Making of RAF: Wer wenn nicht wir

Rebellions-Ikonen, Verbrecher-Asse, Terrorismus-Legenden – Seit einiger Zeit hat das internationale Kino den historisch verbrieften Revolutionär wiederentdeckt und widmet ihm ausufernde Bio-Pics. Nun ist die deutsche RAF-Saga auf DVD erschienen.

Ach ja, die Sechziger Jahre … ©Foto: Markus Jans/zero one film

John Dillinger war amerikanischer Staatsfeind Nr. 1, Che Guevara ist sowieso längst edelster Guerilla-Kult, der Gewalttäter Jacques Mesrine machte Frankreich unsicher, „Carlos, der Schakal“ schrieb Terrorgeschichte, Vallanzasca avancierte zum italienischen Gangsteridol: Inzwischen wurden sie alle vom Kino vereinnahmt, weil sie ungeachtet moralischer Diskussionen jenen „radical chic“ besitzen, der sie zum Leinwandhelden taugen läßt. Betrachtet man hingegen den deutschen Film, der sich seit über 30 Jahren an der RAF abarbeitet, stellen sich solche Überlegungen erst gar nicht. Fern aller Mythifizierung oder Glorifizierung erweist sich die RAF hier oft als schockierend echt und erschreckend fade. Überspitzt formuliert: Nur ein zutiefst ernsthafter Wille zur zutiefst authentischen Auseinandersetzung darf die filmische Thematisierung rechtfertigen. Kein Glamour also.

Entsprechend dieses strengen Kodex konzipiert auch Regisseur Andres Veiel seinen ersten Spielfilm „Wer wenn nicht wir“. Anhand der komplizierten Beziehung zwischen Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) und Bernward Vesper (August Diehl) versucht er zu ergründen, wie politisches Bewußtsein in den frühen 1960er Jahren entstanden ist, sich im Drogenrausch verlor oder eben radikalisierte bis hin zum Terror der RAF. Es wird gewissermaßen der Prolog zum Deutschen Herbst, zum bundesrepublikanischen Terrorismus inszeniert, eingebettet in dokumentierte Historie, abgesichert durch beglaubigte Fakten, sozio-psychologisch ausgedeutet, wobei Ensslin und Vesper zu Parametern einer Gesellschaft werden, die sich im Wandel befindet. In welche Richtung auch immer.

Hoffnung auf die Weltrevolution

Beim Studium in Tübingen lernen sich Ensslin und Vesper, zwei etwas überspannte, aber engagierte Jungakademiker, kennen, dann lieben. Während er ihr aus Hans Henny Jahnns Roman „Das Holzschiff“ vorliest, legt sie einen Mikro-Striptease hin und verführt ihn. Das war sie also, die sexuelle Revolution in Deutschland! Kein Wunder, daß erst 1964, als beide zwecks Neuanfangs nach West-Berlin gehen, Schwung in ihre kleinbürgerliche Existenz kommt. Als Teil der linken Bohème treffen sie auf Vertreter der „Gruppe 47“, nehmen am „Wahlkontor deutscher Schriftsteller“ teil, wenden sich dann der „Außerparlamentarischen Opposition“ zu, beobachten mit immer größer werdender Aufmerksamkeit die globalen gesellschaftlichen Umwälzungen, etwa Studentenproteste oder die „Black Panther“-Bürgerrechtsbewegung in den U.S.A.

Von Haus aus leiden sowohl Ensslin als auch Vesper an der geistigen Enge ihrer Familien, vor allem daran, daß beider Eltern sich nie ihrer NS-Vergangenheit stellten. Will Vesper (Thomas Thieme) war einst ein begeisterter völkischer Autor, Helmut Ensslin (Michael Wittenborn) ein das Regime verachtender Mitläufer. Flankiert von verehrenden (Imogen Kogge als Rose Vesper) bzw. beschwichtigenden (Susanne Lothar als Ilse Ensslin) Ehefrauen sind diese Männer niemals in der Gegenwart angekommen. Ihre innerlich zerrissenen Kinder bangen deshalb um die Zukunft. Gleichzeitig soll ihre Wut ein Ventil finden, ihre Utopie eine Realisation erfahren, sie wollen endlich Teil der weltweiten Aufbruchstimmung werden. Während es Vesper allerdings genügt, politische Literatur zu verlegen, begehrt Ensslin auf. Sie sucht die Aktion, die Tat, den Kampf. Und diese findet sie durch die Bekanntschaft mit dem linksradikalen, militanten Andreas Baader (Alexander Fehling). Bald wird sie Sohn und Kleinfamilie hinter sich lassen, viel später in den bewaffneten Untergrund gehen. Die Weltrevolution wartet… oder eben auch nicht.

