Neues für diese Woche: Das Phänomen Shades of Grey Teil III

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Was bewegt heutige Frauen also sich mit der selbstzweifelnden weiblichen Hauptfigur dieser Romane zu identifizieren und weltweit einheitlich von ebenso einem Mr. RIGHT zu träumen, der ihnen in Aussehen und Erfolg überlegen ist, sie immer wieder von sich stößt und dessen Verlockung hauptsächlich durch eben diese Attraktivität und seinen märchenhaften Reichtum definiert sind?

Warum entfalten diese Geschichten eine solche kollektive Sucht, dass sie von vielen Leserinnen sogar öffentlich und im Austausch weitergesponnen werden und aus diesen heißen Phantasien immer neue Romane entstehen? Warum träumen moderne, selbständige Frauen in erster Linie von einem Mr. RIGHT, einem perfekten Leader unserer modernen Kapitalismuswelt, dem sie so gerne die Verantwortung für sich und ihr Leben in die Hände legen wollen? 

Erfolgreiche Geschichten haben immer viel mit der Erfahrungswelt, in der wir leben, zu tun. Sie weisen einen typischen grundlegenden Konflikt auf, der die Leser/Zuschauer selbst betrifft und sie bieten eine Lösung an: Genau das macht sie so interessant für die menschliche Psyche, für die emotionalen Konflikte, denen wir selbst unbewusst und bewusst andauernd ausgesetzt sind.

Gerade moderne, selbständige Frauen sehen sich mit ihrer Selbstverwirklichung einem ständig größer werdenden Druck ausgesetzt: Die Ansprüche, die man erfüllen muss, um ein perfektes, erfülltes Leben zu haben, werden immer umfassender, sie hängen uns überall vor der Nase, sind in den Medien, der Werbung omnipräsent. Karriere, Schönheit, die hübsche Familie, Wohnung, Auto, Kleidung werden immer detaillierter erfasst, ihre offizielle Perfektionsdarstellung wird zum Maß unserer Vorstellungswelt, bis in ihre letzten Winkel und intimsten Bereiche hinein.

Daneben wird die Konkurrenz um gute Jobs, ein gutes Leben immer härter und unsere Sicherheitsstrukturen zerfallen gleichzeitig: Beziehungen lösen sich so schnell auf, wie sie entstehen, wir werden durch die Jobsuche, die Karriereplanung unserem  gewohnten Umfeld und unserem Freundeskreisen immer wieder entrissen. Und über all dem liegt die wachsende Angst vor dem Alter, die zunehmenden „Deadlines“ für die verschiedenen Punkte im Glücksplan. Das Ende dieses Stress-Parcours ist nicht absehbar: Das Diktat der Jugendlichkeit weitet die geforderte, übermäßige Aktivität, Attraktivität und Selbstdisziplin ins Unendliche aus. Das Glück scheint sich nur einzustellen, wenn man überall die volle Punktzahl erreicht. Jeder Makel muss mit noch mehr Leistung behoben werden.

Der wachsende, permanente Druck betrifft Frauen, wie Männer gleicher Maßen. Doch für Frauen ist die sexy Supermutter- Karrierefrau erst seit den achtziger Jahren alleiniges Leitbild: Mauerblümchen und Heimchen am Herd werden seither weder von der Gesellschaft, noch vom Feminismus akzeptiert. Wer kein Leistungsträger ist, scheint das Leben zu verpassen, bleibt sträflich hinter seinen Möglichkeiten zurück, holt nicht das Optimum aus seiner Zeit heraus und wird niemals das Paradies auf Erden (das einzig noch existierende) erreichen.

Besonders bei der Partnerwahl gilt es seinen eigenen Marktwert maximal zu optimieren, denn die große Liebe ist zum neuen, sinnstiftenden Lebenselixier geworden, zur neuen Religion: Wenn man nur noch schöner wäre, so schön wie die Stars und die Models in den Magazinen, so reich, so wichtig wie die Männer in den Wirtschaftszeitungen, dann bekäme man seinen Traumpartner.

Findet man dennoch einen, der den eigenen Ansprüchen genügt, entzieht sich dieser fataler Weise oft einer festen Bindung, hat Angst vor Nähe, lässt sich nicht richtig auf die Liebe ein. Aber: Wenn man nur genug für die Beziehung kämpft, noch mehr den offiziellen Vorstellungen der Perfektion entspricht, seine eigenen Bedürfnisse weiterhin hinten anstellt und auch in der Liebe wirklich leistungsbereit ist, dann wird der andere sich verändern, dann wird am Ende alles gut!

