Muttertier

Wer schon immer ahnte, dass kindliche Unschuld ein Mythos ist, hat dafür genug cineastische Beispiele gefunden. Jetzt tritt der anspielungsreiche Horrorstreifen „Mama“, ab 18.4. im Kino, den Beweis an, dass auch Mutterliebe höchst gruselig sein kann.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

„Mama“, Horror in einer neuen Spielart

Im Wald wohnt das Grauen

Alles war bereits da: Jedes Gespenst ist einmal über die Leinwand gehuscht, jedes Monster hat in die Kamera geheult, jede Schreckgestalt war schon im Filmtheater zu Besuch. In der Kunst geht es aber nicht um das Was, sondern das Wie. Deshalb bietet selbst das Horror-Genre, das ein eher eingeschränktes Repertoire besitzt, noch Entfaltungsmöglichkeiten. Die hat der Argentinier Andres Muschietti ausgeschöpft, indem er für seinen ersten Spielfilm mit Hilfe einer präzis-plausiblen Dramaturgie aus klassischen Schauer-Versatzstücken neues Grauen konzipiert. Dieser Filmemacher versteht das Spiel mit der Angst, und zwar ganz ohne aufgesetzte Splatter- oder Gore-Effekte – dafür mit der Garantie zum Armlehnen-Krallen und In-den-Kinositz-Versinken.

Während der internationalen Finanzkrise vor fünf Jahren ist ein Vater durchgedreht, ermordete Ehefrau samt Geschäftspartner und floh mit seinen drei- bzw. einjährigen Töchtern in die Wildnis. Sie alle blieben verschollen. Nur der Onkel der Schwestern, Lucas (Nikolaj Coster-Waldau), hat immer wieder Suchtrupps finanziert, die letztendlich den Erfolg bringen. Mitten im Wald in einer verfallenen Hütte werden die beiden Mädchen gefunden. Verwildert zwar und mit animalischem Verhalten, aber offenbar wohlauf. Lucas und seine Freundin Annabel (Jessica Chastain) nehmen die Kinder in ihr Haus auf, handeln sich damit jedoch ebenfalls einen ungebetenen, wahnsinnigen Gast ein. Der entwickelt alsbald ein dämonisches Eigenleben …

In der Rettung liegt ein Fluch

Während mancher Horrorfilm den Zuschauer zu Anfang gerne in trügerischer Sicherheit wiegt, beschreitet „Mama“ konsequent den Weg allen Schauderns. Die nervenzerfetzende, minutiös getaktete Filmmusik von Fernando Velázquez läßt keinen Zweifel daran, wohin dieser letztendlich führen wird. Ebenso entschlossen schafft Antonio Riestras Kamera unter anderem mit Chiaroscuro-Effekten in den teils tiefengestaffelten Szenerien eine dichte Atmosphäre ständiger Bedrohung. Etwas zu lauernd umschwebt sie das Geschehen, etwas zu unerwartet sind ihre Untersichten, als dass man dahinter nicht einen verstörend nahen, wenig wohlwollenden Beobachter vermuten könnte.

Selbst wer jetzt noch Zweifel am Fortgang der Geschichte haben sollte, wird spätestens durch die tolle Titelsequenz auf Horror-Gewissheit eingeschworen. Hinter den Credits sind die Zeichnungen zu sehen, die die beiden Mädchen im Laufe ihres langjährigen Waldexils an die Hüttenwände gemalt haben. Da gibt es auf allen Vieren kriechende Figuren, Wesen mit verdrehten Gliedern oder Kids als Karnivoren, also Bilder, die überhaupt nicht zu einer behüteten Kindheit passen. Trotzdem wurden die Verwaisten, nachdem ihr Vater von einem seltsamen, irren Ding getötet wurde, von eben diesem hingebungsvoll umsorgt und großgezogen. Jene aggressiv-possessive Macht ist unschwer als ebenso freudianisch aufgeladene wie bestürzend abartige Replik auf den (angeblichen) Mutterinstinkt zu erkennen.