Dokumentation und Psychologie

Bisher war Andres Veiel als vielgepriesener Dokumentarfilmer („Black Box BRD“, „Die Spielwütigen“) bekannt, und tatsächlich entfaltet sein Werk dann starke Wirkung, wenn er mit Hilfe von dokumentarischen Bildern die politisch aufgeladene Stimmung der 1960er Jahre heraufbeschwört. Ob Originalaufnahmen von der Napalmbombardierung in Vietnam, vom Eichmann-Prozeß, von der Kubakrise, vom Kennedy-Besuch in Berlin, von der Schah-Visite mit den zeitgleich stattfindenden Demonstrationen – in ihrer Echtheit erden sie die Narration, evozieren eine erstaunliche historische Dringlichkeit und offenbaren gleichzeitig die schnelle Überalterung von Geschichte. Was gestern aufregte, ist heute eine Randnotiz und morgen vergessen, während jene Sixties-Songs, mit denen die kurzen Dokumentaraufnahmen unterlegt sind, Evergreen-Qualitäten besitzen. Ist Musik vielleicht die nachhaltigste Revolte?

Die Überzeugungskraft jener Sequenzen erreicht der Film ansonsten nie. Zwar mag in der Rekonstruktion des persönlichen wie historischen Hintergrundes eine Chance liegen, die längst ikonographisch vereinnahmte RAF-Story neu zu betrachten. Doch allein die psychologische Analyse stolpert über ausgetretene Pfade. Von der NS-Zeit herrührende Generationskonflikte, Ensslins Neigung zur Autoaggression, Vespers Vaterkomplex, Baaders vermeintlich erotische Macho-Anziehungskraft – das verdichtet sich noch lange nicht zu einer exemplarischen Erklärung dafür, warum der eine zum Terroristen mutiert und der andere in die drogenbedingte Depression abdriftet. Wenn Vesper die gesamte Habe in den Hinterhof seiner Wohnung wirft und dann nackt durch jene Trümmer stolpert, mit einem Schneebesen wedelnd, sagt das möglicherweise einiges über dessen individuelle Tragödie aus, jedoch nichts über die Eigendynamik von Politisierung, geschweige denn über politische Radikalisierung und Fanatismus.

Mehr Lehrstück als Geschichtsdrama

„Wer wenn nicht wir“ will subjektiv-biographische Charakterstudie und objektiv-strukturelles Zeitdrama zugleich sein, versucht von innen heraus, also aus den gesellschaftlichen Bedingungen und sozialen Befindlichkeiten im Nachkriegsdeutschland zu diagnostizieren, wie ein Nährboden für die spätere RAF entstehen konnte. Die vor einer stilecht grauenhaft ausgestatteten Sechziger Jahre-Szenerie geschaffene Atmosphäre ist glänzend getroffen, schwankt zwischen verknöcherter Borniertheit und weltoffener Neuorientierung, bezieht sich auf ein Land, das einerseits noch in Erstarrung verharrt, andererseits endlich an der Kette seiner Vergangenheit rüttelt. Immerhin scheint der Zeitpunkt hierfür ideal. Die Welt befindet sich in Aufruhr, vielleicht schon im Umbruch, und mancher könnte glauben, es wäre die Dämmerung einer internationalen Revolution. Ein Feuer ist ausgebrochen – aber der Film selbst entwickelt keine existenzialistische Dramatik, keine Leidenschaft, wühlt vielmehr in der Asche zwanghaften Deutungswillens, der dennoch nicht in Klarheit mündet.

Ein Minimum an Vorwissen über Deutschland und die Welt in den 1960er Jahren setzt „Wer wenn nicht wir“ voraus. Ohne dies und die Tatsache, daß hier ehemals relevante Zeitgeschichte verhandelt wird, müßte der Film als überlanges, ermüdendes, konventionell inszeniertes Kulissenstück gelten. Wirklich Neues, gar Spannendes hat er nicht zu erzählen. In der Darstellung des Alltäglichen und Erwartbaren entwickelt er zwar eine gewisse Glaubwürdigkeit, aber für das Destruktive, Subversive, ja Irre findet er weder eine Erklärung noch die passende visuelle Antwort. Politischer Extremismus steckt hier im banalen Vorstadium fest und hat sich, bevor er überhaupt ausbricht, schon selbst überholt. Längst wurden Weltfremdheit und historische Fehleinschätzungen der RAF von der Geschichte enttarnt, jetzt attestiert der Film ihren Mitgliedern bzw. ihrem Umfeld auch noch fehlende „screen power“. Eine Niederlage auf ganzer Linie. Venceremos? Von wegen.

(Nathalie Mispagel)


Filmplakat zu „Wer wenn nicht Wir“ © zero one film

Wer wenn nicht wir

mit August Diehl, Lena Lauzemis und Alexander Fehling sowie Thomas Thieme, Imogen Kogge, Michael Wittenborn, Susanne Lothar und Sebastian Blomberg
Regie: Andreas Veiel
Eine Produktion von zero one film in Koproduktion mit SWR, DEGETO, WDR, deutschfilm und Senator Film Produktion.

 

 

 


Stand: Herbst 2011
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