Nachtcafé

Am Mittwoch letzte Woche war ich Teilnehmerin der Talksendung „Nachtcafé“ im SWR zum Thema „Schönheitswahn“ (wen es interessiert: Wird diese Woche Freitag den 17.6. um 22 Uhr ausgestrahlt). Es gab eine hitzige Diskussion zwischen einer Schönheitschirurgin (natürlich pro Schönheits-OPs), einem gelifteten Tagesschausprecher (gegen OPs weil verunstaltet), einer Medizinjournalistin (gegen OPs aus Prinzip) und einem jungen Mädchen (22), die eine Palmersunterwäschen-Kampagne „gewonnen“ hatte – aus lauter Bewerberinnen „von der Straße“ – und sich nun einbildete, trotz ihrer 1,60m sei sie ein Model und sich dafür sogar den Busen hatte operieren lassen (damit natürlich „total glücklich“ war und alles völlig „selbstbestimmt“ entschieden hatte und ansonsten Hundekleidung entwarf).

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin, Foto: Privat

Ich bin weder gegen noch wirklich für Schönheits OPs. Ich habe mir im Alter von 19 Jahren die Nase operieren lassen, weil ich wegen meiner alten Nase furchtbar gehänselt wurde und als Teenager natürlich nicht das Selbstbewusstsein hatte da drüber zu stehen. Ich kümmere mich auch nach wie vor um mein Äußeres, achte auf meine Figur und wüsste nicht, ob ich nicht wieder etwas machen lassen würde, wenn mich was an meinem Körper wirklich stören würde und der Eingriff nicht zu gefährlich wäre und zu langwierige Folgen haben könnte. Ich habe über meine Nase nach der OP nie wieder nachgedacht ? insofern wurde viel Energie frei, die ich in andere Interessen gesteckt habe.

Und genau darum geht es mir beim heutigen Schönheitswahn: Seine Ausschließlichkeit. Nichts scheint so wichtig, so glücksversprechend, so identitätsstiftend wie Schönheit. Und wir reden hier nicht mal mehr von vielen verschiedenen Attraktivitätsformen: Nein! Uns schwebt nur noch das globale Modelmaß vor. 1,80m groß, sehr dünn, völlig gleichmäßiges, langweiliges Gesicht. Intelligenz: Irrelevant. Charakterstärke: Irrelevant. Bildung: Irrelevant. Irgendwelche Interessen jenseits von Make-up und Mode: Irrelevant. Moralisches Verhalten: Irrelevant. Empathievermögen: Irrelevant. Schlechtes Benehmen: Irrelevant.

Wenn man Heidi Klums Sendung sieht kann man es kaum fassen, welche dummen Verhaltensweisen und Fähigkeiten dort über alle Maßen wertgeschätzt werden von einer Jury aus sich in Szene setzenden Wichtigtuern und Egomanen, ihr lächerliches Getue euphorisch zum Weltmittelpunkt erklärend. ?Ich sehe nicht dass Du es wirklich willst!?, einer von Klums Standartsätzen ? WAS wirklich willst?! Exaltiert auf sehr hohen Schuhen laufen, zweite Klasse nach New York fliegen und dort (kreisch) an irgendeiner banalen Party teilnehmen?
Leider glauben viele junge Mädchen genau das wäre das Höchste aller Dinge ? oder wie die 14 jährige Tochter einer Bekannten neulich tief seufzend gestand: ?Ich weiß doch, dass ich das eh nie schaffe?? (Ihre Mutter hatte mir gerade erklärt, ihre Tochter würde die Heidi Klum Sendung differenziert wahrnehmen und sich davon nicht beeinflussen lassen.)

Wir können das Rad nicht zurück drehen: Schönheit ist mehr denn je zum wichtigsten Thema unserer Kultur geworden. Wir sind umgeben von Fotos und Filmen mit schönen Menschen. Unser unterbewusstes Schönheitsempfinden hat sich längst darauf eingestellt, bei Männern und bei Frauen. Wir wählen unsere Politiker nach ihrem Aussehen, die dann über unser Schicksal bestimmen. Schönheit ist zur Ersatzreligion geworden mit dem Versprechen auf ein diesseitiges Paradies.

Doch wir können das Rad weiter drehen: Der Schönheit Anderes an die Seite stellen, Dinge, die für unser Glück viel wichtiger sind. Denn niemand wird glücklich, nur weil er die Frage ?Bin ich schön?? eindeutig mit ja beantworten kann. Wie wäre es denn mal mit der Frage: Bin ich eine gute Freundin/ ein guter Freund? Bin ich ausreichend selbstkritisch und versuche die Position anderer zu verstehen? Kümmere ich mich genug um meine wichtigen Beziehungen?  Habe ich von irgendwas mehr Ahnung als von mir selbst? Was kann ich eigentlich für mein Aussehen? Wieso sollte mich Gott so bevorzugen nur um mein Ego zu befriedigen?

Am Ende der Sendung kam ein älterer Zuschauergast zu mir und sagte mir: ?Sie müssen sich doch nicht so aufregen, das steht Ihnen aber gar nicht!?
Wird der Don Quichotte eigentlich heute noch gelesen?

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

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