Annabel (Jessica Chastain), Lilly (Isabelle Nélisse) und Victoria (Megan Charpentier) im Angesicht des Grauens

In den Wänden haust der Spuk

Gute Horrorfilme ähneln einem Geist, der etwas auf sich hält – hat das Grauen sich erst eingenistet, lässt es sich so schnell nicht mehr vertreiben. Gleich dem Phänomen der beiden halbwilden ’Wolfskinder’, welches die Grenzen von Natur und Kultur überschreitet, sprengt ein Spuk alle Barrieren zwischen Realität und Metaphysik. Interessanterweise ist es in „Mama“ ein Akademiker, nämlich der die Kinder betreuende Psychologe Dr. Dreyfuss (Daniel Kash), der ahnt, bevor er sieht. Hinter dem befremdlichen Verhalten der sechsjährigen Lilly (Isabelle Nélisse), speziell aber hinter den seltsamen Aussagen der achtjährigen Victoria (Megan Charpentier) während ihrer Hypnosesitzungen vermutet er früh ein supranaturalistisches Treiben. Er forscht weiter und stößt auf eine über 100 Jahre alte Tragödie, die sich einst in Nähe der Waldhütte abgespielt hat. Dennoch erkennt er erst spät, dass manches Leid zu groß ist, um mit dem Gequälten zu sterben.

Zu groß vielleicht, aber keineswegs zu träge, um nicht eine imposante Gruselshow zu initiieren, die passenderweise nur zwei Jahreszeiten kennt: Winter und Herbst. Da flackern die Lichter im düsteren ’haunted house’, schließen sich Türen von unsichtbarer Hand, tauchen schemenhafte Phantome auf, werden bizarre Puppen gebastelt, zischt fremdartiges Wispern auf, öffnen sich dunkle Löcher in Wänden und schwirren schwarze Nachtfalter herum. Kein Wunder, daß Lucas und Annabel von heftigen Alpträumen heimgesucht werden.

Dabei hatten die zwei, von Chastain und Coster-Waldau sehr sympathisch mit unkomplizierter Natürlichkeit verkörpert, es sich in ihrem Modern-Bohème-Dasein recht gemütlich gemacht. Nichts konnte den mäßig erfolgreichen Graphiker und die gescheiterte Punkmusikerin auf eine Patchwork-Familie mit zwei ihnen feindlich gesonnenen Kindern vorbereiten. Ganz zu schweigen von deren … sagen wir mal: ’Ersatzmutter’ vom schockierend herrischen Gouvernantentyp.

Im Tod wartet die Erlösung

„Mama“ basiert auf dem gleichnamigen Kurzfilm der Geschwister Andres und Barbara Muschietti. In der Langversion ist daraus ein extrem effektives, geradliniges Horrorwerk mit Märchentouch geworden, das bekannte Standards kunstvoll in Szene setzt. Sogar die archetypische Urangst vor dem Ungeheuer unterm Bett wird furchterregend geschickt heraufbeschworen. Hierzu trägt das durchaus tageslichttaugliche Design des Geistwesens bei, eine hyperrealistische Reminiszenz an den Pop-Surrealismus, etwa an „Lilith“ von Chet Zar. In ihm gehen Schauspiel (Javier Botet), Einsatz von Teilprothesen und digitale Effekte eine ziemlich überzeugende Verbindung ein. Fast wäre die Kreatur mit den fließenden, von ihren Kleiderfetzen betonten Bewegungen elegant zu nennen, würde ihr Gesicht sich nicht derart verzerren und wäre der langgezogene Körper nicht zu solch gräßlichen Verrenkungen fähig. Sie wirkt unmenschlich, gerade weil sie noch etwas Menschliches an sich hat.

In jener optischen Erkenntnis liegt auch die für das Horrorgenre eher seltene emotionale Qualität des Films. Nicht von ungefähr zählt Guillermo del Toro zu den Produzenten, ein Filmemacher, der die ’Zärtlichkeit für das Monster’ neu entdeckt hat. Im etwas übertriebenen, fantasyhaften Showdown von „Mama“ offenbart sich das ganze Drama eines wütenden, völlig verstörten Geistes, der in der Endlosschleife seines Elends steckt und keine Entwicklung mehr kennt. Doch diesmal bekommt er sein Recht auf Erlösung zugestanden, ungeachtet des außerordentlich hohen Preises. Den bezahlt ein Kind, freiwillig und aus wahrer Zuneigung. Manchmal ist Liebe der Tod. Oder reine Transzendenz.


Mama

Spanien/Kanada 2012
Regie: Andy Muschietti
Darsteller: Jessica Chastain, Nikolaj Coster-Waldau, Megan Charpentier, Isabelle Nelisse
Ausführender Produzent: Guillermo Del Toro

Kinostart: 18.04.2013 im Verleih von Universal Pictures International Germany GmbH


Verlosungsaktion

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