Los Angeles sehen… und durchdrehen!

Mit „Brügge sehen… und sterben?“ hat der irische Regisseur Martin McDonagh ein existenzialistisch versponnenes, tragikomisches Krimijuwel geschaffen. Ein Film wie ein Espresso: klein, stark, schwarz. Vier Jahre später läßt er seinem glorreichen Langfilmdebüt die Killer-Komödie „7 Psychos“, ab 6.12. im Kino, folgen. Aber an alte Erfolge wie Erfolgskonzepte läßt sich nicht so einfach anknüpfen.

Psychos: Colin Farrell, Sam Rockwell und Christopher Walken. Copyright : © Blueprint Pictures

Drehbuchautoren und Hundeentführer

Es ist ein offenes Geheimnis: L.A. steckt voller Psychopathen. Nur gerade jetzt, wo er sie dringend als Inspiration gebrauchen könnte, läuft Autor Marty (Colin Farrell) keiner über den Weg. Entsprechend will sein Drehbuch einfach nicht über den Titel ’Seven Psychopaths’ hinauskommen. Während er im Alkohol den schriftstellerischen Geistesblitz sucht, versucht sich Freund Billy (Sam Rockwell), ein arbeitsloser Schauspieler und schrulliger Hundekidnapper, als Muse mit Hang zum Ideenchaos. Eine Suchannonce nach herrenlosen Psychopathen fördert zwar nur den irren Zachariah (Tom Waits) ans Licht. Dafür bieten Billys dubiose Coups zusammen mit dem altersmelancholischen Hans (Christopher Walken) den idealen Anschauungsunterricht für Marty.

Mit ihrem neuesten Husarenstück, der Entführung des Shih Tzus Bonny, haben sich die beiden Amateur-Gauner nämlich gründlich verhoben. Das Schoßhündlein gehört dem wahnsinnigen Gangsterboss Charlie (Woody Harrelson), der jeden niederknallt, der sich zwischen ihn und Bonny stellt. Auch Marty gerät in dessen Schußlinie. Aber anstatt sich darüber zu freuen, endlich lebenspralle Erfahrungen mit richtigen Psychopathen zu sammeln, konzentriert er sich ganz aufs Überleben. Schließlich muß einer unversehrt aus der Story herauskommen, um sie später zu notieren.


Klischees und Standardszenen

Es ist eine dieser Geschichten, wie sie das Kino schreibt. Und zwar nur das Kino. Diesem Aspekt ordnet Martin McDonagh die komplette Dramaturgie unter. Allein das von ihm verfasste Drehbuch flottiert hemmungslos zwischen Filmzitaten, vertrautem Kinopersonal, Standardszenen und Genreklischees, wobei natürlich viel Wert auf ironische Distanz und Variation gelegt wird. Sonst würde man sich ja dem Verdacht der Unoriginalität ausliefern! Als wäre seit dem Einzug der Postmoderne ins populäre Kino nicht schon längst jede nur denkbare Relativierung, Dekonstruktion oder Rekombination des filmischen Erzählens durchdekliniert worden, wird in „7 Psychos“ ein munteres Spiel mit Stereotypen betrieben. Darin liegt auch eine gewisse Selbstverliebtheit der Filmemacher: Eklektizismus kann schließlich schnell mal als Kreativität durchgehen.

Der fanatische Unterweltler, dessen sexy, aber dämliche Freundin (Olga Kurylenko), der naive Schreiberling, dessen sexy, aber smarte Freundin (Abbie Cornish), der anarchische Kumpel, der ergraute Lebenskünstler, der merkwürdige Fremde – schon sind sieben schräge Vögel versammelt, von denen der eine oder andere durchaus das Zeug zum veritablen Psychopathen hat. Und sie erhalten ihre Chance, über alle Grenzen hinauszuschießen.