In diesen Kämpfen um die eigene Perfektion und der angestrengten Suche nach der perfekten Liebe, fühlen wir uns oft genauso ohnmächtig den harten Regeln der kapitalistischen Glitzerwelt ausgeliefert, wie die Figuren aus den Jane Austin Romanen einstmals ihren strengen Gesellschaftskonventionen.

Um in den modernen Bestsellergeschichten am Ende diejenige zu sein, die den Traummann und das Leben in Luxus bekommt, muss die Protagonistin ihren Mr. RIGHT erst von seiner abweisenden, dunklen Seite erlösen, ihn zu dem machen, was sie schon immer in ihm gesehen hat: Den großen Liebenden. Nur wenn sie alles für ihn tut, wird sie am Ende auch von ihm geliebt und aus ihrem eigenen glücklosen, überfordernden Leben befreit. Am Ende, nach all den Anstrengungen und Demütigungen, winkt die totale Bedürfnisbefriedigung und tiefe, immerwährende Liebe und Bestätigung.

Genau dieses Glücksversprechen macht die Magie dieser modernen Bestsellergeschichten aus. Sie spiegeln zahlreiche Konflikte der realen Erfahrungswelt moderner, selbständiger Frauen: Selbstzweifel und ständige Reflektion über die eigene mangelnde Perfektion, die dunkle, zurückweisende Seite von Mr. RIGHT, der keine wirkliche Nähe zulassen kann – und die Hoffnung durch Leistung und Kampf  doch noch  seine Liebe ganz und gar zu gewinnen.

Leider zeigen die Geschichten ein Happy End, das es gerade für Menschen mit Nähe-Distanz Konflikten so nicht geben kann.  Die bedingungslose Bejahung, die hundertprozentige emotionale Bestätigung, die materielle Rundumversorgung, das absolute Gewollt- und Begehrtsein der weiblichen Hauptfigur, als finaler Erfolg ihres Kampfes für die Beziehung, all das, was Frauen so fasziniert, ja süchtig macht nach dieser Form der Literatur, gibt es in der Realität nicht. Es widerspricht der Funktionsweise unserer menschlichen Psyche: Wir können wahre Liebe nicht durch Leistung erkämpfen, wir können Näheprobleme nicht mit Erduldung oder Perfektionsbestrebungen aufheben.

So fällt das eigene Leben immer weiter zurück hinter diesen universalen Traum und vergrößert noch die Unzufriedenheit. Erlösung vom immer härter werdenden Leistungsdruck durch einen perfekten Mann, die Ernte der großen Liebe nach all dem Kämpfen und Bangen, ist nicht möglich – auch wenn uns das andauernd verkauft wird.

Denn vollkommene Schönheit und milliardenschwerer Reichtum, perfekter, phantasievoller Sex haben wenig mit echter Liebe zu tun und sind nichts wert ohne wirkliche Nähe zum Partner. Und diese Nähe stellt sich eben nicht ein durch all die Bemühungen, die Frauen in den Geschichten und der Realität unternehmen: Mr. REAL-RIGHT lässt sich nicht durch sehnsüchtiges Warten, Verbesserung und Selbstbeherrschung dazu bringen endlich zu lieben.

Die wahre tiefe Liebe kann man nicht erkämpfen, denn gerade das Leistungsprinzip und die Selbstzweifel, die Selbstverleugnung und die übergroße Sehnsucht nach der symbiotischen Verbindung sind ihr größter Gegner. Und so stellt sich natürlich die Frage: Wie können moderne Frauen trotzdem das Glück in der Liebe der realen Welt finden, nach dem sie sich millionenfach sehnen? 

Um die Antwort vorweg zu nehmen:
Die wachsende Sehnsucht nach dem perfekten Mann hat ihren Ursprung in unserer kapitalistischen, auf Wachstum getrimmten Welt. Der kapitale Mr. RIGHT ist eine Erfindung des Kapitalismus, um die Unzufriedenheit, die er selbst geschaffen hat, noch besser vermarkten zu können: Es dient unserem Wirtschaftssystem die Hoffnung auf die perfekte Liebe am Leben zu halten, die immer weiter wächst durch den herrschenden Leistungsdruck und diesen immer weiter erhöht, durch die Hoffnung auf die perfekten Liebe.

Unsere große Sehn-Sucht nach Bestätigung und Liebe unterwirft uns mittlerweile von klein auf einem universalen Leistungsprinzip: Kaum ein Kind, weder Junge noch Mädchen, wird noch einfach so (so wie es ist) bestätigt und angenommen, als eigenständige, besondere Person geliebt. Schon früh sorgen sich Eltern um seine Zukunft, seine Attraktivität, sein Bestehenkönnen, seine Erfolgsfähigkeit im globalen Diktat des Kapitalismus.

