Lieben und Sterben in Irland

Familienzwist, Todesahnung und Götterleid – mit federleichter Erzählkunst verwebt John Banville in seinem Roman „Unendlichkeiten“ all diese Fäden zur Geschichte im Leben einer Familie, die dem Tod ins Auge sieht. Dass dabei auch noch die griechischen Götter dazwischen funken, macht die Sache für die Godleys nicht unbedingt leichter.

Die Götter müssen verrückt sein

Rezension "Unendlichkeiten"„Ich habe eine Welt gemacht – Welten! – , und hinterher, was blieb mir dann noch weiter übrig, als mir den Tag der Ruhe zu vertreiben, den nimmer endenden, müßigen Sonntag, der mein restliches Leben war.“ So sinniert Adam Godley, nach einem Schlaganfall im Koma liegend, vor sich hin, an diesem einen Sommertag, den John Banville den Leser teilhaben lässt am Leben und Lieben und Sterben der Familie Godley. Er, der gottgleiche Adam, Schöpfer neuer Realitäten, der doch den Namen des ersten ach so fehlbaren Menschen trägt, ist zur bloßen geistigen Größe zusammengeschrumpft. Um ihn herum tobt das Leben seiner Lieben, dem sie ohne ihren (Gott)Vater kaum gewachsen zu sein scheinen.

Sohn Adam ist mit seiner Frau Helen angereist. Die schöne Schauspielerin ist indes Zeus ins Auge gestochen, der sich ihr, wie einst Amphitryons Frau Alkmene in der Gestalt des eigenen Gatten ins Bett schleicht. Doch auch ohne den unbewussten Seitensprung scheint es um die Ehe der beiden zeitweilig nicht eben gut zu stehen. Vielleicht ist ja an der Aussage des Erzählers Hermes doch etwas dran: „Wenn man ein Happy End hinkriegen will, muss man kurz vor dem Ende aufhören.“

Die spinnen, die Iren

„Dies ist die Welt der Sterblichen. Es ist eine Welt, wo nichts verloren geht, wo man für alles Rechenschaft ablegen muss und das Geheimnis in den Dingen doch gewahrt bleibt; eine Welt, in der sie leben können, wie kurz auch immer und wie schwach auch immer, im schwimmenden Licht ihres eigenen Ich, einsam und zugleich gemeinsam hier an diesem Ort, und sterbend zwar, auf ewig gebannt doch in einen strahlend hellen, nimmer endenden Moment.“

Die Welt des Herrenhauses Arden, irgendwo in idyllischer Lage auf der grünen Insel Irland gelegen ist ganz und gar nicht. Der Vater, genialer Mathematiker, hatte wohl mehr als nur eine Affäre, die Mutter trinkt – und das nicht wenig, der Sohn ist ohnehin ein eher unselbstständiger Tollpatsch und die Tochter, ein schmales, kaum vorhandenes Wesen, neigt zu Selbstverletzung und Eigenbrötlerei. Da scheinen oft die Antriebe hinter den göttlichen Verhaltensweisen plausibler als die der Menschen. Dafür sind die Perspektivverlagerungen, bei denen sich Erzähler Hermes bisweilen so sehr mit dem Beobachteten identifiziert, dass die Ich-Perspektive plötzlich bei diesem zu liegen scheint, nur um schlagartig wieder zum Götterboten zurückzuwandern.

Bisweilen übermütig, aber immer präzise und auf den Punkt ist die Erzählung. Dafür muss man wohl gleichermaßen Banville und seiner Übersetzerin Christa Schuenke gratulieren. Die Scherze sind niemals platt, die Ideen überraschend und der Erzählfluss ungebremst – vielleicht nicht der ganz große Wurf, aber ein Stück Literatur, dass unterhält und zum Nachdenken einlädt.

Gisela Stummer (academicworld.net)

John Banville. Unendlichkeiten
19,99 Euro. Kiepenheuer & Witsch

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