„Machen wir endlich einen Scheiterhaufen aus Descartes‘ Büchern und verbrennen sie.“

Sabina Bergmann schildert in Ihrem Buch „Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte“ ein ungewöhnliche und bewegende Lebensgeschichte.

© Stephan Borchert
Einsamkeit unter Wasser – ganz nach dem Geschmack der Protagonistin Karen

„Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte“ ist ein kunstvolles, gegenwartsliterarisches Werk, das auf außergewöhnliche Weise zum Nachdenken anregt. Erzählt wird die Lebensgeschichte des autistischen Mädchens Karen in tagbuchartiger Rückschau durch die Protagonistin selbst. Bis zu dem Tag, als ihre Tante Isabella nach dem Tod der Schwester deren Thunfischfabrik übernahm, führte Karen eine namenlose Existenz und wurde abwertend als das Ding bezeichnet, „weil es gaga geboren ist“. Doch Isabella setzt sich das Ziel, dieses Ding in ein menschenähnliches Wesen zu verwandeln. Schritt für Schritt lehrt sie das Mädchen sprechen, angefangen mit dem ersten Wort „Ich“. Die Bemühungen der Tante scheinen Frucht zu tragen. Zunehmend ist das Kind in der Lage, sich an das normale Leben anzupassen und kann wenig später sogar eine Schule besuchen.Der Umgang mit anderen Kindern, die sich ebenfalls von Standardmenschen unterscheiden, wie es Karen zu sagen pflegt, genießt sie allerdings nicht. In Gegenwart anderer fühlt sie sich äußerst unwohl. Behütet, geschützt und geborgen fühlt sie sich einzig und allein in dem Taucheranzug, den sie in der Fabrik ihrer Tante findet. Die Unterwasserwelt fasziniert sie deutlich mehr als die Welt der Menschen. Daher bringt sich Karen im Laufe der Zeit immer mehr in die Geschäfte ihrer Tante mit ein, formuliert konkrete Pläne und studiert sogar Zoologie an einer Universität. Als die Fabrik kurz vor dem Ruin steht, hat Karen eine rettende Idee, für die sie später sogar eine Auszeichnung erhält.

Ein ungewöhnliches Leben

Auf den Leser des Buches warten interessante Seiten, die dazu einladen sich mit einem ungewöhnlichen Leben auseinander zusetzen, fern ab aller Normalität. Gewöhnliche Erkenntnisse werden kritisch hinterfragt, so etwa der bekannte philosophische Satz: Ich denke, also bin ich. Descartes‘ These ist für Karen eine Anmaßung, denn sie existierte bereits ohne irgendeine Denkleistung erbringen zu können. Solche Reflektionen werden dem Leser während der Lektüre auf vielfältige Weise begegnen und laden dazu ein, sich selbst Gedanken über die Normalität zu machen.

Sabina Bergmann studierte Psychologie und wurde für ihre schriftstellerische Tätigkeit bereits mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem mexikanischen Nationalpreis für Theater. Mit diesem Text ist ihr ein Werk gelungen, das kreativ, ja fast schon poetisch von einer außergewöhnlichen Lebens- und Existenzweise berichtet. Hochinteressant!

 

302 Seiten

S. Fischer (März 2011)

19,95 Euro

Rezension zu: Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte
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