Liebeserklärung an das Leben

Feinkostverkäuferin Tiffany ist Single, hochneurotisch und blind gegenüber dem Leben und der Liebe. Begleitet vom Geist ihrer toten Mutter macht sie sich auf die Suche nach dem Glück. Als plötzlich drei ganz unterschiedliche Männer in ihr Leben treten, scheint das ihre Chance zu sein. „Anleitung zum Unglücklichsein“ – Sherry Hormann’s Liebeserklärung an das Leben – kommt am 29. November in die Kinos.

Tiffany hat es nicht leicht mit ihren Angestellten;© Alle Bilder Studiocanal Filmverleih GmbH 2012

Wo das Drama anfängt…

Tiffany Blechschmid (Johanna Wokalek) misstraut dem Glück zutiefst, hat sie doch ihrer Meinung nach bei den Entscheidungen in ihrem Leben alles falsch gemacht – angefangen bei ihrem Vater, zu dem sie keinen Kontakt mehr hat. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium betreibt sie nun ein kleines Feinkostgeschäft mit Restaurant. Talente hat sie ebenfalls keine, denn das Klavierspielen hat sie nach einem traumatischen Auftritt bereits als Kind aufgegeben.

Dass sie – mutmaßlich aufgrund ihres mittelmäßigen Aussehens – Single ist, kommt erschwerend hinzu. In ihrer Wohnung, mit einem Papagei als einzigem Gesprächspartner, verzweifelt Tiffany nicht nur ob ihrer absoluten Durchschnittlichkeit, sondern vor allem angesichts ihres Aberglaubens, der sie überall böse Omen sehen lässt. Denn quasi omnipräsent und Verkörperung ihrer Neurose ist der Geist von Tiffany’s toter Mutter (Iris Berben), die sie mit gutgemeinten Ratschlägen quält.

Wenn um genau 3.30 Uhr der Wecker klingelt, grüßt bei Tiffany täglich das Murmeltier: Erst die Fahrt zum Großmarkt, dann warten im Feinkostladen ihre Angestellten auf sie. Und die sind eine Klasse für sich. Zum Beispiel Rita (Katharina Marie Schubert) und Köchin Luise (Margarita Broich), die ihr nur zu gerne zu einem aktiveren Liebesleben verhelfen würden. Küchenhilfe Benno (David Kross) scheint die Langsamkeit für sich erfunden zu haben und verbringt Stunden damit, Blumen aus Karotten zu schnitzen. Von seiner Spezialität – in liebevoller Kleinarbeit hergestellten Glückskeksen – fühlt sich Tiffany in ihrem Seelenfrieden zutiefst bedroht und verbannt diese kurzerhand aus dem Sortiment.

Eins, zwei oder drei? Letzte Chance…

Doch dann zieht in der Wohnung gegenüber ihres Ladens ein neuer Mieter ein und zum ersten Mal, scheint es das Schicksal gut mit Tiffany zu meinen. Denn der Pianist von nebenan entpuppt sich als Tiffany’s alter Klavierlehrer Hans Luboschinski (Richy Müller). Nicht nur sie, auch die anderen Mitarbeiterinnen des kleinen Feinkostladens fühlen sich unwiderstehlich zu dem charismatischen Einsiedler hingezogen. Und kaum ist Tiffany dabei, sich in den einen Mann zu verlieben, läuft  sie Polizist Frank Henne (Benjamin Sadler) direkt in die Arme. Oder ist der geheimnisvolle Hundefotograf Thomas Paulson (Italy Tiran), der eines Tages bei Blechschmid’s Feinkost auftaucht, derjenige, der Tiffany’s Single-Dasein beenden könnte?

Das Glück scheint auf jeden Fall plötzlich zum Greifen nahe und Tiffany beschließt, endlich zuzupacken. Beim Date mit Frank zeigt sich, dass dieser die Sache mit der Liebe eher pragmatisch sieht: „Ich habe gedacht, wir bringen das gleich hinter uns, sonst steht es die ganze Zeit im Raum. Dann können wir nacher entspannter essen“.

Als die beiden sich gerade annähren wollen, erscheint wieder einmal im unpassendsten Moment Tiffany’s Mutter. Tiffany verfällt in alte Selbstzweifel und Frank zieht enttäuscht von dannen.  Eine weitere Chance auf das Glück verbaut sich Tiffany – wie so oft – selbst, als sie auch Thomas, der ernsthaftes Interesse an der jungen Frau hat, abweist.

…vorbei?

Wie eigentlich immer in Tiffany’s Leben folgt nun eine Katastrophe auf die nächste. Sie erfährt, dass sich Frank noch am selben Abend ihres Treffens aus Versehen beim Putzen seiner Pistole selbst erschossen hat. Auf seiner Beerdigung lernst sie Frank’s Frau, seine beiden Kinder und ettliche weiter Geliebte des Polizisten kennen.

