Mythos DER PATE

1972 wurde Filmgeschichte geschrieben. In jenem Jahr eroberte „Der Pate“ die Kinoleinwände und legte nicht nur den Grundstein für eine Fimtrilogie, sondern für einen weit über das künstlerische Medium hinausreichenden Mythos. Auch knapp 40 Jahre nach seinem Erstauftritt hat das „Godfather“-Epos nichts an Faszination verloren, wie das filmwissenschaftliche Buch „Mythos DER PATE – Francis Ford Coppolas GODFATHER-Trilogie und der Gangsterfilm“, herausgegeben von Norbert Grob, Bernd Kiefer und Ivo Ritzer, eindrucksvoll beweist.

Mythos Der Pate: Francis Ford Coppolas GODFATHER-Trilogie und der Gangsterfilm © Bertz Fischer

Ein intermediales und interdisziplinäres Phänomen
Ehe sein Roman „The Godfather“ 1969 veröffentlicht wurde und zu einem weltweiten Bestseller avancierte, hatte Paramount Pictures den italoamerikanischen Schriftsteller Mario Puzo längst unter Vertrag genommen und kurz zuvor die Filmrechte gekauft.

Daher darf „Der Pate“ von Beginn an als ein intermediales Projekt betrachtet werden, das wiederum ein internationales Echo auslöste sowie einen interdisziplinären Diskurs einforderte. Tatsächlich ist die Trilogie nicht auf ihre filmästhetischen Qualitäten zu reduzieren, sondern muß über die cineastische Bedeutung hinaus als Gesamtkunstwerk gelten, als kulturelles Ereignis mit historischer Dimension.

Dieser Vielschichtigkeit wird „Mythos DER PATE“ schon allein durch die Konzeption als Textsammlung von 14 Autoren gerecht. Studenten, Absolventen und Dozenten vom Institut für Filmwissenschaft der Universität Mainz, welches ohnehin für seine hervorragenden Publikationen bekannt ist, haben in 11 Einzelbeiträgen das ’Godfather’-Universum im Genrekontext erschlossen, dabei dessen analytische Durchdringung für ebenso wichtig erachtet wie seinen ästhetisch-kulturellen Einfluß. Solch multiperspektivische Herangehensweise bei thematischer Breite öffnet den Blick des Lesers, akzentuiert zudem wie nebenbei die wunderbare Komplexität der siebten Kunst.

Cineastische und künstlerische Bedeutung
Schon der von den drei Herausgebern verfaßte einführende Artikel „An American Tragedy. THE GODFATHER als filmisches Epos des 20. Jahrhunderts“ setzt akademische wie stilistische Maßstäbe. Auf anspruchsvolle, detailreiche Weise wird die Entstehungsgeschichte der Trilogie (1972, 1974, 1990) nachgezeichnet, ihre Verankerung einerseits in der Zeitgeschichte, andererseits als Genrewerk im Gangsterfilm.

Untrennbar damit verbunden ist außer den Maximen des New-Hollywood-Cinemas auch das Schicksal des Regisseurs Francis Ford Coppola bzw. seiner auffällig wechselvollen Karriere. Ein kurzer inhaltlicher und analytisch treffender Überblick bilden zudem die ideale Voraussetzung, um Cineasten wie Interessierten, Filmkennern wie Kinodebütanten unter den Lesern den Neu- bzw. Wiedereinstieg in den ’Paten’ zu erleichtern. Hier erweist sich, dass man Kino manchmal nur ’lesen’ muß, um es zu erleben!

Jenen Eindruck unterstreicht nochmals Norbert Grobs Studie über den Stil Gordon Willis’, Kameramann aller drei Filme: „Wie das Bild zur Einstellung, die Anschauung der Welt zur Weltanschauung wird, entscheidet also die Arbeit der Kamera. Sie allein organisiert das Verhältnis des Erzählens zum Erzählten.“ So wie Willis etwa Licht und Schatten, Statik und Bewegung, Nähe und Abstand oder Rückfahrten eingesetzt hat, prononcierte er Coppolas Inszenierung, gab ihr gleichzeitig eine ganz eigene Note. Unterstützt von perfekt ausgewählten Schwarz-Weiß-Bildsequenzen dringt Norbert Grobs Artikel zur Essenz des Visuellen vor, wenn aus (Film-)Technik (Kino-)Magie wird.

Letztere bedarf entsprechend schillernder Protagonisten, deren Poetologie sich Bettina Karrer widmet. Einfühlsam, zugleich scharfsichtig nähert sie sich den Hauptcharakteren, enthüllt deren Persönlichkeitsstruktur im Kontext ihrer filmischen Präsentation, wobei einige Farbphotos wahrlich vielsagende Einblicke verschaffen.

