Lebenssinn(e): „Perfect Sense“

Sehen, hören, schmecken, riechen, ertasten – Ohne seine Sinne würde sich dem Menschen die Welt verschließen. Aber wäre er wirklich von allem ausgegrenzt? Könnte er bis zuletzt nicht doch noch … etwas fühlen? „Perfect Sense“ bietet darauf eine ergreifende Antwort.

PERFECT SENSE – ab 8. Dezember 2011 im Kino

Ein Duft von Trauer

Reizüberflutung, Wahrnehmungsoverkill, Perzeptionsexzess. Das bestimmt unsere Welt und Wirklichkeit. In dem Maße, wie jene Übersteigerung nicht mehr als solche empfunden wird, in dem Maße geht auch das Bewusstsein für die Exklusivität reiner Sinneseindrücke ab. Es wird als gegeben hingenommen, daß wir sinnliche Wesen sind, also uns das Leben nicht nur „ausdenken“, sondern ebenfalls „erfühlen“. Gewiss ist dies eine alltägliche, gleichwohl elementare Erfahrung. Erst ihr Verlust macht sie gewahr.

Zuerst ist da diese unermessliche Traurigkeit, von der die Menschen überfallen werden. Hernach fehlt ihnen der Geruchssinn. Noch rätselt die Wissenschaft über dieses ungewöhnliche, sich auf der gesamten Welt ausbreitende Phänomen, auch die Epidemiologin Susan (Eva Green) aus Glasgow, als plötzlich heftigste Heißhunger-Attacken um sich greifen. Bezahlt werden sie mit der Einbuße des Geschmackssinns.

Zu den davon besonders schwer Getroffenen zählt Koch Michael (Ewan McGregor), der in der Nähe von Evas Wohnung in einem Spitzenrestaurant arbeitet. Während sich die beiden kennenlernen und zu verlieben beginnen, expandiert die Seuche. Ein Aggressionsanfall zieht Taubheit nach sich, bis schließlich ein unendliches Glücksgefühl die Menschheit ereilt, um ihr im Anschluss das verbliebene Augenlicht zu rauben.

Der Geschmack des Wahnsinns

Das Prinzip bleibt jedesmal gleich: Emotionaler Kontrollverlust läßt die Sinne schwinden, nicht nur metaphorisch, sondern auch tatsächlich. Es findet also gewissermaßen eine innere Apokalypse statt, denn während bei der klassischen die äußere Umgebung zerstört wird, reduziert sich hier der Mensch kontinuierlich in seinen Fähigkeiten. Er geht der Welt verloren ebenso wie sie ihm langsam entrückt. Dafür nähert er sich seinesgleichen an. Daß daraus kein spektakuläres Untergangsszenario, sondern ein ausgesprochen stiller Abschied geworden ist, liegt schon am überaus sensiblen und klugen Drehbuch von Kim Fupz Aakeson.

Menschen werden von temporärem Irrsinn erfasst, doch sobald sie wieder den Verstand zurückerlangen, trotzen die meisten dem entstandenen Chaos und bemühen sich um Normalität.

Eindringliche Bild-Collagen von vor Gram auf den Wegen zusammenbrechenden Menschen, von Essorgien und von aus Wut völlig aufgelösten Passanten folgen Aufnahmen von Selbstorganisation, von Aufräumarbeiten oder Straßenreinigung, und zwar aus aller Welt. Erstaunlich, wie ein globales Übel die ansonsten gern betonten Unterschiede zwischen den Erdbewohnern nivelliert. Fast rührend mutet es an, wie die Leute den Verlust der Sinne zu kompensieren versuchen, explizit an den Bemühungen des Restaurantpersonals um Michael verdeutlicht.

Nachdem nichts mehr gerochen wird, werden die Speisen eben hochgradig gewürzt, der später vermisste Geschmack durch hörbar knackende Nahrung in heterogenen Konsistenzen und Wärmegraden ausgeglichen. Als schließlich das Gehör ausfällt, wird der Optik der Gerichte alle Aufmerksamkeit gewidmet. Das, was der Mensch an Verkümmerung erlebt, wiegt er durch kreative Phantasie wieder auf.

Ein Gespür für Verfall

Freilich hat diese Methode ihre Grenzen, doch sie offenbart auch einen betont unkämpferischen Überlebenswillen, der als dramaturgischer Grundton David Mackenzies Regie dominiert. „Perfect Sense“ ist kein Drama einer Katastrophe, sondern einer in ihrer Ursache nie geklärten Rückentwicklung – klar, zurückhaltend, fast schon unaufgeregt und deshalb erschütternd. Weder die gesellschaftlichen oder sozialen noch politischen Folgen eines derartigen Zerfalls werden thematisiert, vielmehr die subjektiven Auswirkungen auf das Individuum, das sich bisher über seine Sinne orientiert, ja definiert hat.

Das Kino als primär visuelle Kunst stellt an eine solche Inszenierung besondere medienästhetische Herausforderungen. Geruch und Geschmack lassen sich auf der Leinwand nur zeigen, aber Klänge bzw. deren Fehlen sind sinnlich vermittelbar. Je weiter die Ereignisse voranschreiten, desto mehr Reize nimmt David Mackenzie aus seinem Film, bis der Ton in einem dumpf-leisen Brummen untergegangen ist.

