„Mit 80.000 Fragen um die Welt“: Der nette Mann mit dem Köfferchen

Entdeckt, enttarnt, entzaubert – Längst sind die dunklen Flecken von der Weltkarte verschwunden, die allerletzten Erdenwinkel durchstöbert, sämtliche Geheimnisse beleuchtet, jegliche Kuriositäten aufgewirbelt, menschliche wie animalische Bewohner katalogisiert. Man könnte meinen, unser vollständig etikettierter Planet biete keinen Platz mehr für Abenteuer. Obschon es da noch so einige drängende Fragen gäbe…

Dennis Gastmann. Mit 80 000 Fragen um die Welt. Rowohlt Berlin. 16,95 Euro

„Falls Sie Interesse an weiteren Elefantenvokabeln haben, dann rufen Sie mich bitte einfach an.“

Wo endet Europa? Wie stirbt es sich in Texas? Lebt Che Guevara noch? Ist Holland in Not? Wer liegt vor Madagaskar? Sind alle Australier Verbrecher? – Während einem solch nie enträtselte Menschheitsfragen nachts den Schlaf rauben können, hat sich ein kühner Jungjournalist vor über zwei Jahren auf den Weg gemacht, um direkt vor Ort Antworten zu finden. Auf alle fünf Kontinente hat ihn seine Suche schon verschlagen, zu exotischen Bewohnern und gewaltigen Tieren geführt, an gefährliche Orte und reizvolle Stätten gebracht und häufig genug vor fast unlösbare Aufgaben gestellt. Aber er gab nie auf, sondern abenteuerte sich zu den brisantesten Informationen durch.
Der Name dieses unerschrockenen Globetrotters ist Dennis Gastmann, 1978 in Osnabrück geboren. Einst Autor bei der politischen Satiresendung „Extra 3“, reist er seit 2009 im Auftrag des NDR-Auslandsmagazins „Weltbilder“ quer über die Erde und beglückt den bisher um eine Antwort verlegenen Zuschauer mit seiner Serie „Mit 80.000 Fragen um die Welt“. Zur mehrfach ausgezeichneten Sendung gibt es nun ein prächtiges, gleichnamiges Buch, in dem der Weltreporter über seine Trips auf den Spuren von Fragen, die jeder kennt und keiner klärt, erzählt.

„Auf meinem Plastikteller liegt eine Art Hefebrötchen, das in heißer Butter gestorben ist.“

Unter dem Arm ein Köfferchen in Burberry-Optik, auf dem Kopf hellblondes Wuschelhaar, in den babyblauen Augen freundlichstes Staunen, aber im Herzen Indiana Jones: Mit dieser waghalsigen, auch auf dem hübschen Indy-Buchcover präsentierten Mischung macht sich Dennis Gastmann auf, um lokal wie global den Leuten einmal ordentlich im Weg herumzustehen. Und wäre er nicht derart leutselig, hätten diese das wahrscheinlich längst gemerkt. So jedoch öffnet ihm seine scheinbare Harm- und Arglosigkeit auch Türen, die bei knallharter Recherche wohl geschlossen geblieben wären. Seine Suche nach dem amerikanischen Traum etwa führt ihn zu einem Star-Schönheitschirurgen aus Beverly Hills, der unbewußt zugibt, längst sämtliche Träume zum Erstarren gebracht zu haben.
Als ebenfalls gruselig erweist sich die „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“-Tour. Im Arkansas-Süden der U.S.A. trifft Dennis Gastmann auf geistig unterentwickelte Ku-Klux-Klan-Vertreter mit eigenem TV-Sender, die selbst auf seine forsch-vertrauliche Frage, warum sie noch nicht verboten wären, eine noch einfältigere Antwort finden.
In solchen Fällen offenbart sich die hintersinnige Klugheit von Dennis Gastmanns Strategie, nicht nur im Umgang mit Gesprächspartnern, sondern auch in seinen stets mit sanftem Timbre vorgetragenen Fernsehkommentaren sich der überdeutlichen Wertung zu enthalten. Gerade im Kontrast zwischen seinem verdutzten Blick, dem einnehmenden Lächeln sowie höflichen Nicken und den teils skurrilen, bitteren, auch deprimierenden Erlebnissen, liegt ein schonungslos satirisches Potential, das mancherlei groteske Realitäten enthüllt. Gleichzeitig wird der Zuschauer zur selbständigen Nachbetrachtung eingeladen. Wenn Gastmann beispielsweise Restbestände an Nazis in Argentinien sucht und findet, bedarf dies keiner weiteren Anmerkung mehr. Man braucht jene Leute nur reden zu lassen, und schon wird klar, daß degenerierter Stumpfsinn nie ausstirbt, höchstens auswandert.