Fiktionen und Wirklichkeiten

Obwohl dieses pluralistische Personal bereits den Bedarf an Kuriositäten deckt, kommen auf einer zweiten Narrationsebene noch einige Verrückte hinzu. Ständig wird von weiteren Gestörten berichtet, ihre Taten gar kurz bebildert, weswegen man bald nicht mehr zwischen realen und imaginären Psychos unterscheiden kann. Die Verwirrung ist gewollt, denn wir befinden uns in einem Film über die Kunst des Drehbuchschreibens, und das sollte bitte jedermann merken. Eifrig diskutieren Marty und Billy verschiedene Handlungsentwürfe, machen aus der Wirklichkeit ein Filmskript und umgekehrt. Wie schön wäre es, so meinen sie, wenn nach turbulenten Ballereien ein Krimi in der zweiten Hälfte nur mehr in der Wüste spielen würde. Am besten als Konversationsstück unter Freunden. Prompt hocken sie binnen kurzem samt Hans im Joshua-Tree-Nationalpark.

Solch demonstrative Wechselwirkung zwischen filmimmanenter Handlung und selbstreferenzieller Bespiegelung verheißt noch lange nicht Originalität. Was sich zunächst als schräge, tiefschwarze Thrillergroteske anläßt, zerfasert sich zu einer durchgeknallten (Zwangs-)Neurose. Die karikatureske Splatter-Obsession dämpft den Humor, das Faible für erzählerische Twists wird zur fixen Idee, die Skurrilitäts-Manie ermüdet auf Dauer genauso wie die derbe Sprache. Sehr unangenehm fällt die dramaturgische Ausbeutung historisch bemerkenswerter Figuren auf wie Gandhi oder jener vietnamesische Mönch, der sich 1963 aus Protest gegen die Unterdrückung der buddhistischen Bevölkerung selbst verbrannte. Nicht alles Geschichtliche darf als Steinbruch für ein zynisches Hollywood und Co. benutzt werden.

Tiere und Menschen

Wenn in vorliegender Rezension ein etwas harsches Urteil über „7 Psychos“ gefällt wird, mag das auch an Martin McDonaghs Debüt „Brügge sehen… und sterben?“ liegen, dessen cineastischer Glanz den Nachfolgefilm überstrahlt. Was in ’Brügge’ charmant beiläufig, lässig ingeniös und genial bizarr war, hat sich in den ’Psychos’ hin zu angestrengter, maniriert blutiger Aufdringlichkeit verschoben. Zugegeben, vergißt man Belgien und konzentriert sich auf Kalifornien erwarten einen herrlich närrische Momente, etwa wenn Marty Brainstorming betreibt und über Quäker-Psychos grübelt. Auch die Musikauswahl von Country- und Popsongs macht Laune, ebenfalls die brillanten Schauspielerleistungen. Sam Rockwell kann komplette Drehbuchszenarien in einer Person durchspielen, Christopher Walken sich auch ohne Pistole einen ultracoolen Abgang verschaffen, und Colin Farrell hat, wenn sein Urteil über ein Skript gefragt ist, zahlreiche Varianten von ’moving, really moving’ drauf.

Allein der Film selbst vermag nur stellenweise zu bewegen. Vielleicht, weil noch so bitterbös-absurde Szenarien und teils noch so geschliffen-komische Dialoge nicht zwangsläufig ein hochwertiges Gesamtbild abgeben. ’Running wild’ ist keine Garantie für Klasse. Etwas Ernst im albernen Spiel des Lebens, und sei es auch nur die Drehbuchversion eines Lebens, gehört dazu. Bonny scheint das übrigens zu wissen. Mit der Gelassenheit eines Zen-Meisters blickt sie aus seelenvoll großen Hundeaugen auf die Welt der konfusen Menschen… und bleibt stets tiefenentspannt. Träumt sie etwa von Brügge?

(von Nathalie Mispagel)


7 Psychos
Regie: Martin McDonagh

Darsteller: Colin Farrell, Sam Rockwell,
Christopher Walken, Woody Harrelson

Verleih: dcm

Kinostart: 06. Dezember 2012

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