Ökonerds und andere Spinner

Grüne aus Überzeugung und Lehrerin von Beruf – dass das Leben mit einer wie Friederike nicht leicht ist, sollte klar sein. Als es die Piraten ins Berliner Abgeordnetenhaus schaffen steht ihre heile Ökowelt Kopf. Als Aktivistin aus Leidenschaft steht für sie fest: Dieser Sauhaufen muss kalt gestellt werden. Notfalls von innen heraus!

Ökonerds und andere Spinner
Bei den Piraten betritt Friederike öfters mal Neuland, auch wenn sie mit dem Computer an sich schon vertraut ist. © Franziska Kleinschmidt/pixelio.de

Als blinder Passagier bei den Piraten

Jahrelang war die Republik mit dem bewährten Parteieninventar gut ausgekommen. Dann kamen sie. Die Piraten waren nach dem Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus 2011 plötzlich in aller Munde und den wenigsten geheuer. Ganz besonders skeptisch steht ihnen eine Urgrüne gegenüber: Friederike Wolff. Lehrerin, alleinerziehend und stocksauer. Ihre Grünen wollen diese halbseidenen möchtegern Korsaren ablösen als das Innovativste und Protestlerischste was der Politikbetrieb hergibt. Längst in der Realität des politischen Mainstreams seien sie und ihre Parteigenossen angekommen. Das kann und will sie einfach nicht auf sich sitzen lassen.

Weil sie glaubt dass er eine Idee für ein Youtube-Video von ihr geklaut hat stürzt sie sich voller Hass und Eifer in Recherchen um Volker Plauschenat, einen der 15 Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus, und mit ihm am besten die ganze Partei zu Fall zu bringen. Sie taucht also ab in die Welt der Netzpiraten und Nerds. Tiefer als sie anfangs dachte. Und irgendwann stellt sie sich die Frage: Hatte sie die Piraten verändert oder hatten die Piraten sie verändert?

Wahllektüre der unterhaltsamen Art

Zusammen mit Friederike – Erika Mustermann ist ihr Pseudonym unter den Piraten – lernt der Leser eine Partei kennen, die zwischen politischer Innovation und Selbstzerfleischung versucht ihren Weg zu finden. Nebenbei gibt es natürlich auch unterhaltsame Abstecher zu Friederikes Grünen und dem lokalen Berliner Politwahnsinn. 

Ökonerds und andere Spinner

Eines steht nach diesem Buch fest: Robert Löhr kann auf Gegenwart! „Erika Mustermann“ ist genauso unterhaltsam, kurzweilig und kenntnisreich wie seine Ausflüge in die Vergangenheit der deutschen Literatur (Das Erlkönig-Manöver, Der Krieg der Sänger). Sowohl die grüne als auch die piratische Gedankenwelt und ihre Biotope bringt er dem Leser mit all ihren Eigenheiten und Problemen charmant näher. Fast schon gespenstisch ist es, wenn man bedenkt, dass Löhr während des Schreibens eigentlich noch keine Ahnung vom ganzen grausigen Ausmaß des Berliner Flughafen-Debakels oder aber der piratischen Selbstzerstörung haben konnte. Dabei trifft er beide Prozesse zielsicher und perfekt so eben im Vorbeigehen.

Die wahrscheinlich unterhaltsamste Wahllektüre die sich in diesem Super-Wahl-Herbst auftreiben lässt.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Robert Löhr. Erika Mustermann
16,99 Euro. Piper

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