Machtspiele & Selbstzweifel

Juliette ist dem perfiden Warner und damit dem Reestablishment knapp entkommen. Im Hauptquartier der Rebellen angekommen, soll sie nun lernen, mit ihrer tödlichen Gabe umzugehen. Doch Juliette ist nicht als Heldin geboren worden. Und die Widerstandsbewegung? Gerät in suboptimalen Zugzwang …

Rezension zu Tahereh Mafi rette mich vor dir

Juliette ist keine klassische Heldin. Nach den Ereignissen in Band 1 ist sie erst einmal dem System entronnen. Plötzlich befindet sie sich unter Menschen, die alle etwas Besonderes haben. Sie dagegen ist nicht stolz auf ihre Gabe. Für sie ist er ein Fluch, den sie am liebsten sofort loswerden möchte. Um aber den Umgang mit der Begabung zu lernen und vor allem, wie sie sie kontrollieren kann, muss sie sich selbst so akzeptieren, wie sie ist. Für Juliette ist das ein enormer persönlicher Kampf. Der Anführer des Widerstands, Castle, ist mit ihrem Fortschritt nicht zufrieden. Die übrigen Rebellen haben kaum Sympathie für Juliette übrig.

Währenddessen bereiten sich System und Rebellen auf eine große Schlacht vor, bei der Juliette wieder einmal entgegen ihrem Willen im Zentrum steht. Es kommt, wie es fast kommen muss: Warner und sein Vater, der Regent, benutzen Juliette als Ablenkung, um gegen die Rebellen einen empfindlichen Schlag zu führen.

Zum Glück hat Juliette noch Adam. Er kann sie berühren und ihr damit eine Nähe geben, wie Juliette sie seit Jahren nicht mehr gespürt hat. Warum ihre Gabe ihn nicht tötet, weiß keiner. Außer Castle, der das Phänomen an Adam erforscht. Bis er zu dem Schluss kommt, dass Adam keineswegs so immun ist, wie vermutet …

„rette mich vor dir“ ist kein gängiger Vertreter der heldenhaften Fantasyromane der aktuellen Zeit. Das liegt zum Beispiel daran, dass Juliette nicht die typische Heldin ist. Sie ist ein zerstörtes Kind, das gerade wie in einem Zeitraffer die Entwicklung zu einer erwachsenen Frau durchläuft. Durchlaufen muss – denn der Druck von außen ist hoch. Diesen Kampf mit sich selbst und ihrer Umwelt gibt die Autorin Raum und Zeit in der Erzählung. Das ist sehr gut gelungen, denn man fühlt mit Juliette und ihre Gedanken über sich selbst sind nicht ausnahmslos von Selbstmitleid geprägt. (Soll heißen: Man nimmt diese Gedanken nicht als nerviges Gestammel über die böse, böse Welt wahr.) 

Die Handlung ist sinnvoll und wirkt nicht aufgesetzt. Jeder Schritt ergibt sich inhaltlich logisch aus vorhergehenden Ereignissen, die Charaktere verhalten sich stimmig. Natürlich läuft die Anziehungskraft, die Warner auf Juliette ausübt auf einen der klassischsten Konflikte der Menschheit hinaus: Jeder trägt gut und böse in sich, niemand ist nur schwarz oder nur weiß. Doch wer beurteilt, was gut und was böse ist? Es geht also nicht nur um eine Erzählung mit glorreichen Helden, sondern auch um einige bedeutungsvolle Fragen, die sich jeder schon einmal gestellt hat.

Eine lockere, aber inhaltsreiche Erzählung, die fast jedes Buchregal aufpeppen kann – und nicht zuletzt eine gelungene Fortsetzung, die meine Erwartungen übertroffen hat!

Bettina Riedel (academicworld.net)

rette mich vor dir. Tahereh Mafi.
Goldmann Verlag. 16,99 Euro.

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