Licht und Schatten in der Nacht

In über sechzehn Kurzgeschichten handelt das Buch „Kartographie der Nacht“ Schicksale ab, die in enger Verbindung mit der Thematik Nacht stehen. Dabei reicht das Spektrum der angerissenen Themen von Konkurrenz am Arbeitsplatz über den Verlust des Sorgerechts, bis zum verfrühten Tod eines Familienmitgliedes.

Licht und Schatten in der Nacht

Da es sich hier um eine Sammlung handelt und nicht jeder Autor einzeln bewertet werden soll, mochte ich meinen Gesamteindruck schildern. Negativ aufgefallen ist mir vor allem der gekunstelt komplexe Aufbau mancher Geschichten, welche den Leser offensichtlich zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Text bewegen sollen. In den meisten Fällen scheitert dieses Vorhaben aber schlicht an der mangelnden sprachlichen Ausarbeitung sowie den unsinnig verschachtelten Sätzen. Über Geschmack oder die künstlerische Gestaltung eines Werkes kann man durchaus streiten – und genau diese Erkenntnis nutzt so mancher Autor, um Texte zu konstruieren, welche aufgrund ihrer sprachlichen Beschaffenheit auf den Leser eher einschläfernd als inspirierend wirken. Über die Motive kann an dieser Stelle nur spekuliert werden, mir drängte sich allerdings schnell der Eindruck auf, als würde so mancher Autor unter chronischem Profilierungsdrang leiden (getreu dem Motto: „Als grammatikalisches Wunderkind erlaube ich mir diesen Kunstgriff.“) und das Lektorat des Verlags sah sich angehalten dem Leser besonders „intellektuelle“ Kost zu bieten. Leider ohne Erfolg – Eloquenz sieht fur mich anders aus.

Hier trennt sich die Spreu vom Weizen

Positiv betont werden muss aber auch, dass einige der Geschichten sehr detailverliebt verfasst und durchaus anspruchsvolle Plots gekonnt in Szene gesetzt wurden. In diesen Geschichten liegen die eigentlichen Stärken des Buches, die Literaten beweisen eindrucksvoll, wie relativ viel Stoff auf relativ wenig Platz sinnvoll abgehandelt werden kann. Hier trennt sich klar die Spreu vom Weizen und es wird ersichtlich dass sich der Autor intensiv mit der Thematik und seinen Charakteren auseinandergesetzt hat. In Kombination mit natürlichem Talent furs Erzählen, ergeben sich so nachdenklich stimmenden Geschichten von welchen der Leser durchaus länger zerren dürfte.

Mein Fazit fällt den obigen Ausführungen entsprechend durchwachsen aus. Das Buch krankt maßgeblich am affektierten Schreibstil einzelner Autoren. Gut die Hälfte der vorliegenden Texte sind meines Empfindens nach durchschnittlich oder unterdurchschnittlich zu bewerten, die verbleibende andere Hälfte kann als solide bis gut eingestuft werden. In der Summe ergibt sich so eine akzeptable Sammlung von Kurzgeschichten, welche allerdings bei weitem nicht die Qualität anderer Werke erreicht (z.B. „Die Nacht, die Lichter“ von Clemens Meyer).

Thomas Fischer (academicworld.net-User)

Lars Claßen (Hrsg.). Kartographie der Nacht
9,95 Euro. Suhrkamp

  

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