Nur für Personal!

„Liberté, Égalité, Fraternité“ macht sich zwar gut als nationale Maxime Frankreichs, offenbart im Alltag freilich einige Tücken. Vor allem die potentielle Gleichheit zwischen Dienstpersonal und Hausherrn kann für Irritationen sorgen, wenn einer der beiden die sozialen wie räumlichen Grenzen bewußt überschreitet: „Nur für Personal!“, ab 3.11. im Kino.

Filmplakat für ‚Nur für Personal‘ © Concorde Film

Bonjour Bourgeoisie
Monsieur Joubert (Fabrice Luchini) führt ein perfekt geordnetes, höchst respektables Leben als erfolgreicher Börsenmakler mit defensiv-neurotischer Ehefrau Suzanne (Sandrine Kiberlain) und zwei versnobten Söhnen im Internat. Architektonischer Ausdruck dieser anerkannt öden Existenz ist seine elegante Wohnung in einem noblen Pariser Bezirk, neuerdings von dem ebenso liebenswürdigen wie klugen Dienstmädchen María (Natalia Verbeke) geführt. Und weil wir uns in den 1960er Jahren befinden, stammt diese nicht etwa von den Philippinen oder ähnlich fernen Orten, sondern aus Spanien.

Wie unter den feinen Damen der Pariser Gesellschaft bekannt ist, erweisen sich Spanierinnen als gutes Personal, weil sie sauber, ordentlich und fleißig sind. Jede ist wahrlich ‚la bonne‘. Dass sie darüber hinaus auch Menschen mit Freuden und Sorgen, gar Bedürfnissen sind, hat sich bisher noch nicht herumgesprochen. Umso größer ist Monsieur Jouberts Erstaunen, als er in den winzigen Dachkammern der 6. Etage seines Stadthauses, wo die spanischen Dienstmädchen sämtlicher umgebenden Appartements übernachten, eine ungekannte Lebensfreude und unerwartete Herzlichkeit findet, die ihn ebenso verwirrt wie anzieht. Plötzlich entdeckt er seine altruistische Ader für die Arbeiterklasse, unterstützt die Angestellten in vielfältiger Hinsicht, während er gleichzeitig bei ihnen Abstand zu seinem monotonen, phantasielosen Alltag sucht. Als er schließlich dort oben bei ihnen einzieht, stürzt er nicht nur seine Gattin in Konfusion.

Monsieur Joubert lässt sich von der Lebensfreude der spanischen Dienstmädchen anstecken © Concorde Film

Au Revoir Tristesse
Beflügelt von Jérôme Tonnerres delikat beschwingtem Drehbuch, hat Mitautor und Regisseur Philippe Le Guay seinen Film in die luftigen Sphären eines komödiantischen Sozialmärchens emporgehoben, ohne jedoch die Bodenhaftung zu verlieren. Allein die herrlich aufspielenden Nebendarstellerinnen (unter anderem Carmen Maura, Lola Dueñas und Berta Ojea) als spanische Dienstmädchen sorgen für charismatische Wucht, verkörpern Frauen mit pragmatischer Würde und überschäumender Emotionalität, die in der Fremde freundschaftlich zusammenhalten. Das Schönste: Nie lassen sie sich den Spaß an jener anstrengend-komplizierten Sache nehmen, die sich menschliches Dasein nennt.

Wenn Madame Joubert nach einem strapaziös nutzlosen Tag völlig erschöpft in den Sessel fällt, planen die munteren Frauen aus dem 6. Stock vielleicht noch eine Paella-Party oder singen Volksweisen zur Gitarre. Schon bald brummelt auch der Herr des Hauses jene Lieder mit, lernt er doch heimlich Spanisch und hat zudem ein vorsichtiges Auge auf die wirklich bezaubernde María, seine ‚Venus im Bade‘, geworfen. Glücklicherweise wird diese Lovestory nur gestreift, vielmehr der Fokus auf den ‚culture clash‘ zwischen landestypischen Mentalitäten und gesellschaftlichen Positionen gerichtet.

Dass hierbei viele Klischees zum Tragen kommen, ist offensichtlich, aber akzeptabel, werden sie schließlich vom heiteren Charme der Geschichte, deren kultivierter Präsentation sowie dem rundum tollen Schauspieler-Ensemble sympathisch aufgewertet. Natalia Verbekes hinreißendes Lächeln läßt keinen Zweifel daran aufkommen, dass südländisches Temperament letztlich die Konventionen des französischen Bürgertums sprengen kann, wiederum facettenreich gespiegelt in Patrice Luchinis Wandlung vom konservativ-förmlichen, stets befangenen Langweiler zum galanten, über die eigene Entspanntheit staunenden Genießer. Sogar der Score von Jorge Arriagada schlägt sich alsbald mit spanischen Gitarrenklängen auf die Seite der vitalen Dienstboten.

Maria (Natalia Verbeke) bringt Freude ins triste bourgeoise Leben der 60er Jahre © Concorde Film

L’Amour Toujours
Taktvoll wie sich „Nur für Personal!“ gibt, wird keine der Personen diffamiert, vor allem nicht die unzugängliche, stark verunsicherte Madame Joubert. Ohne direkt an der Metamorphose des Gatten teilzuhaben, spürt auch sie etwas vom frischen Wind in den holzvertäfelten Wänden ihrer Wohnung, läßt sich gar selbst ein wenig inspirieren. Solche Freundlichkeit, die der Film seinen Figuren gewährt, breitet sich gleich einem duftigen Hauch im stilechten 1960er-Ambiente aus, umgeht allzu missliche Milieuproblematik und verheißt stattdessen die Möglichkeit einer sanften Revolution. Derart unbekümmert naive Nostalgie fern allen politischen Sendungsbewusstseins darf sein!

Just in dem Moment, als die Situation für alle Beteiligten eskaliert und entweder ins Chaos oder in einen Neuanfang kippen könnte, bricht die Story ab, um dann drei Jahre später wieder einzusetzen. So wie hier die Erwartungshaltung des Zuschauers unterlaufen wird, gibt es kurz vor dem Ende nochmals eine reizende Pointe. Nicht ein Franzose erweist sich als Kenner der Liebe, sondern ein schon jahrelang an seinem Häuschen herumwerkelnder, von seiner Frau nicht ganz ernst genommener Spanier hat das rechte Gespür für ’l’amour’ und weist den Weg zum Glück. Olé!

(Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net)

Nur Für Personal!

Regie: Philippe Le Guay
Darsteller: Fabrice Luchini, Sandrine Kiberlain, Natalia Verbeke, Carmen Maura
Kinostart: 3. November 2011

Im Verleih von Concorde Film


Stand: Herbst 2011

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