Neurosen. TEIL I

Warum gibt es eigentlich Neurosen – oder ist der Mensch von Natur aus schlecht? Eine Vermutung.

Psychologin und Bestsellerautorin Katharina Ohana

Wir alle kennen Menschen, die sich völlig „unlogisch“ verhalten: Männer und Frauen, die immer wieder den gleichen Typ Partner wählen, der sie betrügt, misshandelt oder ausnutzt und trotzdem können sie sich nicht von ihm lösen. Wir hören in den Nachrichten von Jugendlichen, die plötzlich Mitschüler erschießen oder bestialisch quälen, Familienväter, die ihre Angehörigen abschlachten, Mütter, die ihre Kinder verhungern lassen. Wir kennen Leute, die rauchen, obwohl ihr Vater oder ihre Mutter an Lungenkrebs gestorben ist, Menschen, die trotz unglaublichen Reichtums noch viel mehr Geld scheffeln wollen. Und immer fragen wir uns: Warum tun die das?

Es scheint auf den ersten Blick keine „logische“ Erklärung für solch ein grausames oder selbstschädigendes, verrücktes Verhalten zu geben. Bei schlimmen Taten glauben wir sofort, es seien „Monster“ am Werk, Ausnahmeungeheuer, die uns völlig fremd sind. Dabei weisen wir diese Taten so schnell von uns, weil wir nicht darüber nachdenken wollen, ob sie mit unserer allgemeinen menschlichen Natur mehr zu tun haben, als uns lieb ist. Wir wollen uns mit diesen dunklen, geheimnisvollen Seiten unserer Psyche nicht auseinandersetzen, wollen unsere Schwächen, aus denen heraus wir anderen und uns selbst Leid zufügen, nicht sehen. Wir möchten uns selbst als gut und liebenswert definieren, denn das Gefühl, gut zu sein oder sogar besser als alle anderen, hebt unser Selbstwertgefühl. Man könnte auch sagen: Wir Menschen mit unserem hohen Anspruch an die eigene Wertschätzung sind ein Widerspruch in sich. Denn genau dieses Selbstwertgefühl, das uns „als gut“ sehen möchte, bringt „das Böse“ hervor, indem wir auf vielfältige Weise versuchen andere der Bestätigung unseres Wertgefühls unterzuordnen. Und die Leugnung dieser Veranlagung ist schon ein Teil davon.

Grausamkeit ist eine menschliche Grundeigenschaft, denn der Mensch steht unter dem Druck des Überlebenskampfes. Durch einen Mangel an Liebe und Anerkennung, an Bestätigung und Sicherheit wird dieser Überlebensdruck erhöht. Auf Dauer entsteht eine permanente existentielle Bedrohung und die Psyche entwickelt dagegen die hier schon erwähnten Abwehrmechanismen.

Die eigentliche Ursache ist dem Betroffenen meist nicht bewusst: Das Kind, der Erwachsene „heckt“ keinen Plan aus, um seine Lage (vermeintlich) zu verbessern. Neurotische Verhaltensmuster sind Automatismen, die durch den emotionalen Haushalt der Psyche, die sogenannte Psychodynamik unserer Gefühle entstehen: Unsere Psyche agiert logisch, sie agiert psycho-logisch. Unser psychischer Apparat versucht, die Spannungen auszugleichen, eine narzisstische Homöostase herzustellen.

Gefährliche Emotionen, wie Wut und Frust müssen dafür „entsorgt“, Bestätigung erlangt werden. In extremen Fällen kann das zu Amoktaten oder Kindstötungen führen. Die meisten Monster werden „gemacht“ durch die Demütigungen, die Hilflosigkeit ihrer Kindheit und die Ohnmacht ihres gesamten Lebens.

Das Selbstwertgefühl ist die Ursache für viele Probleme in unserer Welt, für Geltungssucht, Unterdrückung und Rücksichtslosigkeit: Es ist die „Achse des Bösen“, die quer durch alle Länder, Kulturen und Zeiten verläuft. 

Unsere heutige Gesellschaftskrise ist vor allem eine Charakterkrise, bedingt durch narzisstische Störungen. Die Sucht nach schneller Befriedigung, der Mangel an Nachhaltigkeit und sozialem Einfühlungsvermögen zeigt deutliche Züge von infantilem Narzissmus: Wie kleine Kinder haben viele Menschen nur ihre eigenen Bedürfnisse im Sinn, können die Empfindungen anderer nicht wahrnehmen.

