Memories Revisited

Recycling ist nicht nur ökologisch, sondern auch cineastisch ein hochaktuelles Thema. Warum Neues ausdenken, wenn es das Alte noch tut? Zumindest einigermaßen? Jetzt wurde Paul Verhoevens SciFi-Action „Total Recall“ (1990) von Regisseur Len Wiseman zurück auf die Leinwand geschoben, tricktechnisch getunt, narrativ tiefer gelegt. Ab 23.8. im Kino.

Once more…

Wieder einmal ist die Erde am Ende, und wieder einmal geht es trotzdem weiter. Im ausgehenden 21. Jahrhundert gibt es nach globalen Kriegen und Katastrophen nur noch zwei Gebiete, in denen Menschen überleben können: die ’United Federation of Britain’ und ’The Colony’, nämlich Australien. Zwischen beiden Staaten existiert ein Megalift, mitten durch den Erdkern gebaut. ’The Fall’ bringt jeden Tag die verarmten Kolonialisten in das prosperierende Britannien, wo sie als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden, ansonsten aber keinerlei Rechte besitzen. Die Welt ist beinahe zerstört, die Klassengesellschaft niemals.
Douglas Quaid (Colin Farrell), Fabrikarbeiter aus der Colony, träumt jedoch von einer anderen Existenz, vielleicht als Superagent. Wenn er sie schon nicht leben kann, so will er sich wenigstens daran erinnern, weshalb er die Dienste von REKALL in Anspruch nimmt. Jene dubiose Firma rühmt sich, synthetische Erinnerungen zu implantieren, die nicht von echten zu unterscheiden sind. Allerdings geht bei der Prozedur an Quaid irgendetwas daneben, und fortan befindet er sich auf der Flucht – vor der Polizei, vor seiner Vergangenheit, vor sich selbst. Offenbar ist er nicht derjenige, der er bislang zu sein glaubte, sondern womöglich Initiator, gar Mittelpunkt einer Verschwörung. Seine alte Identität als Spion sowie Guerilla drängt an die Oberfläche.

remember?

Verhoevens „Total Recall“ mit Arnold Schwarzenegger mag kein Meilenstein der Science-Fiction sein, besitzt dafür trotz hohen Gewaltpotentials eine gewisse trashig-schräge Ironie und durchaus unterhaltsame Momente. Vor allem nimmt er sich nicht allzu ernst. Im heutigen Actionfilm indes sind die Helden, ob Comic-Stars oder Allerwelts-Teufelskerle, meist auf rechtschaffenen Diensteifer bedacht. Folglich gibt es im Remake, einer Art domestiziert-aseptischen Variante des grimmigen Vorgängers, auch nichts zu lachen.
Dabei trägt die Déjà-vu-Story, die sich in groben Zügen an der filmischen Erstfassung orientiert, lachhaft plumpe Züge. Daß sie weder Originalität noch Klugheit besitzt, scheint im monoton-epigonalen amerikanischen Blockbusterkino längst Produktionsvoraussetzung zu sein. Daß sie streckenweise langweilt, haben die bestürzend flachen Dialoge mitzuverantworten. Mit „Hey“, „Come on“ und „Shit“ ist meist alles gesagt; gedacht wird ohnehin kaum.

Much the same…

Die stumpfe Regie kann dem nur wenig entgegensetzen. Tatsächlich besitzt Len Wisemann weder Talent für Schauspielerführung noch ein Gespür für Zwischentöne, hat als Regisseur, Drehbuchautor bzw. Produzent der „Underworld“-Tetralogie jedoch ein Geschick für düstere Untergangsstimmung und Dynamik offenbart. „Total Recall“ wird bei ihm zur technophilen Dystopie, aufgelöst in einem von Harry Gregson-Williams` Score erbarmungslos angetriebenen Actiongewitter, gespickt mit imposanten Special Effects, gestreckt durch ebenso obligatorische wie voraussehbare Hetzjagden. Statt erzählerische Substanz dominiert Genre-Substrat in VFX-Perfektion.
Von dieser Sicht aus betrachtet ist das „Total Recall“-Remake nur bombastische Kino-Schaumschlägerei. Gleichwohl blitzen immer wieder reizvolle Ideen auf. Cellphones etwa sind bereits der Handinnenfläche subkutan installiert, weshalb man sich beim Telefonieren einfach nur noch die Hand ans Ohr halten muß. Welch herrlich sarkastische Warnung an alle Handy-Junkies! Ebenfalls beeindruckt eine Szene, in der Douglas Quaid mit Klavierspielen eine holographische Aufzeichnung auslöst. So sieht sie aus, die Musik der Zukunft.