Die Kraft des Sichtbaren muß zusammen mit einer Voice-over und Musik ausreichen, um noch den letzten Akt vor der drohenden Finsternis mit Leben zu füllen. Tatsächlich reicht sie aus: Ein Triumph des Kinos der Reduktion.

Die geheimnisvoll wirkende Eva Green und ein entspannt-warmherziger Ewan McGregor geben sich vorbehaltlos ihren Rollen hin, ohne je die inwendige Emphase zu verraten.

Der Laut der Liebe

Im wahrsten Sinne des Wortes das Herz der Geschichte ist die Beziehung zwischen Susan und Michael. Eigentlich recht unromantisch gewinnt sie vor dem Hintergrund der Apokalypse eine ungeahnte, zutiefst humane Dimension. Klar, Sex im Angesicht des Todes ist der beste, doch zweifellos besitzen die Liebes- bzw. Bettszenen ob ihrer Konventionalität eine starke Intensität.

Nicht nur die Filmcharaktere, auch die Zuschauer entwickeln angesichts der Geschehnisse eine größere Sensibilität für Sinneseindrücke, weshalb Nähe und Berührung kaum mehr als Elemente der Passion, vielmehr als deren Essenz wahrgenommen werden. Selten hat Liebe so schmucklos, gleichzeitig dringlich gewirkt.

Dabei könnte die Geschichte natürlich schnell in Sentimentalität abdriften. Und der Score von Max Richter erliegt auch gelegentlich dem Pathos. Der Regisseur und seine faszinierenden Hauptdarsteller schätzen demgegenüber aussagekräftige Nüchternheit.

Die immer etwas geheimnisvoll wirkende Eva Green und ein entspannt-warmherziger Ewan McGregor geben sich vorbehaltlos ihren Rollen hin, (er)leben das Aufflammen von Leidenschaft wie das Nachlassen der Sinne, ohne je die inwendige Emphase zu verraten. Ihre Liebe wird zur bedingungslosen Größe; im Finden, im Empfinden des anderen offenbart sich die letzte, buchstäblich greifbar nahe Wahrheit.

Der Anblick von Schönheit

Schon im nihilistischen Drama „Young Adam“ (2003) und dem sensiblen Coming-of-Age-Movie „Hallam Foe“ (2007) hat David Mackenzie ein Gespür für Atmosphäre, Ambiente wie Psychologie betreffend, bewiesen. Auch in dem privatim-puristischen Arthouse-Werk „Perfect Sense“ verdichtet sich seine Inszenierung einer genreübergreifenden Endzeit-Lovestory zur Poesie des Ausklangs, herzzerreißend melancholisch und gleichzeitig kühl-distanziert.

Passend dazu fängt Kameramann Giles Nuttgens Glasgow auf gedämpfte Weise ein, verleiht der schottischen Stadt eine Ahnung von Leere und Zeitlosigkeit, die sie zum diskreten architektonischen Vorboten einer Zeitenwende macht.

Dass letztere eintritt, realisieren die Menschen bald. Zunächst versuchen sie noch, Erinnerungen an die Stelle der verlorenen Sinne zu setzen. Aber als ihr Augenlicht, der für die meisten wichtigste Sinn, bedroht ist, wollen sie aktiv visuelle und künstlerische Impressionen für die Ewigkeit konservieren. Malerei, Literatur, Naturerscheinungen werden mit einem zuvor nie gekannten Bewußtsein wahrgenommen, denn es ist die letzte Chance, sie ins Gedächtnis zu versenken. Unglaublich schön und tragisch zugleich mutet es an, wenn Jugendliche beinahe andächtig den Sonnenuntergang über den Dächern Glasgows verfolgen. Ein Bild voll sublimer Tristesse!

Die feinfühlige Komposition des Films von Perzeption und Apperzeption, in der Emotionen einen Absolutheitsanspruch zugesprochen bekommen, fungiert wie eine narrative Folie für eine Parabel auf den Lebenssinn. So gesehen wirkt „Perfect Sense“ zwar etwas überdeterminiert, verliert dank ausgleichend spröden Stils jedoch nichts von seiner eindrucksvoll befremdlichen Wirkung. Die weibliche Voice-over akzentuiert diesen Eindruck. Aus auktorialer Position schildert sie das Geschehen, als ob ein anonymer Beobachter einen allegorisch aufgeladenen Mythos erzählen würde.
Er erzählt vom Ende des Menschen, von einer Dunkelheit, die alle Sinne raubt. Und von einer Empfindsamkeit, die Ewigkeit atmet.

(von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net)


Perfect Sense

Regie: David Mackenzie
Darsteller: Ewan McGregor, Eva Green, Ewen Bremner, Stephen Dillane, Denis Lawson, Anamaria Marinca
Kinostart: 8. Dezember 2011

Im Verleih von Senator Film


Stand: Dezember 2011

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