Männerfrei

Auch wenn bis zum Sommer noch etwas Zeit vergeht: Siri Hustvedts „Sommer ohne Männer“ kann man sich auch bei kaltem, ungemütlichen Wetter gut anhören.

Mutter-Tochter-Beziehungen werden stark thematisiert. aboutpixel.de / spazieren © Randy Tarango

Mutter-Tochter-Beziehungen werden stark thematisiert. aboutpixel.de / spazieren © Randy Tarango

Zusammenbruch und Schöpfungswillen

Mia ist Dichterin, Mutter, Ehefrau. Sie ist mit sich und ihrem Leben im Reinen – denkt sie. Dann schlägt Boris, ihr Mann, eine Pause vor. Wie sich herausstellt arbeitet die Pause im selben Büro wie der Neurowissenschaftler. Mia bricht zusammen und braucht einen Sommer lang, um wieder – oder überhaupt erst – zu sich selbst zu finden. „Meine ungewollte Pause vom Leben“ nennt Mia diesen Sommer und doch ist er eigentlich nur eine Männerpause. Sind die Männer, ist Boris, für Mia das Leben?

Diesen Sommer verbringt Mia ganz in der Nähe ihrer Mutter Laura in Minnesota, in einem Haus, dessen Besitzer außer Lande sind. Ganz wie in ihrem eigenen aus den Fugen geratenen Leben versucht Mia auch in diesem Haus, das ihr so fremd ist wie das eigene Leben, das eigene Selbst nach dem Zusammenbruch, oberflächliche Ordnung zu schaffen. Alles muss erst einmal viel übersichtlicher werden. Dazu dient wohl auch das angefangene, aber schnell vernachlässigte Sex-Tagebuch, indem Mia sich an ihren sexuellen Erfahrungen abzuarbeiten versucht. Doch schnell wird das tägliche Leben wichtiger, spannender als die Vergangenheit – wenngleich die Beschäftigung mit dieser, etwa dem Selbstmord von Schwager Stephan, in diesem Sommer von Mias Leben viel Raum einnimmt.

Kinder, Gedichte, Handarbeit – jegliche schöpferische Tätigkeit scheint im Universum von Hustvedts Figuren zum Erhalt der geistigen Gesundheit beizutragen. Sich selbst ausdrücken, als Form der Selbstvergewisserung, nicht nur Ventil für Wissen und Kreativität. Der Lebenswillen, der aus allen Poren strahlt, ist nicht nur bei Mia hier begründet.

Von flügellahmen Schwänen und jungen Hexen

Mias Mutter und ihre Freundinnen, die Schwäne – alle alt, mehr oder weniger kranke, aber selbstbestimmt und glücklich männerlos – teilen den Erfahrungsschatz eines langen Lebens mit der psychisch Angeschlagenen Mitfünfzigerin. Manche geheime Leidenschaft, manch bittere Wahrheit wird da diskutiert und geteilt. Zwischen Galadiner und Literaturzirkel verleben die alten, selbstbestimmten Schwäne im großen und ganzen glückliche Tage – wenn es auch für manche von ihnen die letzten sind.

Im harten Kontrast dazu steht Mias Lyrikkurs mit den „Hexen von Bonden“, einer Gruppe von sieben jungen Mädchen um die 13. Anfangs von Mia noch fast unbemerkt entsteht hier im Kurs eine ungute Eigendynamik. Erinnerungen an die eigene Jugend, das schon damals anders sein als die Masse, kommen wieder hoch. Vor allem mit den Außenseitern kann Mia mitfühlen. Als die Situation hochkocht kann Mia schon wieder so souverän agieren, dass der Kurs die Kurve kriegt.

Die verschiedensten Generationen von Frauen mit den immer selben Problemen und Sehnsüchten sind also das vordergründige Thema des Buches. Dahinter lauert aber so viel mehr. Wenn Mia meint: „Die langjährige Ehe hat etwas inzestuöses.“ Weil die beiden das gleiche dachten, sich ihre Erinnerungen vermischten. Innen und Außen, du und ich identisch wurden. Schimmert trotzdem gleichzeitig mit, wie die liebgewonnenen Rituale einer Ehe plötzlich leer und bedeutungslos werden. Da sind diese gespaltenen Gefühle, die Schwäche für und der Hass auf Boris – zwischen seinem kleinen Bruders Stephan und seiner Frau Mia, die diese nun allein bewältigen muss.

Psychosen und Literaturdiskurs

Die großen Themen im Hintergrund aber, die Hustvedt so geschickt einzuflechten versteht, sind ein groß angelegter Literaturdiskurs zu den Geschlechterrollen und der Wahnsinn, der hinter der Liebe lauert. Zwar sind wir alle „aufgeklärter als die Aufklärung“, doch manchmal muss „das Unausgesprochene Regie führen“. Genau hier kommen Themen wie Psychosen und Bewusstseinsverlust (das nicht Einschlafen wollen von Nachbarskind Flora, Mias Zusammenbruch nach dem Verlassenwerden, ihre Alkoholgelage mit Nachbarin Lola) ins Spiel.

Hilfe findet Mia letztlich zwar in sich selbst, aber nur im Zusammenspiel mit der Außenwelt. Der geheimnisvolle „Niemand“, der philosophische Drohmails mit Insiderinformationen schickt, meint so sehr treffend: „Ich bin irgendeine deiner Stimmen.“ Irgendwann aber verstummt seine kritische Stimme. Überhaupt: Stimmen, Sicht- und Blickwinkel sind generell etwas, mit dem die Autorin gerne spielt. Bisweilen sucht die Erzählerin das direkte, persönliche Gespräch mit der Leserin. Verweise auf Wissen, das Erählinstanz und Leser/Hörer teilen, den Figuren in der Geschichte aber verborgen sind, wiederholen sich. Oft gibt es auch spätere Einräumungen von Dingen, die vorher abgestritten worden waren.

Männer – außer dem Baby der Nachbarin – sind nur störendes Geschrei durch Mauern, Erinnerung und Korrespondenzpartner. Dafür erschafft Hustvedt ein ganzes Arsenal starker Frauenfiguren, die zu faszinieren wissen. Das wirklich spannende an „Sommer ohne Männer“ ist nicht die Geschichte – die ist altbekannt und oft genug erzählt – sondern die Art, wie Siri Hustvedt sie erzählt und wie Eva Mattes sie lebendig werden lässt. Man hört einfach sowohl dieser wohlklingenden Stimme als auch diesen Gedankengängen sehr gerne zu. Und es gelingt, was mir bei Hörbüchern wesentlich seltener als bei gedruckten passiert, den Hörer mit ins Geschehen hineinzuziehen, sodass er Zeit und Raum fast vergisst. Ein starkes Stück Frauenliteratur – mit Betonung auf beiden Komponenten des Wortes.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Siri Hustvedt. Der Sommer ohne Männer. (Hörbuch, 6 CDs, gelesen von Eva Mattes)
24,95 Euro. Argon Hörbuch


Stand Januar 2012
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