Nacht(fahrt) ohne Morgen

Der moderne Mensch kann mit dem Telefon die Welt dirigieren, aber nicht sein Leben beherrschen. Der Konzeptfilm „No Turning Back“, ab 19.6. im Kino, ist die Studie eines Kontrollverlustes – und eine brillante One-Man-Show von Tom Hardy.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Ein Mann, ein Auto, eine Mission (Bild: Studiocanal)

Eine Geschichte

Ein Mann, ein Auto, eine Mission: Daraus hat das Kino schon großartige Filme gemacht, doch selten derart kühn-minimalistische wie die Low-Budget-Produktion „No Turning Back“ von Regisseur und Drehbuchautor Steven Knight. In Echtzeit und konzentriert auf einen Protagonisten wie Schauplatz wird eine existenzielle Lebenskrise durchexerziert. Sie funktioniert als intensives Single-Character-Drama über Eigenverantwortlichkeit und Fremdbestimmtheit, also über Macht und Ohnmacht des freien Willens, ist gleichzeitig eine philosophische Parabel über Schuld und Sühne.

Der Originaltitel „Locke“ – möglicherweise eine Reminiszenz an den englischen Philosophen John Locke, unter anderem Vertreter des Empirismus – sagt alles über das Sujet. Es geht nicht um Leben und Tod, sondern um die Unwägbarkeiten im Leben aller Individuen. Hier ist es der gleichnamige Bauleiter Ivan Locke (Tom Hardy), dessen bisheriges Dasein in einer einzigen Nacht zerfällt. Obwohl ein glücklicher Ehemann sowie Vater zweier Söhne hat er sich vor einigen Monaten zu einem einmaligen, dafür folgenschweren Seitensprung mit einer zeitweiligen Mitarbeiterin hinreißen lassen. Diese Frau bekommt nun heute Nacht ein Baby. Locke will ihr beistehen und fährt im Anschluß an die Arbeit nicht nach Hause, sondern ins Krankenhaus. Während der rund eineinhalbstündigen Autotour von Birmingham nach London versucht er, in dicht auf dicht folgenden Telefonaten seine Geschäfte und Beziehungen am Laufen zu halten. Aber ein einziger Fehler und eine einzige Entscheidung reichen aus, um aus dem Lebenskreis eine Einbahnstraße werden zu lassen.

Eine Richtung

Die Ampel ist längst auf Grün gesprungen, der Lastwagenfahrer hintendran hupt entnervt. Locke müßte bloß in die per Blinker angezeigte Richtung einbiegen, und schon könnte sein Leben ungestört weiterlaufen. Doch nach einem Moment des Nachdenkens entscheidet er sich für die entgegengesetzte Straße, die weg von der vertrauten Heimat ins anonyme London führt. Das hat Symbolcharakter, denn damit verliert er Linie wie Selbstverständnis in seinem Dasein. Ab jetzt besteht die Gegenwart von Ivan Locke aus Dunkelheit, durchbrochen von gelben, roten, weiß-blauen Lichtflecken. Alles zerfließt dort draußen vor den Autofenstern in Nacht und Regen.

Ebenso unaufdringlich wie unerbittlich hat sich die Kamera von Haris Zambarloukos an Mann wie Wagen festgesaugt. Manchmal verläßt sie den Mikrokosmos des Fahrzeugs, schaut von außen auf das Geschehen, beobachtet den prismatischen Tanz der Lichtfetzen von Scheinwerfern und Lampen. Dann wieder überblendet sie Mensch und Lichter, experimentiert mit Unschärfen, Reflexionen und geschickten Perspektivwechseln. Alles verschwimmt mit höchster Eleganz zu organischer Fremdartigkeit, wird eins und löst sich schließlich auf im atmosphärisch-hypnotischen, nachtschwarzen Elektro-Sound von Dickon Hinchcliffe.

