Lydia Cacho: Eine Journalistin kämpft gegen den globalen Menschenhandel

Was bringt eine Frau dazu, ihr Leben für Andere aufs Spiel zu setzen? Lydia Cacho, Journalistin und universale Menschenrechtlerin, recherchierte fünf Jahre lang in 47 Ländern über den globalen Menschenhandel und die Zwangsprostitution von Frauen und Kindern. Aufgrund ihrer Arbeit wurde sie von mexikanischen Beamten entführt und gefoltert. Ihre schockierenden Ergebnisse fasst sie in ihrem jüngst erschienen Buch “Sklaverei” zusammen.

Foto: privat

„…Gelegentlich starrte ich den Monitor an und fühlte mich zutiefst erschöpft. Dann ging ich in den Garten, spielte mit meinen Hunden und versuchte, meine brennenden Fragen zu vergessen: Wann entwickeln wir uns endlich? Was ist denn nur mit uns Menschen los, dass wir nicht in der Lage sind, diesen Schmerz zu lindern? Niemand, weder die Hunde noch die Bäume im Garten, wussten die Antwort.“ (Sklaverei, S.330)

In Deutschland zerbricht man sich die Köpfe über den Mangel an weiblichen Führungskräften. Frauen seien zu zurückhaltend und hätten oft zu wenig Selbstvertrauen. Während das Thema auf den Diskussionslisten ganz oben steht, sieht sich eine einzelne Frau in einem ganz anderen Teil dieser Erde mit Problemen konfrontiert, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen. Dass sich viele Frauen oft zu wenig zutrauen, meist hinter dem männlichen Ego zurückstecken müssen und sich nicht behaupten können, würde Lydia Cacho wahrscheinlich sofort bestätigen – nur dass sie diese Eigenschaften nicht in erster Linie mit den Hindernissen einer weiblichen Top-Karriere in Zusammenhang bringen würde. Aus ihrer Sicht wäre dies wahrscheinlich ein Teil der Gründe dafür, dass Millionen Frauen auf dieser Welt versklavt und zur Prostitution gezwungen werden.

Im Kampf für die Unterdrückten

Die 48-jährige Journalistin und mehrfach ausgezeichnete universale Menschenrechtlerin recherchiert seit vielen Jahren intensiv über den global verbreiteten Menschenhandel und die mafiaartigen Strukturen der Sex-Industrie. Mehr als einmal setzte sie dabei ihr Leben aufs Spiel – sei es bei Undercover-Einsätzen oder bei offenen Gesprächen mit Zuhältern und Betroffenen.

Als 2005 ihr Buch „Los Demonios del Éden“ (Die Dämonen im Garten Eden) erschien, in dem Lydia Cacho die Verwicklung des bekannten Unternehmers Jean Succar Kuri in die Geschäfte mit Kinderpornographie und -prostitution entlarvte, wurde sie von mexikanischen Polizeibeamten entführt und gefoltert. Nur dem Einsatz von Kollegen, Freunden und Menschenrechtsorganisationen hat die mutige Journalistin ihr Leben zu verdanken.

Gegen alle Drohungen

Welch unvorstellbare Traumata mögen solche Erlebnisse in einem Menschen bewirken? Doch anstatt sich eingeschüchtert zurückzuziehen, bietet die Mexikanerin den Tätern weiterhin die Stirn, setzt ihre Recherchen fort, führt und dokumentiert Gespräche mit Opfern und sammelt Hinweise auf die Machenschaften korrupter Politiker und erfolgreicher Unternehmer im weltweiten Sklavenhandel, mit dem man mehr Geld verdienen kann, als im Drogengeschäft. In einem Interview, das kürzlich im Tagesspiegel erschien, erzählt Lydia Cacho über die beängstigende Situation ihrer Gefangennahme. Als sie in dem Auto gesessen habe, habe sie sich geschworen, dass wenn sie dies überlebe, sie sich den Mund nicht verbieten lasse. Sie sei keine Heldin oder Märtyrerin, aber sie habe gelernt, ihre Freiheit und ihr Glück zu verteidigen.

Sklaverei: Eine neue Form des Menschenhandels

Und sie ließ sich den Mund nicht verbieten, ganz im Gegenteil. In ihrem Buch „Sklaverei“ (2011 erschienen in deutscher Übersetzung im S.Fischer Verlag) nimmt sie den Leser mit auf ihre Reise in eine Parallelwelt unserer Gesellschaft, deren Existenz Viele zwar am Rande wahrnehmen – fast jeder Erwachsene kennt eine bestimmte Definition von Pornographie und Prostitution – sich die Meisten aber nicht bewusst sind, welche globalen Ausmaße das Geschäft mit dem Menschen als Ware bereits angenommen hat.

In einer Mischung aus Reportage, Interview, Essay und detaillierter Dokumentation fasst Lydia Cacho ihre erschütternden Erlebnisse und unfassbaren Ergebnisse aus den fünf Jahre andauernden Recherchen in 47 Ländern, darunter unter anderem der Türkei, Japan, Kambodscha, Israel und Palästina, Birma und Argentinien, zusammen. Während die meisten Menschen unserer modernen Gesellschaft mit dem Begriff Sklaverei wahrscheinlich in erster Linie die Unterdrückung der afrikanischen Völker durch die Kolonialmächte vom 16. bis zum 19. Jahrhundert assoziieren und davon ausgehen, dass diese Zeiten längst vorbei sind, spricht die mexikanische Journalistin im Interview von der Sex-Sklaverei als neuem, globalen Phänomen.

Diese Form des Menschenhandels brauche keine Ketten mehr, ihre Waffe sei die kapitalistische Verwertungslogik, in der der Mensch als Ressource betrachtet werde, die ausgebeutet werden könne. Vor allem Frauen und Kinder in den Entwicklungsländern würden darunter leiden, da sie unter keinerlei Schutz stünden.

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