Leben nach der Apokalypse

Holly-Jane Rahlens kontrastiert unsere Zeit in Ihrem Roman „Everlasting. Der Mann der aus der Zeit fiel“ ganz wunderbar mit einer einfallsreichen Vision des Jahres 2264. Zwischen heute und der Zukunft gab es eine gravierende Seuche und andere apokalyptische Zustände. Dadurch wurde die Menschheit zu einem pragmatischeren Leben gezwungen. Allerdings ging unterwegs die Individualität verloren.

Bild: Wolfgang Pfensig/pixelio.de
Finn ist zusehends in der Zeit verloren. Bild: Wolfgang Pfensig/pixelio.de

Spiel oder Realität?

Finn Nordstrom ist Historiker. Sein Fachgebiet das 21. Jahrhundert und besonders die längst ausgestorbene deutsche Sprache. Denn: Finn lebt im Jahr 2264. Nur noch wenige Dokumente aus dieser Zeit sind erhalten. Aktuell übersetzt Finn alte Geschäftsberichte der Deutschen Bank – nicht gerade eine spannende Herausforderung. Da wird ihm ein weitaus interessanteres Projekt vorgeschlagen. Er soll alte Tagebücher eines jungen Berliner Mädchens übersetzen, denn für handschriftliche Arbeiten zählt der junge Akademiker zu den wenigen existierenden Experten. Immer stärker gerät er in den Bann der Erzählung. Warum vermag es dieses junge Ding ihn so zu fesseln? Er fühlt sich regelrecht verbunden mit ihr.

Zusätzlich zur täglichen Arbeit soll er dann auch noch am Test eines Virtual-Reality-Spiel mitarbeiten, das den Spieler ins Berlin kurz nach der Jahrtausendwende führt. Zunächst missmutig, nach dem ersten sehr realitätsnahen Test zunehmend fasziniert erklärt er sich dazu bereit. Zusammen mit einer Kollegin soll er – so wird ihm gesagt – Fehler ausfindig machen. Im Laufe der Zeit kommt ihm das immer merkwürdiger vor. Denn er trifft dort die junge Eliana, die Tagebuchautorin. Hat er sie sich hineingedacht? Oder ist das Ganze gar kein Spiel? 

Wir oder ich?

Was? Zeitreisen? Finn kann es zunächst gar nicht fassen, dass er mehrfach ohne eigenes Wissen durch die Zeit gereist ist. In die Jahre kurz vor dem „Dark Winter“, dem Zusammenbruch der Weltordnung, der Beinahe-Apokalypse. Er soll dort seinen Gefühlen folgen. Dabei kommt er aus einer Zeit, in der Gefühle verpönt sind und die Liebe als nahezu ausgestorben gilt. Immer wieder zieht es ihn in Elianas Nähe. Nebenbei, in seiner eigenen Zeit, liest er dann in ihren Tagebüchern, wie auch sie sich zu ihm hingezogen fühlt. 

„Wie kannst du ohne ‚ich‘ Intimität zwischen Menschen ausdrücken?“ Diese Frage stellt Eliana Finn, dem Mann, der aus einer Zeit kommt, in der die erste Person Singular tunlichst vermieden wird. Das weiß sie zwar nicht, wundert sich aber immer wieder, warum der Mann, der sie seit früher Jugend so fasziniert, oft nicht in der Lage ist „Ich“ zu sagen. 

Rezension: Everlasting

Zukunft oder Glück?

„Dieser Mann ist kein Held, und er will auch keiner sein“, meint Finn. Und doch soll er durch sein Tun die Welt verändern. Aber ist ihm eine sichere Zukunft und ein nahezu endloses Leben wirklich lieber als eine begrenzte Zeit an der Seite der Frau, die ihm alles bedeutet? Kann er überhaupt bei ihr bleiben?

Holly-Jane Rahlens legt mit „Everlasting“ quasi das Buch vor, dass sich Eliana im Text wünscht: „Science-Fiction for Lovers“ – einen Zukunftsroman, der nicht hauptsächlich von Kampfrobotern und halbnackten Frauen handelt. Spannend und einfallsreich ist das Ganze aber trotzdem geworden, nimmt bisweilen fast philosophische Dimensionen an. Etwa wenn es um die Frage von Identität geht. 

Gisela Stummer (academicworld.net)

Holly-Jane Rahlens. Everlasting. Der Mann, der aus der Zeit fiel
14,95 Euro. Wunderlich

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