Lucien Favre entzaubert

Bonjour, Tristesse! Nicht ganz einfache Tage für die Fohlenelf. Eduard Eschle beleuchtet die Rolle des einstigen Heilsbringers Favre.

Gladbach:Katerstimmung nach einem Jahr im Rausch

Für viele Gladbach-Fans war es die wichtigste positive Personalie des Jahres, als Trainer Lucien Favre im Sommer seinen Vertrag vorzeitig bis 2015 verlängerte. Zwar wurde spekuliert, der Vertrag sei nur möglich gewesen unter dem Zugeständnis einer Freigabeklausel, die den Coach insbesondere für den FC Bayern interessant machen könnte, der voraussichtlich ab nächsten Sommer einen Nachfolger für Jupp Heynckes benötigt. Aber einem solchen Erfolgsgaranten hätte man auch einen sehnsüchtigen Augenaufschlag Richtung Isar verziehen: Nachdem Favre mit der Borussia einen fast sicheren Absteiger in 2011 noch rettete und ein Jahr später eine kaum veränderte Mannschaft auf Platz vier geführt hatte, überschlugen sich die Liebesbekundungen für den Schweizer Übungsleiter förmlich. Was Favre anfasste, wurde schließlich zu Gold – kein Wunder, dass Fans und Medien Favre als Wiedergeburt des heiligen Hennes feierten. Dieser nahm offenkundig durchaus geschmeichelt die Elogen auf sein Werk auf, gleichzeitig waren seine Bekenntnisse zur Borussia im zweiten Halbjahr der Saison 2011/12 im besten Fall kryptisch zu nennen, so sehr wand sich der Erfolgscoach in den Aussagen über seine persönliche Zukunft bei der Borussia. Kaum jemand wagte in dieser Zeit allerdings bösartig zu schlussfolgern: Da sondiert einer gerade, was sich für ihn für bessere Möglichkeiten ergeben. Insbesondere die Wertschätzung, die Favre bei seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Karl-Heinz Rummenigge genießt, ließen jedenfalls Spekulationen gedeihen, er sei zusammen mit Mirko Slomka der Top-Favorit auf die Heynckes-Nachfolge.

Heute, kaum drei Monate später, leidet kaum noch ein Fan der Borussia unter Schlafstörungen, weil man Favre bald bei den Bayern wähnen müsste. Denn so sorgfältig, wie der im Kanton Waadt geborene Schweizer seine Trainerkarriere nach einer äußerst unglücklichen Demission bei Hertha BSC wieder in Schwung gebracht hat, so radikal hat er sich in den letzten Wochen den Schritt zu einem Spitzenklub verbaut. Ob Lucien Favre das selbst so sieht, oder sich eher als Opfer äußerer Umstände versteht, ist ungewiss. Eins aber dürfte klar sein: Egal, auf welchem Platz die Borussia diese Spielzeit beschliessen wird, der Trainer der Bayern wird im nächsten Jahr nicht Favre heißen! Dafür hat der Coach sich zu ungeschickt und möglicherweise sogar überfordert gezeigt, um Anspruch auf die für viele Fußballlehrer höchsten Trainerweihen erheben zu können.

Um die desolate fußballerische Entwicklung zu analysieren, die die Borussia in den letzten Wochen genommen hat, darf auch der Coach sich kritisch hinterfragen. Dies muss nicht öffentlich geschehen, aber intern sollten die folgenden Fragen klar beantwortet und die richtigen Schlüsse gezogen werden.

1. Welchen Anteil hat Favre an den Entscheidungen über die horrend teuren Transfers im Sommer? Favre beliebte in letzter Zeit den Eindruck zu erwecken, er habe nicht den Spielerkader zur Verfügung, den er gerne hätte und habe sich in den Neuverpflichtungen natürlich auf Sportdirektor Eberl verlassen. Auf der einen Seite schiebt er mit diesem ungeschickten Schritt die Verantwortung Max Eberl zu, auf der anderen suggeriert er den neuen Spielern, dass sie eigentlich nicht seinen Vorstellungen entsprechen würden. So baut man kein Selbstvertrauen auf.

