Mal was Persönliches…

Immer wieder werde ich nach persönlichen Daten gefragt. Es mutet sicher seltsam an, dass jemand der seine Biographie als Buch veröffentlicht hat („Ich, Rabentochter“), in dem er privateste Details, Erfahrungen und seinen Leidensweg preisgibt, empfindlich reagiert, wenn man ihn nach weiteren Informationen über sich fragt.

 Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Mir sind nach diesem ersten großen Bucherfolg oft Journalisten begegnet oder Moderatoren in Talkshows, in denen ich eingeladen war, die mir immer wieder mit Zweifel im Gesichtsausdruck versicherten, sie könnten den Menschen aus dem Buch mit dieser harten Lebensgeschichte nicht zusammenbringen, mit dem Menschen, der gerade vor ihnen sitzt. Mir fällt dazu dann immer eine Aussage von Natascha Kampbusch ein, die sagte, wenn sie sich nicht verhalte und aussähe wie ein Opfer, so wie die Leute glaubten, dass sie sein müsse, nach ihrer unvergleichlichen Leidensgeschichte, wären die Zuschauer enttäuscht. Sie würden sie damit aber zum zweiten Mal zum Opfer machen, nämlich zum Opfer ihrer Erwartungen. Und wenn sie sich gegen dieses Mitleid sperrt, werden einige sogar wütend und greifen sie an.

Die menschliche Psyche denkt gerne in schwarz und weiß, in Gut und Böse, in Opfer und Täter. Das schafft Orientierung und damit Sicherheit. Wenn Menschen ihre schweren Neurosen an anderen auslassen, dann sind sie Monster, Täter. Die unter ihnen leiden sind Opfer und damit die Guten. Das soll so bleiben, dann herrscht kein Durcheinander. Nietzsche hat das „die christliche Sklavenmoral“ genannt. Sie verhindert, dass man sich mit seinen eigenen starken und schwachen Anteilen auseinandersetzt, begreift, dass man vom ehemaligen Opfer vielleicht selbst zum Täter geworden ist, da man seine unverarbeiteten Opfererfahrungen in seinem Verhalten als Leid an andere weiter gibt. 

Ich benutze meine Erlebnisse, das Leid meiner Kindheit, für meine Arbeit heute. Ich habe durch meine Geschichte, die Erfahrungen mit meiner borderlinekranken Mutter und anderen Belastungen zu tiefst verstanden, was Psychodynamik ist, wie die Psyche mit Konflikten umgeht, wenn sie zu schwach ist. Ich habe auch verstanden, wie sie mit professioneller Hilfe „repariert“ werden kann, von der totalen Fremdbestimmung der schlimmen Erlebnisse zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung und Glück gelangt. So weit ich das erzählen möchte, um anderen zu helfen und einen Weg zu zeigen, Mut zu machen, habe ich es getan. Deshalb muss ich aber mein jetziges Privatleben nicht auch veröffentlichen. Und auf Bemerkungen darüber, Vermutungen und Anmaßungen werde ich natürlich zurückweisend reagieren.

Manchmal versuchen mich sogar Menschen zu verletzen mit dem Wissen, das sie über mich aus meinem eigenen Text haben („Du warst doch schon immer depressiv“). Es ist für mich immer ein sicheres Zeichen, dass sie sich nicht vorstellen können, dass man schlimme Probleme und Erfahrungen wirklich vollkommen in Stärke umwandeln kann – sie sogar das sind, woraus Stärke besteht. Es gibt Menschen, die klopfen einen ab nach Schwachstellen und wundern sich, dass ich zurück klopfe. Manchmal versuchen sie mir auch gute Ratschläge zu geben („Du musst wirklich auf Dich aufpassen.“ Oder: „Bei Deinem letzten Blogthema ist wohl was durcheinander geraten… Oder: „Du bist doch die, die Probleme hatte…“). Ich muss dann immer innerlich den Kopf schütteln, denn genau dieses Denken und Verhalten zeigt mir, dass viele Menschen lieber Kritik von sich weisen, als zu verstehen, was ihnen da gerade weh tut. 

Ich freue mich über jeden Leser und seine Gedanken zu meinen Gedanken. Ich stelle hier sehr authentisch mein „sich wundern“ über die Welt dar, das sich natürlich an meinen Alltagserfahrungen festmacht. Und viele scheinen sich ähnlich zu wundern und meine kausalen Deutungen und Vorschläge regelmäßig zu verfolgen. Aber die Nähe, die der Blog zu meinen Gedanken herstellen mag, hat eine Grenze zu meiner übrigen Privatsphäre. Erkundigungen nach meinem Beziehungsstand oder die Anfrage nach persönlichen Treffen liegen mir nicht so. Und das ist das Persönlichste, was ich hier auszusagen bereit bin. Sicher biete ich mich als Projektionsfläche an, aber diese Projektionen sind eben nicht meine Realität. 

Schöne private Weihnachtsfeiertage wünsche ich all meinen Lesern. 

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