Oh, not again!

Wie schon das Original macht auch der aktuelle „Total Recall“ beinahe vergessen, daß ihm eine innovative Kurzgeschichte von Philip K. Dick zugrunde liegt. Dick, stilistisch nicht überragend, doch mit einem genialen Einfallsreichtum gesegnet, hat sich in seinem Werk kontinuierlich mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit beschäftigt. Wo endet die Realität, wo beginnt die Illusion? Was ist echt, was Täuschung? Auch in der Short Story „We can remember it for you wholesale” (1966) wird die Hauptfigur von Träumen an ein anderes Leben gequält, will sich künstliche Erinnerungen einpflanzen lassen, gerät in die Identitätskrise und avanciert zum Weltenretter. Was in einer denkbar poetischen und gleichzeitig ironischen Pointe gipfelt, verflacht in beiden Filmadaptionen zur reinen Thriller-Science-Fiction, in der das Leitmotiv, sprich, die schicksalhafte Eigendefinition des Ichs, psychologisch nie vertieft wird.
Entsprechend eindimensional fallen die Charaktere aus. Gerade noch eben kann sich Colin Farrell dank starken Charismas schauspielerisch über die Runden retten, während der Rest des Ensembles völlig untergeht. Darunter leiden speziell die Frauenrollen. Kate Beckinsale als perfide Gattin und Jessica Biel als untergrundkämpfendes Love Interest sind ebenso austauschbar wie belanglos, haben – wie es sich für moderne (Pseudo-)-Heroinen gehört – Granit im Blick und eine Knarre zur Hand. Ansonsten dürfen diese sexy munitionierten Marionetten nur zum richtigen Zeitpunkt küssen oder sterben, je nach dem. Ein Trauerspiel, selbst wenn man einkalkuliert, daß Hollywoods bevorzugte Zielgruppe ein jugendliches Publikum unter 25 Jahren ist, das angeblich nach glamourös modifizierten, doch immer gleichen Erzählmustern giert. Warum nur diese intellektuelle Bescheidenheit…?!

Something new?

Etwas Besonderes hat „Total Recall“ dann aber doch zu bieten, und zwar ein grandioses Production-Design von Patrick Tatopoulos. Im Gegensatz zur Erstversion spielt das Remake nicht zeitweilig auf dem Mars, sondern präsentiert eine dichotome Erde aus überbevölkertem Moloch und kapitalistischem Dorado. Die Colony ist ein einziger (Alp-)Traum an Atmosphäre, bildet mit ihrem gigantomanischen Beton-/Neon-Labyrinth im Verfall, dem Asia-Look und ewigen Regen beinahe schon eine Hommage an Ridley Scotts unerreicht göttlichen „Blade Runner“ (1982). High-End-Technik und Schwermechanik halten das klaustrophobische City-Wrack am Laufen, welches mangels Platz statt in die Breite, in die Höhe geschossen ist. Die Föderation ist sein Pendant für die Privilegierten, ein gen Himmel wachsender, stählern-monumentaler Irrgarten aus schwindelerregenden Überführungen und Gebäuden wie schwebende Riesenfestungen.
Kameramann Paul Cameron läßt diese kolossalen Zwillingswelten in seinen brillant artifiziellen Lichtreflektionen und Farbeffekten nachhallen. Solcherart dynamisiert er eine Umgebung, die von der Regie meist als pure Kulisse ignoriert, aber wenigstens während der Actionsequenzen in ihrer sensationellen Vertikalität inszeniert wird. Verfolgung findet hier nicht horizontal, sondern senkrecht statt. Jene Szenen sind es wert, erinnert zu werden. Anders als der Rest des Films.
Wie war noch gleich der Titel…?

Nathalie Mispagel

 

Total Recall
Regie: Len Wiseman
Darsteller: Collin Farell, Kate Beckinsale, Bryan Cranston, Jessica Biel

Start: 23.08.2012

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