Neulich beim Steuerberater

In meinem neuen Buch über die Suche nach Mr. Right und all die Beziehungsprobleme in unserer Gesellschaft habe ich auch in einem Kapitel zu erklären versucht, warum Frauen so süchtig sind nach Büchern wie „Shades of Gray“, „Twighlight“ oder die Serie „Sex and the City“.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Oftmals wurde ich von Männern mit dem Anflug innerer Verzweiflung gefragt, was das denn nun soll: Da würden wir Frauen emanzipiert und selbständig permanent unser Recht auf völlige Gleichbehandlung einfordern – und dann aber Bücher und Filme sehen, in denen der superreiche Beschützer uns wie kleine Mädchen verwöhnt, versorgt, rettet oder sogar den Hintern versohlt. Auch kommt mir zunehmend die Klage von einigen Männern zu Ohren: Frauen würden nur noch daran denken, was sie bekommen könnten und nicht mehr darüber nachdenken, was sie den Männern geben könnten. 

Ich werde nicht müde zu betonen: Es gibt „die Frauen“ als allgemeinen Verhaltensmaßstab nicht, genauso wenig wie „die Männer“, die ja „immer“ dies und jenes tun und denken. Ich finde diese Verallgemeinerungen schlimm, denn der Geschlechterkrieg, der durch diese Fronten beschworen wird, dient weder dem Verständnis, noch wird er den Menschen gerecht. Es gibt starke Menschen, charakterlich gereift und moralisch integer – und es gibt eben leider auch viele schwache Menschen. Letztere verfallen häufiger den von Werbung und Medien subtil oder offen beschworenen Werten von „toll“ und „muss man haben“ und all den anderen Vorstellungen, wie das „richtige“ Leben auszusehen hat. So bemühen sich besonders Menschen mit starken infantilen Anteilen (ihren inneren Kindern) sehr darum, durch den perfekten Partner endlich die Liebe zu bekommen, die ihnen bisher im Leben vorenthalten wurde. Und da das nicht geht und das ganze (emanzipierte) Erfolgsstreben ihnen kein Glück bringt, lesen sie moderne Märchen-Bücher – oder versuchen ihren Steuerberater als Märchenerzähler zu gewinnen. 

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, was den „Shades of Gray“ mit einem Steuerberater zu tun hat. Also das war so: Da das Finanzamt meine Quittungen für den Kauf von Büchern wie Shades of Gray und Twilight nicht als Recherchekosten anerkennen wollte, musste ich letzte Woche zum Steuerberater. Ich habe ihm meine schlüssigen Thesen und Verweise im Buch aufgezeigt. Und nach der ausführlichen Darlegung meiner Theorie, warum gerade moderne, emanzipierte Frauen oft solche Romane lesen, gab er mir ein schönes Beispiel dafür, wie viele seiner männlichen Klienten ihren Selbstbeschiss auf ihre eigene Art und Weise betreiben: Sie hätten gerne ein neues Auto, eines, was mehr her macht und ein gutes Selbstwertgefühl vermittelt, sie als erfolgreich und potent ausweist und die Köpfe der Damen drehen lässt (wie man in München so sagt). Das alte Auto ist aber eigentlich auch noch nicht alt, eben „nur“ das Vorgängermodell. Und da kommt jetzt also der Steuerberater ins Spiel, der ihnen die moralische Freikarte ausstellen soll, dass das neue Auto nötig wäre, um Steuern zu sparen, eine prima Investition zum Absetzen und überhaupt…. Man wäre dann quasi gezwungen zum Statussymbol: Man braucht ja das neues Auto, wenn man sich von Finanzamt nicht völlig verarschen lassen will oder noch besser: bevor das Finanzamt das Geld bekommt, gibt man es doch besser für den neuen BMW aus. Der Benefit bei dieser Darstellung: Wehklage über den eigenen Erfolg schafft ein christlich korrektes Selbstbild des „ich hab´s auch nicht einfach, lasst Euch da mal nicht vom Reichtum täuschen“ und, darüber hinaus, eine Rechtfertigung gegenüber Frau und Freunden, also ein gutes Gewissen beim Konsum von PS-Irrsinn. 

Da sag noch mal einer „den Frauen“ nach, sie wären die Meister der selbstgerechten Intrigen. Die lesen einfach nur Romane, wo Mädchen voller Selbstzweifel plötzlich durch Mr. Right mit Dressman-Qualitäten luxusverwöhnte Prinzessinnen werden. Aber Vorsicht, liebe Leserinnen, nicht zu früh über die eigene Unschuld beim Selbstbeschiss freuen: Ich habe nächste Woche einen Frisörtermin!

PS: Und wenn Sie Münchner sind und Ihr Finanzamtsberater, Ihre Finanzamt-Beamtin zukünftig so nett wirkt, dann wundern Sie sich bitte nicht: Ich hab denen mein neues Buch bei der Steuererklärung mitgeschickt und vielleicht werden beim Finanzamt jetzt alle glückliche Menschen mit glücklichen Partnerschaften. Gern geschehen. Sie können mir ja zum Dank eine gute Rezension bei Amazon schreiben…

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