Nestwohnung

Nach meinem ausführlichen Ausflug in die Möglichkeiten der persönlichen Veränderung, begebe ich mich jetzt wieder in das Reich der möglichen Anlässe für eine solche Veränderung.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Ein besonderes Kleinod des heutigen Wahnsinns begegnete mir neulich bei einem Abendessen, bei dem mir die Gastgeber von ihren (nicht anwesenden) Freunden erzählten, die ihr gemeinsames Kind nach ihrer Trennung in einer „Nestwohnung“ aufzogen. Eine Nestwohnung ist eine Wohnung, in der das Kind immer lebt – und die Eltern nur abwechselnd (je nach Betreuungsplan). Die Eltern haben also noch je eine eigene, kinderfreie Wohnung.

Das positive Argument für dieses seltsame Arrangement war der Aspekt, dass das Kind so immer seine Sachen um sich rum hat, nicht ständig etwas in der Wohnung des anderen Elternteils vermisst oder vergisst und nicht andauernd sein Umfeld wechseln muss. Aber: Der eigentliche Grund für die Nestwohnung war (wie ich trauriger Weise erfahren habe), der Gleichberechtigungsgedanke der Eltern: Jedes Elternteil wollte sein eigenes Leben und seine eigene Freiheit behalten und so mit der Aufzucht des Kindes völlig geleichermaßen belastet sein.

Angeblich kannten meine Gastgeber mittlerweile zwei Paare, die auf diese Art ihre Kinder groß zogen. Der Trend geht also zum „Outsourcing“ der eigenen Kinder?!

Das erste, was mir dazu einfiel war: Diese Eltern haben sich verdient – aber kein Kind solche Eltern.

Meistens wohnen die Kinder ja bei ihren Müttern nach der Trennung der Eltern und die Väter lassen sich alle Wochenenden sehen oder auch nur jedes zweite Wochenende. Die Mütter haben mehr Arbeit, die Väter wenig Anteil an der Entwicklung ihrer Kinder: Was der größere Nachteil ist, liegt wohl im Auge des Betrachters.

Oft haben die Väter auch noch Freundinnen oder neue Frauen oder sogar neue Kinder. Und alle wollen in Kindergärten, Schulen, Reitunterrichte und ins Ballett gefahren werden. Und dann muss ja auch noch das Geld verdient werden auf einem Arbeitsmarkt, der noch nie familienfreundlich war und es in weiten Teilen auch nicht sein wird. Kurz: Ich kann mir als Kinderlose kaum vorstelle, was das für eine Belastung ist, auch wenn ich es natürlich bei vielen Freunden ab und zu miterleben „darf“.

Ich kenne Mütter die räumen ihre Wohnung, füllen den Kühlschrank und kaufen die Lieblingszeitung ihres Exmannes, wenn der am Wochenende anreist und die Kinder zu besuchen. Ich kenne Väter, die sich eine zweite Wohnung in der anderen Stadt mieten, um am Wochenende ihre Kinder sehen zu können. Ich hege unendlich viel Bewunderung für diese Mühen, für den Willen das eigene Ego ganz hinten anzustellen für ein paar Jahre, so dass die Kinder von der eigenen Lebensentscheidung (sich von dem Partner zu trennen, weg zu ziehen, neue Familien zu gründen) so wenig wie möglich belastet werden. Denn ein Kind in die Welt zu setzen – und sei es auch nur aus einem unkontrollierten Moment einer lauen Nacht heraus – bedeutet im höchsten Maß schuldig werden zu können am Leid eines anderen Menschen.

Von Academicworld-Expertin Katharina Ohana

 

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