Laurent Gaudé: Das Tor zur Unterwelt

Laurant Gaudé schafft in seinem Roman „Das Tor zur Unterwelt“ die Symbiose großer Gegensätze. Gekonnt verbindet er mythologische Motive und psychologische Traumata, körperliche und geistige Grenzerfahrungen, die ober- und die unterirdische Unterwelt von Neapel, Hass und Liebe.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit oder: auf Orpheus‘ Spuren

Eigentlich sind sie eine glückliche kleine Familie, Matteo und Guliana mit ihrem kleinen Sohn Pippo. Taxifahrer Matteo und seine Frau sind zufrieden mit ihrem bescheidenen Leben. Sie lieben sich und den kleinen Sprössling – was machen da schon ein paar kleinere Probleme?

Depression und Rachegelüste

Doch wie aus heiterem Himmel zerbricht das kleine Glück als eines stressigen Morgens Pippo und sein Vater auf offener Straße, mitten in Neapel, in eine Schießerei verfeindeter Clans geraten. Matteo wirft sich über seinen Sohn, um ihn zu beschützen – doch zu spät. Der Kleine ist getroffen und stirbt noch auf dem Weg zum Krankenhaus. Tiefe Traurigkeit hält Einzug in dieser nun unvollständigen Familie. Während Matteo in eine Depression abgleitet entbrennt in Guliana der Wunsch nach Rache. Sie will Pippo zurück oder wenigstens den Mörder ihres Sohnes tot sehen. Und Matteo soll ihn richten, den, der ihrer aller Leben zerstört hat, der in ihren Augen keinen Tag mehr zu leben verdient hat. Aber Matteo scheitert. Er ist kein kaltblütiger Killer, nur ein liebender Vater. Als ihn Guliana wegen dieses Versagens verlässt und er einsieht, dass er den Mörder nie wird erschießen können, entschließt er sich für den zweiten Weg. Er holt seinen Sohn zurück! Mit aller Gewalt und Liebe will er ihn dem Tod entreißen.

Am alten Hafen, so erfährt er in einer weinseligen Nacht durch die Bekanntschaft der Prostituierten Grace, des Wirts Garibaldo, des eigentümlichen Professore Provolone und des schwerkranken und widerständischen Armenpriesters Mazerotti, die alle am Rande der Gesellschaft stehen, gibt es ein Tor zur Unterwelt. Gemeinsam mit dem kranken Mazerotti wagt er den Abstieg. Matteo will, unter Einsatz seines eigenen Lebens, seinen Sohn unter den Verstorbenen suchen, die nur durch die Liebe ihrer Hinterbliebenen vor der endgültigen Auflösung bewahrt werden.

Mythologie und Psychologie greifen ineinander

Laurent Gaudé schafft in seinem Roman „Das Tor zur Unterwelt“ die Symbiose großer Gegensätze. Gekonnt verbindet er mythologische Motive und psychologische Traumata, körperliche und geistige Grenzerfahrungen, die ober- und die unterirdische Unterwelt von Neapel, Hass und Liebe.

Gemeinsam mit Matteo und Pippo macht der Leser sich auf den Weg zu vielerlei Abgründen. Durch die parallele Struktur des Romans (1980 und 2003 werden einander gegenübergestellt und zugleich miteinander verwoben) entsteht ein regelrechter Sog in die Tiefe des Romans.

Irgendwo zwischen Orpheus und Dante findet sich dieser Weg ins Jenseits, der aufzeigt, was Opferbereitschaft bedeutet und welchen Preis die Liebe haben kann, für alle Beteiligten. Das Leben, so scheint es, besteht zu großen Teilen aus Verlust. Damit heißt es „zu leben“ beziehungsweise „leben zu lernen“.

Viele Denkanstöße gibt Gaudé dem Leser mit auf den Weg in seinem spannenden, aber auch traurigen Roman. Keine leichte Kost, aber eine ergiebige allemal.

272 Seiten
dtv (Oktober 2010)
14,90 Euro


Stand Februar 2011

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