New New York

Was mich dieses Jahr wieder aufs Neue verwundert ist die Vielfalt an Menschen, die man hier in New York findet. Es scheint geradezu aberwitzig, dass es bei uns in Deutschland ein Buch gibt von einem gewissen Herrn Sarrazin, das behauptet, Deutschland schaffe sich ab, weil es zu viele Fremde rein lasse.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin und academicworld-Expertin

Die USA sind ein Einwanderungsland und nirgendwo wird das deutlicher, als in New York. Damit einher geht eine große Toleranz für die Andersartigkeit: Jeder kann hier rum laufen wie er will, im Sari oder als Spätpunk, als hipper Nerd oder in Alt-68er: Er wird vielleicht angeschaut, aber niemals schräg. Alle scheinen sich über Individualität zu freuen, keiner findet es komisch, die anderen sind eher neugierig darauf. Man wird gefragt woher man kommt, was man macht und es kann niemals zu viel oder zu ungewöhnlich sein.

„You know I am a psychologist and philosoph, sometimes I work for TV, but I am also writing books and in the moment I make my PhD in Vienna, but normally I live in Munich…” hat hier zur Antwort: “Oh great, I come from Toronto, I stayed the last three years in London, I am a photographer, but in the moment I am organizing the ATP tennis tornament…”. In Deutschland bekäme man die Antwort: “Hä, und was machst Du jetzt eigentlich?!”

Es gibt natürlich eine Kehrseite. Und die heißt Erfolg. Was immer man hier tut, man muss Erfolg haben, allein um die astronomischen Mieten zahlen zu können. Auch wenn Kaffeepreise (und ich spreche selbstverständlich von gutem Café – braune Suddelbrühe ist echt out in New York) und Tai-Food-Tarife den Münchner weniger schocken, fragt man sich, wie es hier (außer Investmentbanker) besonders die fast ausschließlich u-30-Jährigen schaffen durchzukommen – selbst wenn sie sich WGs drüben in Williamsburg teilen. (Und dann wären da trotzdem die mausgroßen Kakerlaken und hundgroßen Ratten, die nicht nur nachts um die auf den Bürgersteigen lagernden Berge von Mülltüten kreisen, mitten in einem Viertel wie TriBeCa, wo der Quadratmeter Wohnfläche 15.000 Dollar kostet – im günstigsten Fall….aber das ist ein anderes Thema.)

Nicht umsonst heißt es über New York: If you make it there you make it anywhere… Vielleicht meint das aber auch nur: Alleine, es zu schaffen, hier zu überleben, reicht als Lebenssinn eigentlich schon aus. Es reicht New Yorker zu sein! Man hat hier, wie ich letztes Jahr schon feststellte, sofort das Gefühl nichts mehr zu verpassen. Und das liegt an der kreativen, sich gegenseitig befruchtenden Vielfalt, die Herr Sarrazin so ablehnt.

Die Kehrseite der Vielfalt ist die mangelnde Solidarität mit Menschen, die nicht zur eigenen Familie gehören, wenn ihr Erfolg ausbleibt.  Mitgefühl gegenüber Misserfolg und Armut aufgrund ungerechte Chancenverteilung gibt es hier kaum, jedenfalls nicht in Form von Handlungen: Jeder kann sein wie er ist, aber wenn er ein schlechtes Elternhaus und schlechte Schulbildung hat, hat er eben Pech gehabt. Es gibt Leute, die haben es trotzdem geschafft. Muss man sich halt etwas mehr anstrengen.

Das „we“ aus „Yes, we can“ meint nur die eigenen Leute, nicht die Gemeinschaft aller USA-Einwohner. Und hier wird die Psyche des Menschen als Gruppenwesen wieder sehr deutlich: Man setzt die Kräfte nur für die Menschen ein, die der eigenen Gruppe angehören. Das kann sogar der eigene Volksstamm sein, hier in der fremden Umgebung des Einwanderungslandes oder die Religionsgemeinschaft der zahlreichen verschiedenen Gotteshäuser. Aber es ist nicht das ganze Volk , denn da gäbe es kaum Identifikationspotential – außer alle sind hier und wollen hier möglichst von Steuer und Staat unbehelligt ihr eigenes Ding machen. Und da wären wir gar nicht so weit weg von Herrn Sarrazin, der seine Steuern nicht für libanesische Großfamilien ohne Arbeitswillen investiert sehen will.

Leider lässt sich die menschliche Natur, die für sich und die eigene Gruppe den größtmöglichen Vorteil sucht, nicht abschaffen. Genau das will Herr Sarrazin genauso, wie jede irische oder indische Einwanderfamilie der USA auch. Aber Ignoranz gegenüber ungleichen Chancen ist genauso ungerecht wie Aussperren – noch dazu seit dem wir wissen, wie entscheidend die emotionalen Grundmuster in den ersten drei bis sechs Lebensjahren sind. Wir mögen in politischen Systemen leben, aber wir tun es immer als individuell geprägte Individuen mit menschlicher Natur. Wie viel arbeitswillige Intelligenz wandert ein, im Gegenzug zur potentiellen Kriminalitätsrate? Was wäre die Lösung? Ein härteres Durchgreifen? Ein härteres Durchgreifen in der frühkindlichen Bildung? Kann man Einwanderer und Eingeborene dazu zwingen ihre kleinen Kinder zu fördern? Und der große Vorteil der USA und Deutschland im globalen Wettbewerb unserer übervölkerten Erde ist die kreative Freiheit der gebildeten, emotional stabilen Individuen. Mindestens damit sollten wir uns als Völker der westlichen Welt identifizieren. 

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