Märchenhaftes Scheitern

Märchen sind Wahrheit, gesehen durch die Augen der Poesie. Ob sie jedoch Gutes oder Schlechtes verheißen, entscheidet letztendlich das Leben, so auch in „Huhn mit Pflaumen“ von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud, ab 8. November auf DVD.

Märchenhaftes Scheitern
Die Jagd nach Perfektion treibt Nasser Ali Khan um. Die perfekte Frau konnte er nicht haben … © Prokino Filmverleih

Es war einmal, es war keinmal

Iran 1958: Durch Teheran und Rasht jagt ein verzweifelter Mann auf der Suche nach einer neuen Geige. Die eigene, die einzig perfekte Violine, wurde von seiner Ehefrau Faringuisse (Maria de Medeiros) während eines Streites zerstört. Jetzt ist Nasser Ali Khan (Mathieu Amalric), der Welt größter Geiger, am Boden zerstört, und als er nirgendwo ein passendes Instrument finden kann, wünscht er nur noch zu sterben. Er legt sich in sein Bett, um auf den Todesengel Azrael zu warten. Doch weil sich diese Warterei offenbar ein paar Tage hinzuziehen scheint, beginnt er derweil, sein Leben Revue passieren zu lassen, vor allem seine unerfüllte Liebe zu der schönen Irane (Golshifteh Farahani).

Märchen sind einfach, aber das Leben ist kompliziert. Auch ein klassisches ‚boy meets girl, boy loses girl‘ erweist sich häufig als komplexes Existenzpuzzle, vor allem wenn es wie hier in zahlreichen, jeweils Erzählstil und -weise variierenden Vor-/Rückblenden dargeboten wird.

Wie Marjane Satrapis Erstling „Persepolis“ (2007), ein unter anderem von ihren Erfahrungen während der Islamischen Revolution im Iran handelndes 2D-Animationsmovie, basiert auch die Live-Action-Verfilmung „Huhn mit Pflaumen“ auf einer jener in strengem Schwarzweiß gehaltenen Graphic Novels der iranisch-französischen Regisseurin. Doch hat sich diese Adaption stilistisch konsequent von der Zeichenvorlage gelöst, um eine eigene bunte Optik zwischen Narrationskino, Theaterkulisse, Malerei und Phantasiespiel zu entwickeln.

Märchenhaftes Scheitern
… und dann zerstört die nicht perfekte auch noch seine geliebte Geige.

Es war jemand, es war niemand

Kein räumlicher Hintergrund und keine Landschaft sind hier echt, wirken stattdessen hübsch aquarelliert; keine Szenerie ist authentisch, vielmehr stimmiges Bühnenbauwerk und geschmackvolle Dekoration. Gleichwohl entsteht nicht der Eindruck von synthetischer Fassade, sondern ein eigenartig traumhaftes Flair, das in seinem duftigen, nie von billiger Täuschung getrübtem Schein wie ein visuelles Pendat von orientalischer Märchenhaftigkeit wirkt. So schön, wenn sich bereits im gezeichneten Vorspann scherenschnittartige Vögel in den Pastellhimmel erheben, wenn später Jasminblüten wie Glanz auf die Protagonisten fallen, wenn Licht und Farbe kommen und vergehen, je nach Seelenlage. Welch ein superber Wille zur Künstlichkeit!

Stilisierungskonzept und Erzählung gehen nahtlos ineinander über, ist doch die lebenserhaltende Kraft von Kunst das eigentliche Filmthema. Gleichzeitig scheint wahre Kunst erst dann möglich, wenn ihr Schöpfer mit dem echten Dasein, explizit mit dem Leiden daran konfrontiert wird. Als Nasser Ali Khan einst Irane nicht zur Frau nehmen durfte, gewann sein Geigenspiel ob der Trauer solche Größe, dass sein Lehrer ihm die bereits erwähnte Violine schenkte. Durch den emotionalen Schmerz war Nasser Ali Khan zum Virtuosen gereift, in der Musik sublimierten sich sein Verlust und die unsterbliche Liebe zu ästhetischer Vollkommenheit. Als die Geige zerbricht, liegt all dies in Scherben.

Es gab etwas, es gab nichts

Das Prosaischste an diesem Film ist sein Titel, Nasser Ali Khan Lieblingsgericht, das ihm freilich auch nicht den fehlenden Lebenswillen zurückgeben kann. Ohne Liebe, ohne Kunst bleibt keine Hoffnung, nur der Tod. Azrael (Edouard Baer) kommt als gehörnter Geselle mit Umhang und blitzenden Augen in einem tiefschwarzen Gesicht vorbei, versteht mehr vom Leben als die Lebenden selbst und beweist ohnehin rechte Munterkeit. Kein Wunder, dass sich Nasser Ali Khan in seinem hochernsten Leid davon merklich irritiert zeigt.

Märchenhaftes Scheitern

Tatsächlich jongliert „Huhn mit Pflaumen“ nicht nur virtuos mit ästhetischen und cineastischen Stilen, sondern ebenfalls mit den Genres, ist mal Liebesfilm und Melodram, mal Komödie mit Zeichentrick-Sequenzen und Parodie mit burlesken Phantastik-Momenten, mal Familiengeschichte und Lebensbeichte, alles harmonisch verschachtelt. Dieser lieblichen, immer wieder in Erzähldetails schwelgenden Inszenierung mit ihren charmant-sarkastischen Untertönen kommt sogar der romantische Pathos-Score von Olivier Bernet zupaß. Er legt sich auf die herrlich ausgeleuchteten, ruhigen Bilder von Kameramann Christophe Beaucarne und läßt die Story ein bisschen größer wirken läßt als sie ist.

Solche Geschichten bekommt man gerne erzählt, am besten in jenem zauberhaften Innenhof von Nasser Ali Khans Heim. Dort, wo ein Brunnen plätschert und die Vögel zwitschern, darf man noch träumen von der Kunst, der Liebe… und sogar auf ihr Gelingen hoffen. Selbst wenn dies ein Märchen bleibt.

Nathalie Mispagel (Kinoexpertin auf academicworld.net)

Huhn mit Pflaumen

Regie: Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi
Darsteller: Mathieu Amalric, Maria de Medeiros, Golshifteh Farahani

Im Verleih von Prokino Filmverleih

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