Lucky go happy

Die New Yorker haben mich in einer Sache überzeugt: Hier kann jeder, wenn er will, jederzeit einen kompletten Neustart hinlegen und alle schätzen ihn dafür, nehmen ihn ernst.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Keine Hausfrau, die mit Mitte vierzig anfängt zu studieren, erntet hier ein müdes Lächeln über ihre späte Selbstverwirklichung. Und jeder Chef, der jemanden mit einem völlig ungeraden Lebenslauf vor sich sitzen hat, versucht objektiv Motivation und Leistungsfähigkeit einzuschätzen, ohne Vorurteile. Es gibt hier jede Menge Leute, die in der Mitte ihres Lebens plötzlich beschlossen haben, etwas völlig anderes zu tun und die ganze Gesellschaft motiviert sie dazu. Hauptsache sie tun es und glauben an sich. 

Es fällt im Vergleich sehr auf, in welchen festgelegten Kategorien wir denken, was den beruflichen Erfolg und Lebensweg angeht, wenn man die Lebensläufe der New Yorker verfolgt: Es gibt Mütter mit vier Kinder, die mit fünfzig angefangen haben zu studieren und mit sechzig ihre Doktorarbeit in Psychologie schreiben und jederzeit einen Job in einer Klinik bekommen. Es Männer die in Unternehmen gearbeitet haben, dann fünfzehn Jahre Biologielehrer waren und dann eine eigene Metzgereikette gründeten. Niemand wundert sich. Und wenn jemand unzufrieden ist, ist der erste Satz des Zuhörers: Und was willst Du lieber tun? Und nicht: Das hättest Du Dir früher überlegen sollen.

Sicher: Für alle, die in der Unterschicht leben und in bis zu 50 verschiedenen 5 Dollar die Stunde Jobs in ihrem Leben schlechte Erfahrung sammeln, vom Müllmann bis zur Supermarktkassenfrau, von der Nanny bis zum Pizzaservice, ist das eine wenig tröstliche Situation. Trotzdem versuchen auch viele von diesen Menschen sich mit einer Minifirma selbständig zu machen. Wenn es schiefgeht fängt sie kein Sozialsystem auf, sie können es nur wieder und wieder versuchen, bis ihnen die Kraft ausgeht. Von diesen ausgebrannten Unterschichtleuten sieht man hier eine Menge. Sie leben zwischen den anderen Schichten, weil sie dort die niederen Arbeiten machen müssen. Bei uns sitzen sie eher in ihren Vierteln auf der Bank oder vor dem Fernseher und niemand sieht sie. 

Auch für die Oberschichten ist das Leben hier ein harter Kampf, ohne öffentliche Absicherung. Deshalb wird die Familie, wie in allen Gesellschaften ohne Sozialnetz, sehr hochgehalten. Wenn man je auf Ellis Island, der kleinen Insel vor Manhattan, das Einwanderermuseum besucht hat, versteht man auch warum. Oft kamen die Familien mit einem Korb voll Habseligkeiten aus tiefster Armut oder politischer Verfolgung in die USA, ohne die Sprache zu können. Sie hatten nur ihre Angehörigen und eine unglaubliche Motivation ein neues, besseres Leben aufzubauen.   

Sicher sind die Möglichkeiten heute in den USA viel begrenzter, als vor 100 oder noch vor 50 Jahren. Es ist wirklich nur noch sehr schwer möglich, vom Tellerwäscher zum Millionär zu gelangen: Der Kuchen ist verteilt. Aber wenn man beschließt, an einem anderen Stück weiter zu essen, stellt sich Dir niemand in den Weg.

Es bleibt zuletzt die Frage, wie frei unser Wille ist, wie sehr wählen wir, was wir wollen und wie viel Kraft hat uns das Schicksal dafür mitgegeben. Und leider ist die Antwort auf diese Frage weit mehr vom Glück bestimmt, als den Amerikanern liebt ist. Vielleicht unterscheiden sie deshalb zwischen „luck“ und „happiness“. In der Verfassung ist nur vom Streben nach „happiness“ die Rede. Das „luck“ bleibt leider unerwähnt.

Von Katharina Ohana

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