Paul Potts: Das Aschenputtel aus Wales

Ein begnadeter Sänger und DAS Opern-Ausnahmetalent Großbritanniens fristet ein unbedeutendes Leben als Handyverkäufer, umgeben von der feindseligen Macho-Gesellschaft der walisischen Hafenstadt Port Talbot. Bis Paul Potts durch eine Castingshow berühmt wird und sein altes Leben voller Hänseleien und Schicksalsschläge hinter sich lassen kann.

Von Miri Köbner

 

 

Diesen Teil der Geschichte von Paul Potts kennt schon jeder, der Film erzählt, was davor passierte.

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Paul Potts führt ein trostloses Leben in der walisischen Provinz. Nach einem Unfall ist er arbeitsunfähig, seine Frau muss zwei Schichten am Tag arbeiten und dennoch wachsen ihnen die Schulden über den Kopf. Doch dann weist sie eine Pop-Up-Werbung auf die Castingshow „Britain`s Got Talent“ hin, wo der Gewinner 100 000 Pfund bekommt. Paul Potts meldet sich an und das Blatt wendet sich.

Der Film „One Chance – Einmal im Leben“ (Regie: David Frankel; „Marley und Ich“, „Der Teufel trägt Prada“) erzählt die altbekannte Geschichte vom unentdeckten Wunderkind.  Allerdings anders, als erwartet. Denn der Auftritt in der Show, der Paul Potts berühmt gemacht hat und der bis heute über 123 Millionen Mal auf Youtube angesehen wurde, ist der Höhepunkt und quasi das Ende vom Film. Und da dieses Ende bereits jeder kennt, muss der Film vorher punkten. Und das tut er durch eine humorvolle und empathische Erzählweise, die Tragik und britische Komik miteinander vereint.

Anfeindungen und Ablehnung machen Paul Potts so liebenswert schüchtern

Der Weg hin zum gefeierten Opernstar wird dargestellt als Leidensweg, auf dem Paul Potts (sehr sympathisch gespielt von James Corden; „Little Britain“) eigentlich nur drei Unterstützer begleiten: Seine Mutter (Julie Walters; „Harry Potter“ ), sein Freund und Filialleiter im Handyladen,  Braddon (Mackenzie Crook; „Game of Thrones“), und seine Freundin und spätere Frau Julz (Alexandra Roach; „Die eiserne Lady“). Der Rest der Welt scheint gegen ihn zu sein. Schon als kleiner Junge singt Potts leidenschaftlich gerne und wird deshalb und wegen seiner Pummeligkeit von seinen Mitschülern gehänselt. Diese Ablehnung der Gleichaltrigen wird im Film verkörpert von seinem hasserfüllten Antagonisten Matthew, der ihn seit der Kindheit drangsaliert, immer wieder mit seiner Gang zusammenschlägt und demütigt. 

Auch sein Vater, der wie ein richtiger Mann im Stahlwerk arbeitet und sehr glaubhaft von Colm Meany („Con Air“) gespielt wird, schämt sich für die Leidenschaft zum Opernsingen seines Sohnes. Er macht die Musik aus, wenn Paul dazu dirigiert und beschimpft ihn für seine „schwuchtlige“ Leidenschaft. Die Zurückweisung seiner Umwelt prägt Pauls ganzes Wesen und Auftreten, er hat kein Selbstvertrauen, ist wahnsinnig schüchtern, ängstlich und nervös. Seine schiefen Zähne (Zu Beginn der Castingshow ein viel besprochenes Thema und eins der ersten Dinge, die er nach seinem Erfolg änderte) werden damit erklärt, dass er auf der Flucht vor seinen Peinigern gegen ein Gerüst läuft und sich dabei Zähne ausschlägt.

Aber es gibt auch Lichtblicke in Pauls Leben: Seine Mutter verteidigt ihn gegen die Angriffe des Vaters und glaubt an sein Talent. Genauso der kauzige und halb in der Online-Welt lebende Braddon, der Paul immer wieder zu Auftritten ermutigt und in seinem Namen mit dessen Internetbekanntschaft Julz endlich ein Treffen vereinbart. Julz ist warmherzig und freundlich und vor allem eine Frau (was Braddon und Paul am meisten erleichtert)  und es ist Liebe auf den ersten Blick. Auch sie unterstützt ihren Freund wo es nur geht und ermutigt ihn, sich den Traum von einer professionellen Ausbildung an der Opernschule zu erfüllen. Dazu nimmt er bei einem Talentwettbewerb im Pub teil, durch den er das fehlende Geld gewinnt. 