Der Wert der Eltern selbst wird von der Entwicklung und dem Erfolg des Kindes abhängig gemacht. So trimmt man uns heute schon im Mutterbauch zur bestmöglichen Intelligenz- und Körperentwicklung, das Wunschbild der Eltern von ihrem Nachwuchs ist von kapitalen Werten durchsetzt.  Lerndruck und Zusatzkurse gibt es ab dem Kindergarten,  das Kind bekommt nur Lob und Aufmerksamkeit für seine Siege. Es scheint nie zu reichen, gut genug zu sein. Statt mit Zuwendung  und liebevollem Gefühl, wird es mit materiellen Geschenken belohnt und gelockt, denn den Eltern fehlt zunehmend Zeit und Geduld.

Dazu kommt die Belastung durch immer größere emotionale Enttäuschungen seit der frühsten Kindheit: Eltern trennen sich, Väter und Mütter haben durch ihre Jobs immer weniger Ruhe für kindliche Ansprüche. Oft sollen sogar ihre eigenen Erwartungen an das Leben durch das Kind verwirklicht werden, oder es wird dabei zu einem Störfaktor im elterlichen Karriereplan.

Der kindlichen Ohnmacht und dem wachsenden Frust setzt das Kind dann das entgegen, was ihm bisher hauptsächlich vermittelt wurde, von dem es gelernt hat, dass dadurch alles besser würde: Leistung. Es versucht sich liebenswerter zu machen, damit es der Angst verlassen und enttäuscht zu werden etwas entgegensetzen kann.

Das betrifft Jungen wie Mädchen, Männer wie Frauen gleichermaßen. Nur:  Für Männer ist es in unserer bürgerlichen, kapitalistischen Tradition schon immer selbstverständlich erfolgreich sein zu müssen. Es gab und gibt für sie nicht die Hintertür, die Hoffnung auf eine reiche, starke Versorgerin.
Doch auch Männer suchen eine Mrs. RIGHT, die wunderschöne, sexuell befriedigende Ausnahmefrau an ihrer Seite, die sie bewundert und ihren Erfolg in dieser Welt bestätigt. Sie soll Schwächen verzeiht, den Mann annehmen, wie er ist und ihn im immer großer werdenden Erfolgsdruck emotional auffangen. Auch sie soll ihm endlich das vollkommene Glück bringen.

So bleibt die große Frage: Warum finden sie nicht zusammen, wo sie doch das Selbe wollen, Mr. und Mrs. RIGHT? Warum weicht die Realität so oft und immer weiter zurück von dem Traum der perfekten Liebesbeziehung, obwohl sich beide Seiten doch so sehr anstrengen, dass er wahr wird?
Sicher müssen unsere Träume eigentlich keinem Realitätscheck standhalten, denn es sind ja unsere Träume, in denen wir jenseits aller psychologischen Gesetze selbst Regie führen können, wie es uns passt. Die Gedanken sind frei – aber sind sie das wirklich noch, wenn wir mit ihnen eine schmerzhafte Sehnsucht tilgen wollen?

Unsere Träume beinhalten immer auch die Hoffnung auf ihr Wahrwerden. Denn genau dazu haben wir unsere Phantasie als eine der höchsten Leistungen unseres Hirns und eines der erstaunlichsten Phänomene der Evolution bekommen: Wir planen damit unsere Zukunft, kreieren Lösungsversuche für unsere mangelhafte Gegenwart. So kann man der Aussage „man darf ja wohl noch träumen“ die Frage entgegen stellen: Und warum nur träumen, wenn es wahr werden könnte?

`Sex in the City´, `Twilight´ und `Shades of Gray´ haben bis heute Millionen von weiblichen Fans zum Schwärmen und Mitfiebern gebracht, die sich mit ihren Konflikten in der Liebe dort gespiegelt finden – genauso wie mit ihrer traumhaften Happy-End-Sehnsucht. Warum also nicht den grundlegenden Konflikt in den Geschichten und der Realität der Fans analysieren und einen realen Weg zum Happy End finden?

Welche persönlichen und gesellschaftlichen Widersprüche verhindern ihr Glück, dass sich in den Geschichten, aber leider nicht in unseren Leben am Ende einstellt? Also: Wie könnte der Traum von der wahren, tiefen Liebe vielleicht doch noch Realität werden – nur durch etwas völlig anderes als Leistung und Perfektion?

Katharina Ohana

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