Darüber hinaus wird ihr unreifes Selbst durch die ständig steigenden Leistungsanforderungen der Gesellschaft immer mehr bedroht. Neurotische Manager treiben Firmen in den Ruin, lassen sogar das gesamte Bankensystem kollabieren, weil sie mit Gier und Größenwahn Minderwertigkeitsgefühle kompensieren (vom Bankensystem gefordert, von der Werteordnung unserer westlichen Gesellschaft und ihrer Sehnsucht nach märchenhaftem Reichtum toleriert). Neurotische Aktionäre haben nur ihre eigenen Gewinne im Auge, um mit immer mehr Geld, immer mehr Luxus den eigenen Status zu sichern. Sie leben in einem Staat, der Sicherheit durch Polizei und soziale Netze garantiert, der für Sauberkeit, Bildung und gute Straßen sorgst – doch sie sind nicht bereit, dafür ihre Steuern zu zahlen, in der Gemeinschaft, die ihnen diesen Wohlstand ermöglicht hat, Verantwortung zu  übernehmen.

Neurotische Chefs demotivieren ihre Untergebenen, schaffen Misstrauen und viele unglückliche Angestellte. Neurotische Beamte schikanieren Bürger, fühlen sich stets benachteiligt und überfordert hinter ihren sicheren Schreibtischen, realisieren nicht, dass eben diese Bürger ihre Schreibtische und Gehälter bezahlen und sie eigentlich in ihrem Dienste stehen. Neurotische Therapeuten bestätigen sich durch die Macht  über ihre Patienten. Neurotische Lehrer fühlen sich überfordert von den Erziehungsfehlern der Eltern und können den Kindern durch ihre eigene Schwäche auch kein Vorbild sein. Neurotische Mütter benutzen ihre Kinder, um sich zu stabilisieren und dabei geht das Urvertrauen der Kinder und ihre Möglichkeit zu gesunder Selbstverwirklichung verloren. Es wachsen neue Neurotiker heran, die ebenfalls nicht glücklich werden und in ihrer Verzweiflung weiter Unheil schaffen.

Neurotische Störungen sind niemals angeboren, sie gehen immer auf den Einfluss des Umfeldes der Kindheit zurück. Der Mangel an psychischer Reife vieler Menschen unserer heutigen Gesellschaft, der durch den Zerfall sozialer Strukturen mitverursacht wird und ihn gleichzeitig voran treibt, mündet somit in einem Teufelskreis: Immer weniger Zeit für Familie und andere wichtige Beziehungen, immer mehr Stress, wird durch immer mehr Arbeit kompensiert, um sich etwas leisten zu können und sich so Befriedigung zu verschaffen und das Gefühl der Leere zu betäuben.

Das bringt immer mehr neurotische Kinder hervor, unreife egozentrische Menschen, die ohne geduldige Zuwendung und starke Eltern heranwachsen müssen und ihren Mangel wiederum im materiellen Zugewinn zu kompensieren suchen. Sie können Beziehungen nicht mehr halten, versuchen über den Partner ihre infantilen Ansprüche befriedigt zu bekommen, verwickeln ihre Kinder in Trennungskriege, haben als Alleinerziehende keine Zeit für deren Bedürfnisse und versuchen dabei noch den eigenen emotionalen Mangel zu befriedigen.

Oft schlafen neurotische Menschen wenig, arbeiten bis zum Burnout und man fragt sich, wie sie das überhaupt durchhalten. Sie kommen nie zu Ruhe und nach jedem erreichtem Ziel gibt es schon lauter neue, höhere, erstrebenswertere Hoffnungen.

Ein Neurotiker lebt mit der ständigen Angst vor erneuter Entwertung und Demütigung, auch wenn ihm das gar nicht bewusst ist oder er diesen Zustand für normal hält. Die Welt ist für ihn ein feindlicher Ort, in dem es ums Überleben geht und nur die Besten sich durchsetzten. Überall findet er diese Sichtweise und Wertung bestätigt. Er sieht nicht, dass es nur ein Ausschnitt der Zusammenhänge ist, den er durch seine Prägung, die Schwächen und Lieblosigkeiten seiner ehemaligen Familie, für wahr nimmt.

Angst schafft  Rücksichtslosigkeit und einen Tunnelblick, konzentriert auf das eigene Überleben. Angst stellt aber auch Energiereserven bereit und ist prinzipiell ein Schutzmechanismus. In den materiell ungesicherten Zeiten unserer Vorfahren war diese Zusatzenergie wahrscheinlich von großem Nutzen, um das Überleben des Einzelnen zu sichern. In Zeiten großer Not, in denen übermäßige Konkurrenz um Nahrung herrschte, kam schnell ein rauer Umgang auch untereinander auf, der jedem die Sicherheit in der Gruppe selbst ein Stück weit nahm und ihn um seinen Platz und sein Überleben stärker kämpfen ließ.

Durch diese emotionale Verunsicherung wurde neurotische Energie als eine Art Zusatzenergieschub frei gesetzt, die dem Einzelnen mehr Durchhaltevermögen gab. Andererseits diente das erhöhte Frustpotential gleichzeitig dem Zusammenschluss der Gruppe im Kampf gegen andere: Frust lässt sich gut gegen äußere Feinde kanalisieren. Doch wenn die Menschheit auch von ihren Neurosen vorangetrieben wurde, so bergen sie doch immer die Gefahr ihres Untergangs.

Von Katharina Ohana


Stand Juni 2012

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