Orhan Pamuk: Schnee

„Mit dem Instinkt derer, die sich an ihr bescheidenes Liebesleben nur als eine Serie von Leid und Scham erinnern, fürchtete Ka wie den Tod sich zu verlieben.“ (Seite 21-22)

Der erste Gedanke, der mich nach dem Schließen des Buches überkam, war die absolute Rechtfertigung des Literaturnobelpreises. Was Orhan Pamuk hier mit klaren Worten und wunderschönen Formulierungen wiedergegeben hat, ist eine fremde Welt. So voller Schönheit und Grausamkeit, dass der gemeine Europäer an seinen Grundfesten rütteln muss. Vorurteile bestimmen unser Leben. Und vielleicht trägt dieses Werk harmonischer Schönheit wenigstens ein klein wenig zur Verminderung derselbigen bei.

Konfrontation mit der eigenen Identität

Ka ist Dichter, Journalist, Weltgewandter. Nach Jahren in Deutschland kehrt er in seine Heimat zurück, um sich einer Selbstmordserie junger Mädchen zu widmen. Doch auch seine eigene Unzufriedenheit, seine Suche nach dem Glück und sein Stolz führen ihn in das Kleinstädtchen Kars.

Er trifft auf gläubige Anhänger des Staates, aufrührerische Revolutionäre, alteingesessene Lethargiker. Doch er macht nicht nur neue Bekanntschaften. Ka wird mit seiner Identität konfrontiert und scheint endlich zu sich selbst zu finden. Und über allem: Schnee. Pausenlos fällt er und lässt die Konturen der Realität verschwimmen.

Abbau von Stereotypen

Und ganz nebenbei werden auch noch viele wissenswerte Dinge vermittelt. Die Türkei, mit der wir stets Kopftücher und altertümliche Bräuche verbinden, ist aber viel fortschrittlicher als wir es für möglich hielten. So befürwortet der Staat beispielsweise die Entschleierung der Universitäten, während sich einige Studentinnen vehement dagegen wehren.

Der Kontrast zwischen Islamisierung und Verwestlichung wird somit zum Hauptkonflikt. Und so langsam stärkt sich das Bewusstsein, wie wenig wir doch wissen. Mit dem ebenso sensiblen wie launischen Ka hat Orhan Pamuk in seinem Roman Schnee eine identifikationsfähige Figur erschaffen.

Begnadete Lesestunden

Das Buch zeichnet sich durch seinen sprachlichen Reichtum und seine zarten Deutungen der menschlichen Natur aus. Realität und Fiktion gehen Hand in Hand einher und schenken begnadete Lesestunden. Auch die Aufmachung des Buches sollte nicht unerwähnt bleiben. Mit einem Format von 14x9cm passt es bequem in jede Tasche und bildet ein Schmuckstück in jeder Büchersammlung.

Einzig das gesangsbuchartig dünne Papier ist vielleicht etwas nachteilig, da es unheimlich schnell reißen kann. Wer also eine interessante und poetische Geschichte voller Kultur, Politik und Religion sucht, der sollte zu diesem wunderschönen Büchlein greifen und einen Ausflug in das verschneite Städtchen Kars wagen.

Anne Warsönke

Orhan Pamuk
Schnee
810 Seiten
10 Euro

Fischer

Stand Winter 2009
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