Märchen? Fiktion? Apokalypse?

Motte ist etwas irritiert, als er plötzlich stirbt, mit Flügeln am Rücken aufwacht und sein Vater nur lakonisch mit den Schultern zuckt. Natürlich ist eine ‚alles erklärende‘ Prophezeiung über ihn nicht weit, nur schießen um ihn herum die Feinde aus dem Boden. Hilfe!

Eine Mail kündigt seinen Tod an, aber natürlich hat Motte ihr nicht geglaubt. Als er dann plötzlich mit komischen Flügeln am Rücken aufwacht, braucht er sofort die Unterstützung seines Kumpels Lars. Der kann ihm nicht wirklich weiterhelfen, findet aber immerhin schon mal die Leiche von Motte. Die Reaktion seines Vaters? ‚Er hätte doch erst in drei Jahren sterben sollen.‘ Um es in Willis Worten (ja, der Kumpel von Biene Maja) zu sagen: Ja genau! Motte ist gehörig verwirrt und schaut erst einmal dabei zu, wie sein Vater seinen toten Körper samt Haus in Flammen aufgehen lässt.

Die Fragen nach dem wieso, weshalb und warum klären sich für Motte recht langsam. Bei seiner eigenen Beerdigung trifft er auf zwei wunderliche alte Damen, die ihn irgendwie sehen können. Doch was sie von ihm wollen, woher sie kommen und wie sie mit den Vorfällen zusammen hängen, bleibt unklar.

Er findet sich plötzlich zwischen zwei Lagern wieder und weiß einfach nicht, wer die Guten und wer die Schlechten sind. Die alten Damen gehören zu einer „Forschungsgesellschaft“, die die Engel auf die Erde zurückbringen möchten. Doch zu welchem Zweck? Gejagt wird er von der Bruderschaft. Die rotten gnadenlos alle aus, die einmal zu Engeln werden könnten.

Gegründet wurde diese Bruderschaft übrigens von niemand anderem als den Gebrüdern Grimm. Aus welchem Anlass? Das wissen Motte und Lars ebenfalls nicht. Die Leser wissen es genauso wenig und das macht die Entwicklung ungeheuer spannend. Nicht nur ändert sich immer wieder das Machtverhältnis zwischen den Charakteren, stehen sie in einer sich stetig wandelnden Beziehung zueinander. Die Vergangenheit einer Person ist damit ein ganz wichtiges Thema dieses Buchs. Vor allem aber auch, was sie ändern kann, wenn sie sich einfach mal für eine andere Seite entscheidet.
Mona, ein Mädchen, das Erinnerungen berühren kann und aus einer davon einen Engel in die Gegenwart geholt hat, versucht ihnen zu helfen. Langsam lichtet sich der Schleier, der alles so mysteriös umgibt. Die Klarheit greif um sich, bis zu dem Punkt, an dem Motte eines realisiert – er wird der Welt das Ende bringen.

Ab einem gewissen Punkt kann der Leser durchaus erahnen, wohin die Gesamterzählung gehen wird. Interessant ist es aber auf jeden Fall zu verfolgen, wie der Autor sämtliche Figuren unzertrennlich miteinander verwebt. Denn es ist nicht nur so, dass jede Figur eine wichtige Rolle spielt in dem Plot. Nein, sie hängen über die Jahrhunderte hinweg zusammen und beeinflussen sich gegenseitig ziemlich stark.

Die erzählerischen Mittel sind besonders hervorzuheben. Ein Beispiel von der Seite 82: „Er ist bereits drei Schritte zurückgewichen, als sein Ego ausholt und ihm eine scheuert und ihn schüttelt und fragt, ob er denn vollkommen ohne Ehre und Würde wäre.“ Ein bisschen abstrakt, aber emotional absolut treffend und um so viele Klassen besser als ein bloßes „Er fühlte sich schuldig.“ Enormes Lesevergügen!

Mit immer wieder überraschend tiefgängigen Gedanken und Feststellungen zu dem Leben an sich, die aus dem Jugendbuch eines für jedermann macht.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Zoren Drvenkar. Der letzte Engel.
8,99 Euro im Taschenbuch. cbj.

Share.