Potts Vater schämt sich für die Leidenschaft seines Sohnes, während seine Mutter an sein Talent glaubt.

Pavarotti zerstört Potts Träume

In Venedig schlägt Paul sich soweit ganz gut, doch als seine Gesangspartnerin sich in ihn verliebt, verliert er die Fassung und versagt beim Vorsingen vor Luciano Pavarotti. Dieser spart nicht mit Entmutigungen und stellt bei so wenig Selbstvertrauen und Nerven eine Eignung zum Opernsänger grundsätzlich in Frage. Paul ist am Boden zerstört und bricht die Ausbildung ab. Da er zu feige ist, Julz davon zu erzählen ruft er sie wochenlang nicht an, nun scheint er auch sie verloren zu haben…

Mit vielen weiteren Höhen und Tiefen geht die Geschichte weiter, wobei sich die Spirale eher abwärts dreht: Paul erleidet eine Blinddarmentzündung, muss operiert werden und es wird ein Tumor im Hals entdeckt.  Nach der Behandlung ist nicht klar, ob er je wieder singen können wird. Später entdeckt er, dass er wieder ohne Schmerzen singen kann und wird Opern schmetternd auf dem Rad von einem Auto überfahren. Er überlebt schwer verletzt, aber es ist wiederum nicht klar, ob seine Stimme zurückkehren wird. Diese Rückschläge wirken im Film ziemlich konstruiert, allerdings sind sie nicht erfunden, sondern nach der Biographie Paul Potts im Drehbuch von Justin Zackham niedergeschrieben (Pünktlich zum Film erscheint im Herder-Verlag die Autobiographie von Paul Potts selbst). Alles im Film entspricht natürlich nicht der Wahrheit, aber diese Schicksalsschläge ereigneten sich tatsächlich in den zwei Jahren vor „Britain`s Got Talent“.

Eine humorvoll erzählte Tragödie mit Happy End

Insgesamt wird die Geschichte, so dramatisch und düster sie streckenweise auch angelegt sein mag, sehr leicht und humorvoll erzählt. Besondere Anerkennung muss den Schauspielern zukommen, die der eigentlich deprimierenden Story Witz und Charme verleihen.  Vor allem Braddon, der unfähige Filialleiter mit einem nerdigen Hang zu Fantasyspielen lockert den Film ungemein auf, aber auch die von Julie Walters sehr warmherzig und augenzwinkernd gespielte Mutter Yvonne sorgt für Wohlfühlmomente. Den Löwenanteil des Lobs für die Überzeugungskraftes des Films allerdings erhält James Corden, der Paul Potts in all seiner Schüchternheit und Unschuld verkörpert und es dabei schafft, sowohl sein Leid, als auch seine Leidenschaft glaubhaft zu vermitteln. Nur im Singen kommt er dem Original nicht nahe: Alle Gesangsszenen wurden von Paul Potts selbst synchronisiert. 

Mit „der nächste Billy Elliot“ wird der Film auf dem Kinoplakat beworben und der Vergleich trifft es sehr gut: Wem „Billy Elliot – i will dance“ gefallen hat, dem gefällt auch „One Chance – Einmal im Leben“. Der Film ist lustig, aber auch ergreifend und erzählt authentisch und mit viel Zuneigung  Paul Potts Leben und Werden, ohne komplett zu einer kitschigen Hymne auf den verkannten Opernstar zu verkommen. Die zentrale Botschaft ist „Halte an deinen Träumen fest, glaub an dich und nutze deine Chancen!“, ein bisschen Kitsch ist bei so einem Motto schon erlaubt.


One Chance – Einmal im Leben

Regie: David Frankel
Mit: James Corden, Julie Walters, Mackenzie Crook, Colm Meany und Alexandra Roach

Kinostart: 22. Mai im Concorde Filmverleih

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