Möglicherweise stimmt es ja sogar, dass Max Eberl die Transfers maßgeblich initiiert hat und Favre diese Spieler vorgesetzt bekam. Dafür mag es gute Gründe geben, ist Favres Transferbilanz zumindest in Berlin doch eher schwach gewesen. Gleichzeitig bleibt aber die Frage: Muss ein wirklicher Klassetrainer, der sich für die Arbeit bei einem Spitzenklub befähigt sieht, nicht mehr drauf haben, als solch wichtige Transfers am Ende einfach nur abzunicken? Kein Wenger, kein Mourinho und auch kein Klopp oder Heynckes kämen auf die Idee, sich aus der Kaderplanung rauszuhalten, sondern nehmen bei diesem essentiellen Punkt selbstverständlich maßgeblichen Einfluss. Keine eigene Verantwortung zu übernehmen und im Misserfolgsfall dann auf andere zu zeigen, qualifiziert einen sicherlich nicht dazu, einen der Trainerplätze bei einem Topklubs angedient zu bekommen.

2. Was für ein System stellt sich Favre vor? Das gepflegte Kurzpaßspiel durch die Mitte scheint immer noch das Mittel der Wahl zu sein, obwohl die Mannschaft derzeit fußballerisch nicht in der Lage ist, dieses ansatzweise aufzuziehen. Fallen Weihnachten und Ostern auf einen Tag, dann reicht zweimal die überragende Schusstechnik von Arango und De Jong, um den ansonsten spielerisch überlegenen Aufsteiger aus Frankfurt mit 2:0 zu besiegen. In den anderen Spielen gegen Leverkusen, Hamburg, Dortmund und Bremen war man derart hoffnungslos unterlegen, dass von einem „Klassenunterschied“ zu sprechen einem Euphemismus gleichkommt. Besonders wirr wird es dann, wenn Favre und Eberl unisono erklären, der Hauptfehler der Mannschaft liege angeblich darin, „zu offensiv zu denken“ und dass man ja nach dem ersten Gegentreffer versuche, unmittelbar den Ausgleich erzwingen. Diese merkwürdige Analyse suggeriert, die Gladbacher Mannschaft würde nach einem Gegentreffer ein Feuerwerk der Offensive entfachen und Torchancen im Minutentakt kreieren, das Gegenteil ist wahr: Kann man bei einem 0:0 noch einigermaßen mithalten, reicht ein Gegentreffer und eine sich dann zurückziehende gegnerische Mannschaft aus, die Gladbacher Offensivbemühungen vollends zum Erliegen kommen zu lassen. Einfach deshalb, weil man fußballerisch überhaupt nicht in der Lage zu sein scheint, den Gegner unter Druck zu setzen. Favre wird doch kaum erwarten können, dass seine Abwehrspieler sich für den Rest des Spiels den Ball in der eigenen Hälfte zuschieben, um es beim knappen Rückstand bewenden lassen?

3. Hat Favre mit seinen Mahnungen eine self fullfilling propehcy ausgelöst? Lucien Favre hat kaum eine Gelegenheit auszulassen, den Verlust der Spieler Reus, Dante und Neustädter geradezu zu beweinen und deshalb mehrfach vor einer „seriösen Gefahr“ für seine Mannschaft gewarnt. Ist er sich nicht bewusst, was er damit seinem Kader mitteilt? Wie müssen sich vor allem diejenigen fühlen, die dank Favre in den letzten eineinhalb Jahren eine kometenhafte Entwicklung genommen haben: Für sie muss Favre die Verkörperung des Fußballsachverstandes sein, sie „glauben“ an diesen Trainer. Man kann deshalb gerade von jungen Spielern kaum erwarten, dass sie solche Aussagen nicht ernst nehmen. Ein guter Trainer aber muss seine Spieler auch im Kopf robuster machen. Genau diese Fähigkeit scheint den Gladbachern mit am meisten abhanden gekommen zu sein. Etwa, weil Favre so lange dem Kader die Klasse abgesprochen hat, bis dieser selbst das Zutrauen verloren hat?

Eine Kritik an Trainer Lucien Favre sollte nicht missverstanden werden als Ruf nach einem Trainerwechsel. Im Gegenteil, aus Sicht des Autors stellt Lucien Favre noch immer einen Glücksfall für Borussia Mönchengladbach dar. Allerdings zeigt die jüngere Vergangenheit, dass auch bei Favre die Lernkurve noch längst nicht abgeschlossen ist. Die Entzauberung des Lucien Favre kann also aus Gladbacher Sicht auch etwas Gutes haben: Favre, der vom Zettel der Bayern geräuschlos verschwunden sein dürfte, tut es möglicherweise selbst ganz gut, sich weniger auf seine „Zauberkräfte“ zu verlassen, als vielmehr mit positiven Kampfgeist sein Umfeld mitzureissen. Etwas Selbstkritik könnte zudem helfen, die irgendwie zwischen den Zeilen diffundierende Distanz zur leidlich geprügelten Mannschaft zu eliminieren.

 

Von Eduard Eschle

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