Eine Person

Ivan Locke ist ein ungewöhnlicher Charakter, weil er zu etwas bereit ist, das man in der schnelllebigen, leichtfertigen, infantilen Gegenwart kaum noch findet: Verantwortung und Ehrlichkeit. In bewußter Anerkennung seines moralischen Fehlers und seiner Schuld flüchtet er sich nicht in Ausreden oder Beschönigungen, sondern stellt sich den Konsequenzen. Damit setzt er sich keineswegs ins Recht, steht vielmehr zu seinen richtigen wie falschen Entscheidungen. Der Verlust aller Verbindlichkeiten und Sicherheiten ist die Folge. Er gesteht seiner Frau den Fehltritt, und sie kann ihm (vorerst?) nicht verzeihen. Er plaudert mit seinen Jungs über das augenblickliche Fußballspiel, und diese spüren trotzdem die familiären Spannungen. Er spricht der werdenden Mutter Mut zu, und sie will Liebe vorgelogen bekommen. Er erklärt seinem Chef, daß er am nächsten Morgen nicht rechtzeitig auf der Baustelle sein wird, um den Betonguss für ein riesiges neues Gebäude zu überwachen, und er wird sofort entlassen.

Tom Hardy verleiht diesem Mann, der hautnah der Vernichtung seiner bisherigen Identität beiwohnt, eine einzigartig bewegende, aufregend lebensnahe Präsenz. Physisch und räumlich eingeschränkt durch permanentes Autofahren sind es die kleinen verräterischen Gesten, die von seinem gewaltigen inneren Konflikt zeugen. Pure (An-)Spannung liegt im leise bebenden Körper und im weichen Gesicht, konterkariert von einer gewollt kontrollierten, mühsam ruhigen Stimme, denn noch will Locke die Beherrschung über sich und seine Situation nicht verlieren. Vielmehr kontaktiert er trotz Jobverlust seinen Kollegen, um ihn für die morgige Betonlieferung minutiös zu instruieren. Sachlichkeit soll ihn über die Nacht retten; Emotionen erlaubt er sich nur kurzfristig außerhalb der Telefonate.

Eine Moral

„No Turning Back“ ist ganz großes, fesselndes Kino im ganz Kleinen. Ohne jegliche inszenatorische Sperenzien oder künstliche dramatische Wendungen läßt Steven Knight die Story, Dialoge, sicht- wie unsichtbare Schauspieler und Atmosphäre wirken, um das empathische, psychologisch glaubwürdige Kammerspiel-Portrait eines Menschen am Abgrund zu zeichnen. Gleichzeitig entlarvt er Kontrolle als Illusion. Trotz pausenloser Dynamik und andauernder Kommunikation, den beiden heiligen Kühen unserer modernen Welt, kann Locke nicht verhindern, daß das Fundament seines ganzen Lebens wegbricht. Im Netz der Kontakte war er geborgen, ins Netz der Verpflichtungen hat er sich verstrickt, im Netz der Abhängigkeiten wird er möglicherweise untergehen.

Radikal wird in diesem One-Actor-Movie die reduzierte, subjektive Position von Locke beibehalten, seine Telefonpartner bleiben bis auf ihre Stimmen über Freisprechanlage unsichtbar. So manifestiert sich die essentielle, klaustrophobische Einsamkeit eines im Prinzip anständigen, pflichtbewußten Menschen, dessen einmaliges Fehlverhalten die Auflösung seiner Existenz zur Folge hat. Ob diese absolute Form von ’Buße’ ethisch gerechtfertigt ist, bleibt offen: Moral als Thrill. Jedenfalls hat sich Locke damit von seinem eigenen feigen Vater abgegrenzt, der die Familie einst sitzen ließ. In imaginären Gesprächen läßt Locke nochmals seine ganze Verzweiflung angesichts dieses Verrats hochkommen. Jenen Weg wollte er niemals gehen. Wird er auch nicht. Wenigstens dessen kann er sich am Ende der Nacht gewiß sein. Oder am Beginn eines neuen Morgens.

NO TURNING BACK
Regie & Drehbuch: Steven Knight, mit Tom Hardy
KINOSTART: 19. Juni 2014 IM VERLEIH VON STUDIOCANAL

Share.