Lesen mit Mehrwert

Ein Leben ohne Henry James soll sinnlos sein? Nun ja, so weit sollte man vermutlich nicht gehen. Nun sind sechs seiner Kurzgeschichten zum ersten Mal übersetzt worden und März 2015 als ‚kleine‘ Sammlung veröffentlicht. Halten die Geschichten, was der Autorenname verspricht?

Dazu sollte man vielleicht klären, was man von einem Henry James erwarten kann. Der gute Mann konzentriert sich meistens auf Beziehungen zwischen Menschen. Nicht im klassischen Sinn zwischen Mann und Frau. Er gibt Momentaufnahmen wieder: Beispielsweise zwischen Mutter und Tochter, wobei eine dritte Partei die eigentliche ‚Beobachtung‘ erfasst.

Sein Schreibstil schwankt zwischen sehr umständlich, verschachtelt und recht einfach. Am einfachsten in diesem Buch, wenn die Cousine aus Europa nach New York kommt. Dort wohnt sie kostenfrei im luxuriösen Manhattan und beschwert sich darüber, das die Gegend zu glatt und zu simpel ist, um skizziert zu werden. Dass die werte Dame sich für äußerst intelligent hält, ist selbstredend. Natürlich steht sie direkt für das ‚alte‘ Europa im Vergleich zur ’neuen Welt‘. Und damit eröffnet sich eine zweite Ebene neben den zwischenmenschlichen Beziehung: Wir sind bei den ersten Stufen der Globalisierung angekommen.

Damit hat er eine Überleitung zum interkulturellen geschaffen, die nichts anderes als eine besondere Art zwischenmenschlicher Beziehungen ist. In dieser Zeit oftmals gespickt mit Vorurteilen, sodass er mit dem literarischen Hammer auf die Vorverteilungswut der Gesellschaft losgeht.

Man hat während jeder dieser sechs Kurzgeschichten/ Novellen den Eindruck, dass James nicht für das Publikum schreibt. Es wirkt, als habe er für sich privat eine Feststellung über die Welt gemacht – und verarbeitet sie nun mit Worten in fiktiven Ereignissen. Vielleicht ist ‚verarbeiten‘ auch das falsche Wort dafür. Er verpackt die Feststellung in ein fiktives Beispiel, um sie quasi zu ‚beweisen‘. Vielleicht wäre es an der Zeit, statt Fanfiction zu schreiben zu prüfen, inwiefern er damit heute immer noch Recht hat? Freiwillige Autoren vor!

Im Gegensatz zu anderen hochwertige Literatur erschlägt James Werk nicht. Es sind sechs Geschichten von kleinerem Umfang. Das erlaubt natürlich, inhaltliche Pausen einzulegen. Damit man jederzeit wieder richtig einsteigen kann, hat Manesse ein Leseband eingearbeitet. Nicht zu vergessen: Der bewährte Stoffeinband, für das extra Bisschen tolle Haptik beim klassischen Buch.

Fazit: Wer hochwertig lesen will und dabei ein bisschen in die Vergangenheit eintauchen, ohne allzu bekanntes zu lesen – der ist mit „Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ perfekt bedient!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Henry James. Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren.
Manesse Verlag. 26,95 Euro.

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