Lebensinhalt Unglück

Charles Yu heißt nicht nur der Autor von „Handbuch für Zeitreisende“, sondern auch der Protagonist – und den gibt es gleich doppelt. Denn Charles lebt in einer Zukunft, in der Zeitreisen an der Tagesordnung sind. Das sorgt für ganz neue Probleme. Etwa als Charles sein zukünftiges Ich auf sich zukommen sieht und es spontan erschießt. Zack, befindet er sich in einer echt miesen Zeitschleife. Kann das wirklich auch etwas Gutes nach sich ziehen?

Die Zeit ist für Charles einerseits nebensächlich, andererseits essentiell. Bild: Richard von Lenzano  / pixelio.de
Die Zeit ist für Charles einerseits nebensächlich, andererseits essentiell. Bild: Richard von Lenzano / pixelio.de

Kampf mit dem eigenen Ich

„Die Zeit heilt, ob es einem gefällt oder nicht, und niemand kann etwas dagegen tun, wenn Sie nicht aufpassen, nimmt Ihnen die Zeit alles weg, was Sie jemals verletzt hat, alles, was Sie jemals verloren haben, und ersetzt es durch Wissen. Die Zeit ist eine Maschine: Sie wandelt Schmerz in Erfahrung um.“

Als Charles Yu aber spontan mit der Endlichkeit der eigenen Existenz konfrontiert wird, als er sein zukünftiges Ich erschießt, wird ihm klar, dass doch noch eine Menge Schmerz in ihm ist und er sich an die Abarbeitung machen sollte, bevor es  zu spät ist und er selbst das zukünftige Ich, das erschossen wird. Kein Wunder, dass er der Meinung ist: „Das Leben ist in gewissem Maße ein ausführlicher Dialog mit dem eigenen zukünftigen Ich über die Frage, wie man sich in den kommenden Jahren selbst im Stick lassen wird.“

Einsamkeit ist keine Lösung

Im Stich gelassen fühlt sich Charles ohnehin und zwar von seinem Vater. Mit diesem hat er die meiste Zeit seiner Kindheit und Jugend erfolglos an einer funktionierenden Zeitmaschine geforscht. Dabei haben sie ganz wenige Glücksmomente mit schrecklich vielen Zeiten des Versagens und Verzweifelns bezahlt. Irgendwann ist der Vater in der Zeit verschwunden. Und Charles hat sich als Reparateur für Zeitmaschinen im Kleinuniversum 31 verdingt. Seitdem hat sich sein Leben noch mehr in und um Schachteln gedreht, denn größer als eine Schachtel ist seine TM-31, in der er die letzten zehn Jahre verbracht hat, nicht.

In der eigenen Gegenwart und Wirklichkeit war er schon lange nicht mehr. Neben denen, denen er zu Hilfe eilt, sind seine einzigen „sozialen“ Kontakte das Betriebssystem Tammy, dem es an Selbstbewusstsein mangelt, der Hund Ed, der zwar existiert, aber eigentlich nicht real ist und Phil, ein Computerprogramm seines Arbeitgebers, das sich für einen Menschen hält. Als er sich unverhofft in einer Zeitschleife wiederfindet, zusammen mit dem „Handbuch für Zeitreisende“, das er schreiben muss, weil er es schon geschrieben hat, muss er anfangen, sich wieder der Realtität, der Gegenwart und auch den eigenen Problemen zu stellen. Denn: Die Gegenwart will ausgekostet werden, wie lange oder kurz sie auch ist.

Rezension "Handbuch für Zeitreisende"

Ein eigenwilliges, fast philosophisches, leicht wirr physikalisches, ziemlich nachdenkliches, nicht unlustiges, aber auch nicht unbedingt gefälliges Buch legt Charles Yu da vor.  Die Spannung hält sich im Grunde in Grenzen, aber die Überlegungen sind interessant, die Einfälle kreativ und die Charaktere ausgefeilt. Kein Lese-muss, aber bei Leibe keine Zeitverschwendung.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Charles Yu. Handbuch für Zeitreisende
13,95 Euro. Rowohlt

 

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