Mein Praktikum in Alexandria

Insha’Allah! Wie läuft eigentlich ein Praktikum in Ägypten ab? Lena war in Alexandria und berichtet exklusiv für uns!

Lena bringt zu Ende, was Obelix begonnen hat. Bild: Privat

Mein Praktikum

Mein Praktikum in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria bietet jeden Tag neue Herausforderungen. In einer Shipping Company beschäftigt und mit der Betreuung sowie Neuakquise internationaler Kunden betraut, bin ich erste Ansprechpartnerin für deren Bedürfnisse. Ob es sich um verzögerte Lieferungen oder Schwierigkeiten mit dem gerne willkürlichen ägyptischen Zoll dreht, um die Aushandlung von Beförderungsbedingungen oder darum, europäischen Firmen nahe zu bringen, dass es durchaus vorteilhaft sein kann, bei der Verschiffung ihrer Waren auf eine der (mit einem eher unzuverlässigen Ruf ausgestatteten) ägyptischen Transportfirmen zu vertrauen – mein sechstägiger Alltag ist zwar anstrengend, lässt jedoch selten Langeweile aufkommen.

Ich lerne sehr viel, zumal nun ein weiterer Aufgabenbereich in meine Zuständigkeit fällt: Die Verbesserung der betriebsinternen Prozesse. Auch wenn dies in einem ägyptisch geführten Unternehmen einer Sisyphusarbeit gleich kommt, da die bevorzugte Management-Strategie „Chaos“ zu heißen scheint, stellen sich langsam kleine Erfolge ein: Es kommt nun jeder um 9.30 Uhr ins Büro statt um 9.45 Uhr. Eigentlicher Arbeitsbeginn: 9.00 Uhr.


Mein Leben

Die ägyptische Kultur ist Segen und Fluch zugleich: Auf der einen Seite stehen die herzliche Gastfreundschaft, eine unglaubliche Gelassenheit in jeder Lebenssituation, der unerschütterliche Glaube an das eigene Schicksal und ein unübertroffener Humor.

Auf der anderen Seite sind das wahnsinnige Chaos in jedem Lebensbereich, unverrückbare Traditionen und Werte, die sich mit meinen eigenen Ansichten wenig decken, eine mit „deutschen Tugenden“ oft unvereinbare Unzuverlässigkeit („Bukra, insha’allah!“ – „Morgen, so Gott will!“) und der unerträgliche Verkehr in den überfüllten Großstädten.

Das prägendste Ereignis während meines Praktikums war die  Revolution, die ich bis zur Eskalation der Lage und bis zu meiner durch die GIZ aus Sicherheitsaspekten veranlassten zwischenzeitlichen Ausreise hautnah miterlebt habe. Ich habe demonstriert und mit den Ägyptern auf das scheinbar Unmögliche gehofft, um meine Freunde gebangt, die die Nächte mit Knüppeln bewaffnet auf den Straßen verbrachten, um Haus, Hof und Familie gegen Plünderer zu verteidigen und wie das ganze Viertel auf dem Balkon gejubelt, als das Militär mit Panzern durch die Straßen rollte. Das war eine unglaubliche Erfahrung.


Mein Fazit

Nun, da sich mein Auslandsaufenthalt dem Ende zuneigt, blic­ke ich auf eine wunderbare Zeit zurück, in der ich viele neue Erfahrungen sammeln durfte. Die Unterschiede zwischen den Kulturen bergen zwar ständig neue Herausforderungen in sich, ermöglichen aber auch eine ganz neue und andere Sicht auf viele Dinge. Ägypten selbst befindet sich in den Nachwehen der Revolution und die Entwicklung bleibt weiter sehr spannend.

Mein Herz hängt mittlerweile an diesem Land und deshalb werde ich auch wieder zurückkehren. Ich habe bereits ein Übernahmeangebot meiner Praktikumsfirma sowie ein weiteres Angebot.


Lena Speckmann
, 27, studierte Angewandte Wirtschaftssprachen und Internationale Unternehmensführung an der Uni Bremen. Als Stipendiatin der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) absolvierte sie ein mehrmonatiges Praktikum in Ägypten.


Stand: Juli 2011
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