Lehrer auf Abwegen

Bis du bereit alles was du liebst zu opfern für die die du liebst? Vor diese Frage sieht sich Lehrer John unversehens gestellt, als seine geliebte Frau Lara wegen Mordes verhaftet wird. Studiocanal bringt den Thriller „72 Stunden – The next three days“ jetzt in der Steelbox erneut heraus.

Liebe braucht Vertrauen, aber ist das immer gerechtfertigt? Bilder: Studiocanal

Was ist die Wahrheit?

Sie (Elizabeth Banks) hatte einen echt miesen Tag in der Arbeit, hat sich sogar richtig heftig mit der Chefin angelegt. Als Sie zum Wagen geht wird sie angerempelt, vor dem Auto liegt ein Feuerlöscher, den sie aus dem Weg räumt. Am nächsten Morgen wird sie verhaftet: Ihre Chefin wurde in dem Parkhaus mit ebenjenem Feuerlöscher erschlagen. Oder war alles ganz anders und sie hat ihren Boss doch aus Wut und Ärger kalt gemacht. Unschuldig einsitzende Mutter oder kaltblütige Psychopathin? Für ihren Mann, den Hochschullehrer John (Russell Crowe) stellt sich diese Frage nie ernsthaft. Er kennt doch seine Lara. Sie ist unschuldig und das müssen doch auch die Gerichte und Behörder erkennen, oder?

Die erste der beiden Filmstunden sehen wir die beiden Hauptfiguren im Kampf mit den Behörden und sich selbst in zurückhaltendem Spiel der zunehmenden Verzweiflung ihrer Charaktere Ausdruck verleihen. Man nimmt ihnen sowohl die Rollen, als auch die liebevolle Beziehung ab, trotzdem ist der Film in dieser Phase etwas zäh, fast schon behäbig. Aber für die zweite Hälfte werden die Beziehungen zwischen den Figuren entscheidend und so lässt Regisseur Paul Haggis sich Zeit, diese aufzubauen.
Kannst du über Leichen gehen?

Bei einem Einbrecherkönig (Liam Neeson) holt John sich schließlich Inspiration, als Lara einen Selbstmordversuch unternimmt und schließlich in einen anderen Staat verlegt werden soll. Mit der ganzen Akribie des Akademikers schmiedet er wahrlich weitgreifende Pläne. Bald nehmen die Karten, Fotos und Notizen eine ganze Wand des Hauses ein. Mit Internetvideos und zaghaften Unterweltkontakten versucht er sich fit zu machen für die Tat seines Lebens: Er will Lara aus dem Gefängnis herausholen – um jeden Preis.

Als erste „Tests“ im Gefängnis und ein Versuch von Drogendealern Geld zu stehlen (sie hatten ihn vorher betrogen und verprügelt) nur mäßig erfolgreich sind wird die Polizei auf ihn aufmerksam. Ab jetzt erschließt sich dem Zuschauer eine zweite Perspektive. Durch gezielte Schnitt nimmt der Film beträchtlich an Spannung zu. Mittels eines Tricks erwirkt er die Verlegung seiner Frau ins Krankenhaus, wo er sie befreit. Es beginnt eine atemlose Hatz durch Pittsburgh. Er weiß: In 15 Minuten ist das Stadtzentrum abgeriegelt, in 35 Minuten die ganze Stadt. Die Zeit läuft.

Besonders in der zweiten Filmhälfte entwickelt sich „72 Stunden“ zu einem wirklich fesselnden Thriller, und doch ist es die erste Hälfte, die verhindert, dass das Ganze ins gänzlich unglaubwürdige abgleitet. Genretypisch wird manche logische Lücke in Kauf genommen, aber die menschliche Ebene bleibt immer authentisch. Und auch die Polizei steht im Großen und Ganzen nicht komplett unfähig da. Realistischer als manch anderer Film dieses Genres, spannend und unterhaltsam weiß „72 Stunden – the next three days“ durchaus zu überzeugen.

Gisela Stummer (academicworld.net)


72 Stunden – The next three days

Regie: Paul Haggis
Darsteller: Russell Crowe, Elizabeth Banks, Ty Simpkins, Liam Neeson, Brian Dennehy, Olivia Wilde

Im Verleih von Studiocanal


Stand: Januar 2012
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