Lost in the City

Am Donnerstag den 1. März startet der preisgekrönte Film „Shame“ in den deutschen Kinos (in Berlin schon eine Woche früher). Der sich komplett entblößende (nicht nur körperlich) Michael Fassbender ist dabei aber nicht der einzige bleibende Eindruck.

Filmrezension "Shame"

Anziehung und Abstoßung

Die rosarote Bonbon-Barbie-Welt von „Sex and the City“ wird einmal um 180 Grad gedreht und heraus kommt die Kehrseite der Medaille. Auch in „Shame“ gibt es New York, Sex, gutaussehende Menschen, aber all das offenbart sich als seelenverschluckender Moloch, als Abgrund, vor dem die beiden Hauptdarsteller immer mehr ins Schwanken kommen. Je mehr ihnen die Leere im eigenen Leben bewusst wird, desto verzweifelter suchen Sie nach Halt in ihren „bewährten“ Verhaltensmustern – vergebens. 

Brandon (Michael Fassbender) scheint alles zu haben: einen guten Job, eine Wohnung mit Ausblick auf die Skyline von Manhattan, er sieht gut aus. Schaut man aber etwas genauer hin, dann sagt schon die kalte, nüchterne Wohnung so einiges über das Seelenleben ihres Bewohners aus. Die Wände sind weiß, kein Bild, kein persönlicher Gegenstand. Alles ist ordentlich, aber leblos. Beziehungen, auch zu Gegenständen, scheinen Brandon zuwider, er will sein Herz an nichts und niemanden hängen. Das einzige, was ihm im Leben etwas zu „bedeuten“ scheint ist schnelle Triebbefriedigung. Von morgens bis abends dreht sich sein Leben in erster Linie um schnellen, bedeutungslosen Sex. 

Freiheit, die ich meine

Der moderne Großstädter, der alles hat, jegliche Freiheit und doch im Grunde seines Herzens nur verloren ist. Wie Brandon so wurde? Hier lässt Regisseur McQueen bewusst eine Leerstelle. Es scheint aber mit seiner Kindheit zusammen zu hängen, denn auch Schwester Sissy (Carey Mulligan) ist alles andere als ein funktionstüchtiges Mitglied der Gesellschaft. Sie kann nicht allein sein, neigt dazu sich selbst zu verletzen. So dringlich wie sie den Kontakt zum großen Bruder sucht, ist der darauf bedacht sie wegzustoßen. So muss sie sich in seiner Abwesenheit Zugang zur Wohnung verschaffen. Als er zurück kommt glaubt er zunächst an einen Einbruch – natürlich ist gleich der in allen amerikanischen Haushalten anscheinend stets griffbereite Baseball-Schläger zur Hand. 

Ein Einbruch ist das Ganze letztlich auch – ein Einbruch in Brandons Leben, das so sorgsam durchgetaktet ist. Wenn die Wohnung nicht frei ist, wohin mit der nächsten Eroberung oder Prostituierten? Immer stärker wird ihm selbst die Leere in seinem Leben bewusst. Erst fängt er an sich wie ein Stück Scheiße zu fühlen, dann lässt er sich so behandeln. Nach einem Höllenritt von einer Nacht erwartet ihn das wahre Grauen am Morgen, denn alles ist ihm doch noch nicht so gleichgültig wie er dachte. 

Ein Kerl zwischen Psychopath und Verführer

Brandon, ganz Kind unserer übersexualisierten Zeit, sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. All die Freiheit, die sich dem modernen Menschen bietet bildet einen (goldenen?) Käfig um ihn, hält ihn gefangen in seinen eigenen Zwängen und Obsessionen. Der Zuschauer beobachtet ihn dabei ziemlich häufig durch Glasscheiben, Spiegel und ähnliches. Man sieht im Grunde alles (und zwar wirklich ALLES), bleibt aber außen vor, wahrt Distanz. Manchmal nimmt das gewisse Schock-Momente heraus, manchmal verstärkt es diese aber auch. Eine gekonnte Gratwanderung. Bei den oft kalten, aber immer stilvollen Inszenierungen merkt man Regisseur Steve McQueen den bildenden Künstler deutlich an. Jede Einstellung eine bewusste Installation.

Obwohl er immer wieder diese Arschlochanwandlungen hat leidet man am Ende mit der Figur des Brandon – die Emotionen die Michael Fassbender in jeden seiner Gesichtsausdrücke legt (und im Gegensatz zu vielen Schauspielern hat er so einige verschiedene Gesichtsausdrücke zur Auswahl) erzählen ganze Romane.  Schade dass der Film thematisch und auch auf Grund der Umsetzung für die Oscars zu heftig war – denn mit dieser schauspielerischen Großtat wäre mindestens eine Nominierung für den Deutsch-Iren eigentlich ein Muss gewesen. Ein Film wie ein Schlag in die Magengegend: Er wirkt lange nach, man verlässt das Kino etwas benommen, ein undefinierter Schmerz und viele Gedanken. Das kann gutes Kino auch.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Shame

Regie: Steve McQueen
Darsteller: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Nicole Beharie

Im Verleih von Prokino

Ab 1. März 2012 im Kino

Hier findet Ihr das Facebook-Profil zum Film.

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