Doch das Schlimmste steht Tiffany noch bevor: Hans Luboschinski, für den Tiffany seit ihrer Kindheit heimlich schwärmt, gesteht ihr, dass er jahrelang eine Affäre mit Tiffany’s toter Mutter hatte. Tiffany ist am Boden zerstört, hatte sie doch geglaubt, dass ein Seitensprung ihres Vaters der Grund für die Scheidung der Eltern gewesen sei.

Glück ist…

Dieser Schock lässt Tiffany jedoch nun endlich mit ihrer Neurose abschließen. Befreit vom Geist ihrer toten Mutter, ist sie nun bereit, mutig auf das Leben zuzugehen. Ein erster Schritt ist die Konfrontation mit ihrem Vater. Dieser ist sofort bereit, Tiffany zu verzeihen und schließt die verlorene Tochter in die Arme.

Glück ist, was man daraus macht und – nun ja – wenn ihm ein wenig nachgeholfen wird. Bei Tiffany kommt dann am Ende deshalb doch noch die mittlerweile vierte Chance auf die große Liebe mit dem Auftrag für eine Geburtstagstorte. Auftraggeber ist nämlich niemand anderes als Fotograf Thomas, den Tiffany – obwohl sie ihn aus ihrem Leben verbannte – nie ganz vergessen konnte. Beide erkennen, dass sie einander sehr ähnlich sind – Happy End nicht ausgeschlossen …

Links: Tiffany ist blind für das Glück
Rechts: Tiffany’s tote Mutter ist omnipräsent


Der Améliefaktor

Wenn man Sherry Hormanns „Anleitung zum Unglücklichsein“ mit einem Film vergleichen müsste, dann wohl mit „Zusammen ist man weniger allein“, am ehesten jedoch mit der „Fabelhaften Welt der Amélie“. Dass Sherry Hormann wunderbar mit Bildern umgehen kann und tolle Momente schafft, hat sie bereits mit „Wüstenblume“ bewiesen. 

So bringt „Anleitung zum Unglücklichsein“ Erwartungen mit sich, die erst einmal erfüllt werden müssen. Hinzu kommt noch, dass es ja auch mit Verfilmungen von Büchern – der Film ist eine Adaption des Buches von Paul Watzlawick – immer so eine Sache ist. Des Weiteren wird eine Komödie versprochen. Und hier könnte das Drama nun anfangen. Tut es aber nicht.

„Anleitung zum Unglücklichsein“ ist sehr dicht erzählt, vom ersten Moment an verliebt man sich in die vielen kleinen Details, die Sherry Hormann einfängt und von denen die Atmosphäre des Films lebt. Alltagshandlungen wie das Zurückschlagen der Bettdecke verselbstständigen sich und gewinnen an enormer Bedeutung. Der „Améliefaktor“ von „Anleitung zum Unglücklichsein“ liegt in der schmalen Gradwanderung zwischen Traum und Wirklichkeit, die aufgrund der Bilder spielend gelingt.

So zum Beispiel, wenn eine Herde Rinder durch die Straße direkt vor Tiffanys Laden galoppiert. Klingt auch ein bisschen nach Kitsch, ist es aber nicht – sondern bezaubernd. Auch wenn es nur in Tiffany’s Kopf stattfindet. Zwar muss auch gesagt werden, dass „Anleitung zum Unglücklichsein“ an die „Fabelhafte Welt der Amélie“ nicht ganz heranreicht, aber Sherry Hormann hat hier endlich einmal ein Produkt made in Germany geschaffen, das bestehen kann.

Auch aufgrund der Besetzung, die es schafft, aus den Romanfiguren Typen entstehen zu lassen – ohne großes Tamtam, sondern einfach Menschen, die so sind, wie Menschen eben sind und das in allen Facetten. Auch in denen, die ganz tief in jedem verborgen liegen. Allen voran Johanna Wokalek als herrlich neurotische Tiffany und Benjamin Sadler als Proll-Polizist Frank, aber auch Iris Berben, die als Mutter Exzentrizität auf die Spitze trei

Und das Glück?

Ja, dieser Film macht glücklich! Weil er den Zauber zeigt, der in den kleinen Dingen des Alltags liegt und der in der Summe das Glück ausmacht. Schön auch, dass hier nichts beschönigt wird. Das Leben leben, wie es eben ist und sein sollte, das ist die Botschaft.

Carina Honsowitz (academicworld.net)

 

 

Manchmal liegt das Glück auch in der Liebe zum Detail.

Anleitung zum Unglücklichsein

Regie: Sherry Hormann
Darsteller: Johanna Wokalek, Iris Berben, Richy Müller, David Kross, Benjamin Sadler, Itay Tiran, Michael Gwisdek, Katharina Marie Schubert und Margarita Broich

Kinostart: 29. November 2012

Im Verleih von Stuidocanal Filmverleih GmbH

Share.