„Nur mit Geld kann man nicht unbedingt große Filme machen“

Roland Emmerich, einer der wenigen Deutschen im Filmgeschäft, die es in Amerika zu großen Ruhm gebracht hat. Seine Filme haben weltweit über drei Milliarden Dollar eingespielt. Er ist bekannt für seine opulenten Zerstörungsfilme, wie „Independence Day“, „The Day After Tomorrow“ oder „2012“. In seinem neuesten Film verlässt der Regisseur, Produzent und Drehbuchschreiber jedoch dieses Genre und widmet sich dem elisabethanischen Theater. In „Anonymus“ beschäftigt sich Emmerich mit der Frage nach der Urheberschaft Shakespeares und vertritt dabei die „Anti-Standford-These“. Im academicworld-Interview spricht der gebürtige Stuttgarter über kleine Budgets, seine Schauspieler und deutsches Kino in Amerika. 

Roland Emmerich bei den Dreharbeiten zu „Anonymus“ ©2010 Sony Pictures Releasing GmbH

Herzlich Willkommen in Berlin, Herr Emmerich. Sie leben ja größtenteils in Los Angeles. Ist Deutschland trotzdem noch Heimat für Sie?
Ja natürlich, aber für mich ist Heimat mehr Stuttgart. Das Haus, in dem meine Mutter wohnt, weil da bin ich aufgewachsen. Aber in Berlin bin natürlich auch sehr gerne.

Wie viele Morddrohungen gab es denn bis jetzt aus England, nachdem was Sie mit dem ehrwürdigen Shakespeare gemacht haben?
Also Morddrohungen keine, aber die sind schwer sauer auf der Insel. Aber die waren ja schon sauer, als ich „The Patriot“ gemacht habe. Da habe ich sie ja auch nicht wirklich gut aussehen lassen. Ich habe das erwartet, aber es hat mich nicht abgehalten, denn wenn man von etwas überzeugt ist, dann muss man auch gegen Widerstände kämpfen.

Wie sind sie zum Thema Shakespeare gekommen?
Als ich aufgewachsen bin, wurde Shakespeare an der Schule nicht gelehrt. Das war auch gut so, denn hier gibt es ja Goethe, Schiller, Thomas Mann und andere Leute, die man lesen sollte. Mein erster Berührungspunkt mit Shakespeare waren die Filme von Kenneth Branagh, der den Stoff immer super schmissig inszeniert hat. Da ist mir bewusst geworden, dass dieses Thema auch für mich interessant sein könnte. Dann habe ich vor zehn Jahren das Drehbuch gelesen und mich zum ersten Mal ernsthaft mit Shakespeare beschäftigt.

Sie haben jahrelang Filme mit Riesenbudgets von über 100 Millionen Dollar gedreht. Jetzt haben Sie einen Film für einen Bruchteil dieser Summe produziert und trotzdem sieht „Anonymus“ aus, wie eine äußerst teure Produktion.
Mir war bewusst, dass Visual Effects enorm dabei helfen können, ganz bestimmte Kostümfilme oder historische Filme, so zu machen, dass sie riesig aussehen, aber relativ wenig kosten. Nur mit Geld kann man nicht unbedingt große Filme machen. Und das Interessante ist, dass man selten Filme sieht, die zu einem Drittel vor Blue Screen gedreht wurden. Ich habe davor bereits bei „2012“ auf der ganzen Welt drehen müssen, ohne Vancouver einmal zu verlassen. Ich wusste also schon, wie unglaublich weit man Sachen im Computer bauen kann, damit diese absolut fotoreal aussehen.

Sie haben ja für den Film jahrelang heftig kämpfen müssen. Nachdem Sie Blockbuster gedreht haben, ist das doch verwunderlich, dass Sie um so einen, eher kleinen Film trotzdem streiten müssen. Was war hier Ihre Antriebskraft?
Da stand vor allem mein persönliches Interesse im Vordergrund. Ich fand das Drehbuch einfach toll und konnte mich total in die Rolle des Oxford reinversetzten, da er sehr viele Emotionen hat, die er aber für sich behalten muss und damit nicht an die Öffentlichkeit gehen konnte. Dazu kommt eine sehr interessante Liebesgeschichte, in der jemand aus politischen Gründen nicht Mutter werden darf. Diese und andere Elemente haben mir sehr gut gefallen.

