ bildet das Herzstück des gleichnamigen Historischen Romans von Agustín Sánchez Vidal.

Madrid 1780: Das Leben des jungen Marineingenieurs Sebastián de Fonseca gerät innerhalb eines Abends komplett aus den Fugen: Zuerst reizt sein Erzfeind, der Marqués de Montilla ihn auf einer Theaterpremiere zu einem Pistolenduell, dann wird der Direktor des Theaters, ein Freund seines Vaters, noch während der Premiere in seiner Garderobe erhängt aufgefunden. Doch damit nicht genug, auch Sebastiáns Vater wurde ermordet, während dieser im Theater war.

Ein Abend voller Überraschungen

Und der Abend hält noch eine weitere Überraschung für den jungen Spanier bereit: Im Arbeitszimmer seines Vaters findet er, in einer geheimen Kammer verborgen, seinen Onkel- ein Mitglied des Jesuiten-Ordens, den er seit der Auflösung des Ordens dreizehn Jahre zuvor im fernen Preußen wähnte. Von ihm erfährt er, was den Mörder zu seinem Vater geführt hatte: Eine wertvolle Chronik aus dem 16 Jahrhundert, in welcher das Ende des Königsgeschlechtes der Inka dokumentiert ist. Darüber hinaus soll sie den Weg nach Vilcabamba, dem letzten Rückzugsort der untergehenden Inka-Königsdynastie, wo der Sage nach ein immenser Goldschatz versteckt sein soll, weisen.

Die Ereignisse überschlagen sich, Sebastiáns Onkel wird ebenfalls ermordet, die Obrigkeit Madrids erfährt von dem Duell und er muss schließlich die Stadt verlassen. Doch statt dies auf dem regulären Weg zu tun, findet er sich wenige Zeit später als blinder Passagier auf dem Schiff des Marqués wieder. Auf diesem trifft er auch die junge, schöne Mestizin Umina wieder, die ihm auf der Theaterpremier aufgefallen war und die er insgeheim verdächtigt, für die Morde an seinem Vater und seinem Onkel verantwortlich zu sein.

Schnell klärt sich allerdings, dass Sebastián nur mit ihrer Hilfe die geheimnisvolle Chronik verstehen kann. Zusammen finden sie heraus, dass die Schnur, mit welcher die Blätter der Chronik gebunden wurde, und nicht die Chronik selbst den Weg beschreibt, denn bei dieser Schnur handelt es sich um ein ?Quipu?, ein Zeugnis der Knotenschrift der Inkas. Um dieses Schriftstück entziffern zu können, müssen die beiden allerdings erst in der neuen Welt ankommen und dort einen der wenigen noch lebenden Schriftverständigen ausfindig machen. Darüber hinaus ist auch der Marqués der Montilla hinter dem Schatz her und er hat einen ebenso skrupellosen Verbündeten in der neuen Welt: Alonso Carvajal.

Wettlauf mit der Zeit

Kaum legt das Schiff in Callaos an, entbrennt ein gnadenloser Wettstreit zwischen Sebastián und Umina auf der einen, dem Marqués und Carvajal auf der anderen Seite. Nachdem das Quipu entschlüsselt ist, führt die Suche nach den in ihm beschriebenen Hinweisen die beiden auf einer von Anstrengungen und Abenteuern geprägten Reise durch das ehemalige Land der Inkas. Neben den Hinweisen erhellt sich für die beiden auch die Geschichte ihrer Vorfahren und somit ihrer selbst.

Fazit

Agustín Sánchez Vidal liefert mit ?Quipu? ein lebendiges, schillerndes Bild von Spanien und Peru im späten 18. Jahrhundert – mit einer spannenden, abwechslungsreichen Schatzsuche garniert. Neben der Hauptgeschichte erfährt der Leser durch Rückblicke aus der Chronik die Geschichte des Kampfes der Inkas gegen die Spanier und auch die Lebenswelt der Inkas. Allem voran ihre äußerst eigene Form der Schrift, die ja das Hauptthema des Buches und namensgebend ist, wird ausführlich beschrieben. In einen ansprechenden Stil geschrieben bietet das Buch ein kurzweiliges sowie informatives und anregendes Leseerlebnis. Einziger Kritikpunkt ist die Fülle der Handlungen, die auf den 461 Seiten erzählt werden, da der Verlauf hierdurch an einigen Stellen sehr überstürzt wirkt. Doch allein die äußerst interessante Themenwahl macht dies mehr als wett?

Abgerundet wird das Buch durch ein Nachwort des Autors, in dem der historischen Gehalt des Buches sowie noch einmal die Thematik der bis heute nicht zu entschlüsselnden Quipus angesprochen wird. Darüber hinaus kommt die deutsche Erstausgabe in einem stilvoll gestalteten Umschlag mit Prägung.

Manuel Kamenzin

Agustín Sánchez Vidal
Quipu
461 Seiten
14,90 Euro

Deutscher Taschenbuch Verlag


Stand März 2010

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