Matrix im Käferzelt

Wir werden alle immer überflüssiger: Alle, die wir nicht Shareholder im großen Stil sind, werden überflüssiger. Wie die Afrikaner. Und alle Slumbewohner. Nur etwas langsamer und etwas gesünder. Wer nicht genug Geld hat, um genug Druck auf die Global Player auszuüben, wer nicht genug Kaufkraft hat oder kein Geld aus Firmenbeteiligungen herausquetschen kann, nimmt immer weniger Teil am Kapitalismus, der unsere Welt regiert und unsere Regierungen regiert. 

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin © Privat

Die meisten Menschen sind nicht (mehr) systemrelevant. Nur was machen all die unwichtigen, überflüssigen Menschen in Zukunft? Werden sie weiter für 7 Euro die Stunde arbeiten und gerade noch ihre Miete zahlen, gerade noch ihre Kinder zur Schule schicken und gerade noch genug Essen und Kleidung kaufen gehen (oder auch nur still vor ihren Fernsehern, dem Unterschichtenprogramm folgen)?

Was werden die Reichen machen in ihren Villen? Werden sie immer noch mehr Designerkleidung und große Autos kaufen und noch mehr Angestellte haben, die ihre Kinder zur teuren Privatschule fahren, damit auch die dann später in großen Häusern teure Partys feiern mit den immer gleichen anderen Reichen und mit eigenen Flugzeugen in streng bewachte andere Villen fliegen können? Was ist der Sinn im Leben, der einen, wie der anderen?

Die Gesellschaft fällt auseinander wegen der allgemeinen Hoffnungslosigkeit. Zu viel Geld schafft jede Hoffnung auf Verbesserung ab. Und zu wenig Geld auch. Beide Male bestimmt das Geld zu sehr das Leben.

Auf was soll man noch hinarbeiten, warum soll man sich noch engagieren, wenn man alles schon hatte oder hat? Warum soll man sich noch engagieren, wenn man eh keine Chance hat irgendetwas zu erreichen?
Ob man nun das zehnte mal am ersten Wiesnsamstag im Käferzelt auf dem Oktoberfest in der oberen Etage die Korken knallen lässt, zwischen all den anderen teuren Seidendirndln (schnell mal gekauft, einmal gezeigt um den Status zu wahren)  oder ob man niemals im Käferzelt mitfeiern wird, auch nicht im Billigdirndl – beide Mal findet man extrem frustrierte Menschen.

Und trotzdem würden alle lieber das zehnte mal Boris Becker auf dem Klo begegnen, als nur davon zu träumen. Und genau deshalb ist der Kapitalismus so erfolgreich: Er lebt von den Träumen, bis er sie auffrisst – und selbst dann gibt es keine Alternativen. Denn jeden Idealismus, jedes „wahre Leben“ wird infiltriert vom kapitalistischen System, wird sofort wieder genutzt, um uns etwas zu verkaufen und sei es der Traum vom „wahren Leben“.

Und wenn wir das nicht kaufen wollen oder können, sind wir eben überflüssig. Selbst die Jugendproteste auf den Straßen der Weltmetropolen werden uns schon wieder als neue Kultur verkauft, die Trendscouts versuchen schon wieder eine neuen vermarktbaren „Stil“ heraus zu destillieren, die Konzerne versuchen panikartig sich darauf einzustellen.
Aber wozu das alles?

P.S.
Antworten, die über „am Sommertag auf einer Wiese sitzen“ oder „meinen Kindern beim Schlafen zusehen“ hinausgehen, nehme ich gerne entgegen.

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de


Stand: Sommer 2011

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