Bezüge zu Realität und Historie
Die außerordentliche Resonanz auf die ’Godfather’-Trilogie ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass sie sich an echter Historie orientiert. Der Schwerpunkt liegt weniger auf Mafia-Realitäten, vielmehr auf amerikanischer Geschichte, was die Filme teils zu einem Spiegelbild des 20. Jahrhunderts macht.

Marc Eickhoff erläutert überzeugend jene Zusammenhänge, verweist explizit auf Attentate, den Vietnamkonflikt, Watergate und ein im Zuge dessen sich ausbreitendes Misstrauen im Amerika der 1960er/70er Jahre. Die gesellschaftliche Krise wird vom Aufstieg und Fall des Corleone-Clans annähernd widergespiegelt, in deren familiärer Genese sich der amerikanische Mythos als ’American Dream’ und ’American Nightmare’ eingeschrieben hat.

Auch Daniel Alles greift dies nochmals auf: „THE GODFATHER ist episch und mythisch zugleich. Der Film ist zudem eine grandiose Verschmelzung von Fakt und Fiktion.“ In seinem bestens recherchierten Beitrag ’enttarnt’ er die realen Vorbilder für etliche Filmfiguren, nennt die Kefauver-Hearings als ikonographisches Modell für die Anhörungsszenen und äußert sich zur cineastischen Entsprechung von tatsächlichen Verbindungen zwischen Mafia, Vatikan und Politik.

Der Beitrag von Ariane Bauer, Philip von Buttlar, Sebastian Missel und René Ruppert wiederum thematisiert die Mafia im italienischen Film. Weil sie dort kein Abstraktum, stattdessen Alltag meint, ist diese Untersuchung der Werke von Regisseuren wie Francesco Rosi, Damiano Damiani oder Elio Petri – ergänzt durch einen Exkurs über die ’echte’ Mafia Italiens – sowohl als informative Alternative wie auch erhellende Ergänzung zum ’Godfather’-Mythos zu verstehen.

Der Einfluß auf Genre und Regisseure
Die Bedeutung eines Kunstwerkes läßt sich auch daran ablesen, wie sehr es das Genre und andere Regisseure mitgeprägt hat. In seiner exzellenten Abhandlung befaßt sich Ivo Ritzer mit den Mafiafilmen von Abel Ferrara und Martin Scorsese und kommt zu der Erkenntnis: „Ist Francis Ford Coppola der Dramatiker unter den Cinéasten des New Hollywood, ist Martin Scorsese ihr Epiker, dann ist Abel Ferrara der späte Lyriker.“ Obendrein offenbart jener Text wieder einmal, wie sehr filmwissenschaftliche Analysen davon profitieren, wenn philosophische Akzente, hier beispielsweise Jacques Derridas Mythen-Diskurs, sie verfeinern.

Auch Marcus Stiglegger sucht das Erbe des ’Godfathers’, allerdings in den Gangsterfilmen von Brian De Palma. Die kunstvolle Stilisierung von „Scarface“ (1983) und „The Untouchables“ (1986) oder die Verliererballade „Carlito’s Way“ (1993) sind gewissermaßen ein Gegenentwurf zum ’Paten’, teils schon dessen Nullpunkt. „Das Kino ist eine grausame Phantasie, ein Inbegriff schwarzer Romantik (…).“ lautet das ebenso stimmige wie poetische Fazit.

Sebastian Lauritz wiederum fokussiert bei seiner genauen Betrachtung von Sergio Leones „Once Upon a Time in America“ (1984) dessen Erzählstruktur, eine asymmetrische Komposition als endgültige Absage an den niemals existenten Amerikanischen Traum.

Ankunft in der Popkultur
Wie die beiden ersten Teile des ’Paten’ ihren Auftritt als Fernsehfassung absolvierten, hat Alfred Boller in seinem präzisen, sämtliche Unterschiede zur Kinoversion betrachtenden Protokoll aufgezeichnet. In dem abschließenden Text von Andreas Rauscher ist „Der Pate“ hingegen längst in der (medialen) Gegenwart angekommen, nämlich im Videospiel. Ob dies den ’Godfather’-Mythos bereichert oder doch nur bestätigt, bleibt offen; für den Leser jedoch ist dieser Artikel ein lohnender Nachtrag.

Zugleich markiert er das Finale eines spannenden, filmwissenschaftlich ebenso bereichernden wie begeisternden Buches mit passender Bebilderung, akademisch erlesen und zugleich stilistisch geschliffen. Hier wird keineswegs nur der epische Mythos „Der Pate“ in Form von ’cultural studies’ lebendig, hier erfährt Kino über Sprache Vitalisierung. Dieses Angebot kann man wahrlich nicht ablehnen.

(von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net)

Mythos DER PATE: Francis Ford Coppolas GODFATHER-Trilogie und der Gangsterfilm
Norbert Grob, Bernd Kiefer, Ivo Ritzer

Bertz + Fischer, 19,99 €


Stand: Herbst 2011
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