Nahostkonflikt für Harmoniesüchtige

Anonymität begünstigt Krieg, Nähe schafft Freundschaft. In solchen und ähnlich schlichten Botschaften erschöpft sich die englisch-israelische Co-Produktion „Zaytoun“, ab 14.11. im Kino.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Fahed und Yoni, die politischen Feinde, entwickeln während der beschwerlichen Reise so etwas wie Freundschaft.

Vor dem ersten Libanonkrieg

Inzwischen kommt es einem beinahe vor, als wäre der anhaltende Nahostkonflikt um die Region Palästina so alt wie die Menschheit. Offiziell besteht er seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Bislang hat er zu sechs Kriegen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten sowie zu zahlreichen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern geführt. Der erste Libanon-Feldzug 1982 war besonders brisant, fand er doch vor dem Hintergrund des zwischen 1975 und 1990 tobenden libanesischen Bürgerkrieges statt. Jahrelange Kämpfe hatten das Land erschöpft, da wurden auch noch die Gefechte zwischen israelischer Armee und PLO in die Hauptstadt Beirut getragen. 

Vor diesem historischen Hintergrund spielt „Zaytoun“, nutzt ihn allerdings nicht für eine zeitgeschichtliche Auseinandersetzung, sondern nur als Kulisse für eine sentimentale Story. Der 12jährige Fahed (gut: Abdallah El Akal) lebt mit Vater und Großvater in einem Beiruter Camp für palästinensische Flüchtlinge. Anstatt zur Schule zu gehen, streift er lieber durch die zerstörten Straßen, um Zigaretten und Kaugummi zu verkaufen oder mit Freunden Fußball zu spielen. Gelegentlich muß er an militärischen Übungen der PLO teilnehmen, führt ansonsten jedoch ein recht ungebundenes Dasein. Erst als sein Vater bei einem Bombenangriff ums Leben kommt, hat der Krieg auch Fahed erreicht.

In den Straßen Beiruts

Einst galt Beirut als ’Paris des Nahen Ostens’, jetzt ist die Stadt eine Ruine. Fahed und seinen Kameraden, kleine selbstbewußte Bengel, mutet sie wie ein riesiger Abenteuerspielplatz an. Hier wurden sie konditioniert aufs (Über-)Leben in einem Kriegsgebiet, hier mußten sie Erfahrungen weit über ihr Alter hinaus sammeln. Beiruts Kinder sind ’streetwise by war’. Und das macht sie keineswegs liebenswerter. Faheds exponierte Coolness, gerne durch martialisches Gehabe und Herumfuchteln mit Waffen demonstriert, ist zwar vor allem auf die von der PLO betriebene Indoktrinierung zurückzuführen. Freilich könnte so auch seine Zukunft aussehen, nämlich als ein einziger gedankenloser, gewalttätiger Reflex auf politisch-religiöse Ideologien. 

Daß Fahed nicht zum Sympathieträger verklärt wird, ist einer der wenigen mutigen, weil realistischen Aspekte des ansonsten sich an erzählerischen Konventionen ausrichtenden, keine Eigenständigkeit entwickelnden Drehbuchs von Nader Rizq. Entsteht schon zu Anfang ein vager Eindruck von naivem Kriegszirkus, versandet die Geschichte nach der Exposition in einem vorhersehbaren, didaktischen Märchen von der Überwindung nationalistischer Haßgefühle. Nach dem Tod seines Vaters will Fahed, erfüllt von plötzlicher Heimat-Sehnsucht, dessen Traum verwirklichen und jenen einst aus Israel mitgebrachten Olivenbaum wieder im Herkunftsland einpflanzen. Um sich durch libanesisches Kriegsterrain bis zur Grenze durchzuschlagen, braucht er Hilfe, weshalb er Yoni (blass: Stephen Dorff), einen kürzlich abgeschossenen und von der PLO gefangengenommenen israelischen Kampfpiloten, aus dessen provisorischem Gefängnis befreit. Zusammen treten sie eine Odyssee an.

Jenseits der israelischen Grenze

Der weitere Verlauf dieser forciert wirkenden Buddy-Geschichte ist berechenbar: Fahed und Yoni, die politischen Feinde, entwickeln während der beschwerlichen Reise eine Vorurteile wie Landesgrenzen überbrückende Freundschaft. Bemerkenswert daran sind allein die Bilder von Kameramann Dan Laustsen, der Kargheit und Weite von libanesischer wie israelischer Landschaft in auskomponierte Klarheit verwandelt. Weitere ästhetische Überraschungen gibt es keine, narrative ohnehin nicht, zumal die Flucht trotz ihrer potentiellen Gefährlichkeit eigenartig öde und harmlos erscheint. Dabei führt der Israeli Eran Riklis Regie. Er hatte unter anderem mit „Die syrische Braut“ (2004) und „Lemon Tree“ (2008) noch einen besonderen Sinn für kluge, tragikomische Kommentare zum Nahostkonflikt bewiesen. In „Zaytoun“ ist von seiner einstigen sarkastischen Melancholie nicht mehr viel übrig geblieben außer versöhnlicher Arglosigkeit, untermalt von Cyril Morins dezent pathetischem Soundtrack.

Eine gewisse Infantilität mag darauf zurückzuführen sein, daß die Geschichte primär aus der Sicht Faheds erzählt wird. Gleichwohl leidet der Film an seiner Beliebigkeit, an konturlosen, zur Staffage degradierten Nebenfiguren, dürftigen Dialogen oder den vielen unglaubwürdigen Handlungstwists, etwa Yonis Blitzheilung dank Faheds Kräuterkenntnissen. Auch das langsame Zusammenfinden von Erwachsenem und Kind, von Israeli und Palästinenser erstickt an enervierender Banalität. Gemeinsames Urinieren als Männlichkeitsritual hat unter (großen) Jungs ja schon immer brüderlichkeitsförderndes Potential gehabt. Aber Eselreiten, Hobbyschießen, dekoratives Herumsitzen auf Felsen oder eine Wanderung durch Minenfelder scheinen ebenfalls die Verbundenheit zu stärken.

Unter den Sternen Palästinas

Endgültig an Überzeugungskraft verliert „Zaytoun“ durch aufgesetzte, plumpe Symbolik. Schon der Titel, der das arabische Wort für Olive meint und im Vorspann auf arabisch und hebräisch erscheint, ist pure Deklamation. Der Ölzweig wird kulturübergreifend als Zeichen des Friedens verstanden. Er ersetzt jedoch keineswegs die fehlende politische Glaubwürdigkeit einer Story, die sich gegen Ende immer mehr in der faden Abfolge metaphorisch aufgeladener Sequenzen verliert. Da finden uralte Schlüssel ihr passendes Schloß, da strahlen die Sterne im Geburtsland heller als anderso, da werden Fußbälle und Sonnenbrillen als Zeichen gegenseitiger Zuneigung ausgetauscht. 

Hierin Hoffnung für eine Zukunft herauszulesen, in der die toten Väter des Krieges Platz gemacht haben für die lebenden Söhne des Friedens, wäre zuviel der Ehre für „Zaytoun“. Der Film ist nur ein biederes Universal-Plädoyer für Völkerverständigung, gepresst in eine schematische, wenn auch gut gemeinte Fabel über die friedensstiftende Macht der Freundschaft. Doch bekanntermaßen ist ’gut gemeint’ noch lange nicht ’gut gemacht’.


ZAYTOUN

Regie: Eran Riklis

mit Stephen Dorff, Abdallah El Akal, Alice Taglioni, Loai Noufi, Ali Suliman u.v.m.

Kinostart: 14. November 2013

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