Dennis Gastmann, Jahrgang 1978, studierte Politik und Journalistik in Hamburg, volontierte im NDR und stieg danach als Autor bei der Satiresendung Extra 3 ein. 2009 erhielt er den Journalistenpreis Goldener Prometheus als ?Bester Newcomer?. Seither reist er als Weltreporter für das NDR-Auslandsmagazin „Weltbilder“ um den Globus. Seine Fernsehserie „Mit 80.000 Fragen um die Welt“ war 2010 für den Grimme-Preis nominiert und wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten. Bild © by Klaus Westermann/NDR

„«Das war wundervoll!», rufe ich den Soldaten zu, und sie sind ein wenig gerührt.“

Tatsächlich ist die Naivität von Gastmann bzw. die seiner originellen Reporter-Kunstfigur „Dennis“ teils Camouflage und teils Eskamotage, denn sie verführt die Leute dazu, sich so zu geben wie sie sind. Das kann ihnen zum Vorteil wie Nachteil gereichen. Mit neugieriger Unbefangenheit stellt Dennis seine Fragen und hört sich voll liebenswürdiger Gutgläubigkeit die Antworten an, was häufig schon reicht, um selbst Heikles wie „Wo ist Nordkorea?“ (nördlich der Tischmikrofone in einem Gebäude auf der militärischen Demarkationslinie) oder „Wo liegt eigentlich Absurdistan?“ (genau dort, wo sich offiziell Aserbaidschan befindet) zu klären. Gleichwohl scheut er auch nicht den beherzten Sturz mitten ins Getümmel, um als Torero im Kampf mit einer fidelen Kuh zu reüssieren, in Neuseeland sein mathematisches Genie beim Zählen von Schafen zu beweisen und mit der Hilfe eines argentinischen Psychologen vielleicht doch noch zum Latino-Macho zu avancieren.
Dennis Gastmanns gewitztes, höchst erfrischendes Journalistentalent funktioniert sowohl auf dem Bildschirm als auch im Printmedium, weshalb das Buch weitaus mehr als eine Dopplung seiner Fernsehauftritte ist. Wer letztere kennt, wird ihren dramaturgischen Stil in der pfiffig-lakonischen Schreibweise wiederfinden. Wer die ebenso vergnüglichen wie erhellenden Sendungen dagegen nie gesehen hat, bekommt mit dem Buch dennoch das „volle Programm“ inklusive flotter Details, weil Gastmann sich auf knappes Erzählen versteht, das das Geschehen illustrativ auf den Punkt bringt, ergänzt von einigen Schwarz-Weiß-Photos.

„Monsieur Roger hat recht. Ohne Liebe ist Paris nur eine Stadt. Und mein Herz nur ein Muskel.“

Man sollte sich nicht von Dennis Gastmanns sympathischer Art, die es zudem faustdick hinter den schlauen Ohren hat, täuschen lassen. Er besitzt intelligente Selbstironie und klarsichtigen Humor, kein Zweifel, doch darüberhinaus eine feinsinnige, aus humaner Gesinnung abgeleitete Moral. Wenn er in Paris zu ergründen sucht, ob dies noch die Stadt der Liebe sei, aber dann nur auf kommerzielles Sex-Business stößt, macht sich bei ihm Enttäuschung breit. So viel urbane Grazie und so wenig zarte Romantik! Das eben ist klassisches Reporterschicksal: Neugier führt zu Erkenntnissen, manchmal auch quälenden. Auf die Frage „Wie schön ist Panama?“ findet Dennis ein paar ziemlich häßliche Antworten in Panama City, während ihn die Frage „Wo ist der schwarze Kontinent am schwärzesten?“ auf die Spuren dubioser Heilerinnen mit bedenklichen Methoden, Aids zu kurieren, bringt.
Auf seine zutraulich-wißbegierige Art, die so leicht und harmonisch daherkommt, macht Dennis Gastmann in Wirklichkeit investigativen Journalismus, der das Desolate enthüllen soll, um das Achtbare zu feiern. Dahinter steckt – heutzutage traut man sich das altmodische Wort kaum noch zu nennen – Anstand, nämlich ein Tribut an die eigene Profession, Respekt vor den Menschen, vor allem eine Reverenz gegenüber der Wahrheit.
Die kann selbst in unserer wissenschaftlich längst durchkalkulierten Welt gelegentlich zauberhaft sein, etwa wenn Dennis seinen „Elefantenführerschein“ auf einer thailändischen Farm macht. Am Ende badet er zusammen mit einer Elefantendame im Fluß, schrubbt eifrig ihren Rücken und kommentiert ausnahmsweise doch einmal seine Situation, und zwar mit dem schönsten Satz des ganzen Buches: „In diesen Momenten habe ich ein Gefühl, das ich nur selten empfinde. Ich bin glücklich.“
(von Nathalie Mispagel)

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