Immer gut gelaunt: Emmerich in Berlin ©2010 Sony Pictures Releasing GmbH

Das Ensemble von „Anonymus“ ist bis in die Nebenrollen hinein authentisch besetzt. Welche Kriterien galten bei der Wahl der Schauspieler? Wie wichtig war die bisherige Theatererfahrung?
Die Theatererfahrung war natürlich ausschlaggebend. Auch sollten es vor allem britische Schauspieler sein, denn die mussten natürlich auch sprachlich auf der Höhe sein. Es sollten keine Schauspieler mit hoher Gage sein, also keine allzu berühmten Namen, aber trotzdem wollte ich die oberste Riege der Theaterschauspieler. Mit wenig Geld das Beste rausholen und das ist uns ja auch gelungen.

Wie sind Ihrer Meinung nach die Erfolgsaussichten den Films?
Ich habe oft gehört: „Shakespeare, ich weiß nicht so recht, ob sich die Leute dafür interessieren“. Ich glaube auch, dass der Film nicht sehr viel Geld einspielen wird, weil das Thema, für die große Masse, einfach zu schwierig ist, aber ich denke ich habe mir das verdient.

„Anonymus“ ist ein starker Schauspieler/Regisseurfilm geworden, haben Sie beim Drehen andere Seiten an sich als Regisseur bemerkt?
Ich habe mich als Regisseur verändert, denn als ich in Amerika zu drehen angefangen habe, war ich noch etwas schüchtern, weil ich auch gedacht habe, ich spreche nicht gut genug Englisch und ich war auch eher an der visuellen Seite interessiert. Aber ich habe immer gewusst, wenn man gute Schauspieler hat, bekommt man gute Performances. Heute bin ich eher bereit den Schauspielern mehr zu sagen, was ich von ihnen möchte und ihnen Tipps zu geben. Im Grunde bin ich aber jemand, der eher leise Ratschläge gibt und nicht am Set mit einem Megaphon rumrennt.

Haben Sie in Ihrem Leben geblufft? So wie Shakespeare?
Nein. In der Schule habe ich manchmal betrogen, sonst hätte ich das Abitur nicht geschafft.

Was war ausschlaggebend, die Rolle der Elisabeth mit dem Mutter/Tochtergespann Joely Richardson und Vanessa Redgrave zu besetzen?
Ich hatte bei „The Patriot“ mit Joely zusammengearbeitet und kannte sie bereits. Von der Art und Äußerlichkeit her, aber auch wie ich mir die ältere Elisabeth vorgestellt habe, dachte ich sofort an ihre Mutter Vanessa Redgrave. Für einen Regisseur ist das natürlich besonders passend, wenn ein Charakter nach einem Zeitsprung, von einem anderen Schauspieler gespielt wird, bei dem die Gesichtszüge immer noch zu erkennen sind.

Sie leben in Deutschland und den USA. Folglich kennen Sie beide Kulturen und Gewohnheiten aus nächster Nähe. Warum tun sich deutsche Filme mit deutschen Themen in Amerika – mit Ausnahme solcher über das Dritte Reich – so schwer?
Deutsche Filme mit deutscher Sprache werden sofort untertitelt und das sagt sofort: Kunstfilm. Das ist für das normale Publikum dann nicht mehr interessant. Das Dritte Reich kennt eben auch jeder und ist deswegen ein populäres Thema in Amerika. „Lola rennt“ war auch in den USA ein großer Erfolg, aber sonst gilt, das in Englisch gedreht werden muss, dann ist auch das Thema nicht so entscheidend.

Filmkritik zu „Anonymus“ auf academicworld.net



Roland Emmerich
wurde am 10. November 1955 in Stuttgart-Obertürkheim geboren. Anfangs studierte er an der Hochschule für Fernsehen und Film München Szenenbild, wechselte jedoch, nachdem er Star Wars gesehen hatte, ins Regiefach. Emmerich lebt in Los Angeles, London und Stuttgart.

Filmographie Roland Emmerich:

1979: Franzmann
1980: Altosax
1984: The Noah’s Ark Principle
1985: Making Contact
1987: Ghost Chase
1990: Moon 44
1991: Eye of the Storm
1992: Universal Soldier
1994: The High Crusade
1994: Stargate
1996: Independence Day
1998: Godzilla
1999: The Thirteenth Floor
2000: Der Patriot
2002: Eight Legged Freaks
2004: The Day After Tomorrow
2007: Trade
2008: 10.000 BC
2009: 2012
2011: Anonymus


Stand November 2011

Share.