KUSSWECHSEL – Kein Vorspiel ohne Nachspiel oder besser: Turiner Geplänkel

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Heißt: Anstatt sich alleine mit seinen charakterlichen Schwächen herumzuplagen, teilt er sie genüßlich mit anderen, nennt das dann Beziehungsprobleme und kann so spielend einen Großteil seiner Lebenszeit füllen. Im Kino werden diese Alltagsscharmützel als sogenannte ’Geschlechterkomödien’ vermarktet.

Filmposter
Kusswechsel – Kein Vorspiel ohne Nachspiel; Bild © Senator Films

Eine übermütige Schar

Da hat sich eine drollige Truppe versammelt in der Hauptstadt des Piemont: Rocco (Salvatore Ficarra), ein quirliger Kindskopf, arbeitet als Hausmeister in einer Schule, ist mit der lebenslustigen Lehrerin Valentina (Francesca Inaudi) verbandelt, sammelt Fußballbildchen und musiziert in einer Beatles-Coverband.

Sein Freund Michele (Valentino Picone), verkrampfter Geschäftsmann, spielt in der gleichen Band, muß dies allerdings vor seiner selbstbewußten Freundin Diana (Serena Autieri) verheimlichen, einer erfolgreichen Businessfrau mit Auslandskontakten. Marcello (Claudio Bisio) wiederum, Schönheitschirurg und ewiges Muttersöhnchen, hat die Ehe längst hinter sich, gibt sich aber gemeinsam mit Exfrau sowie Kindern vor der hochverehrten Frau Mama weiterhin als glücklicher Familienvater aus.

Paola (Nancy Brilli) hingegen, reizvoll und weltgewandt, hat sich von ihrem Ex emanzipiert und lebt mit einem anderen Mann zusammen. Desweiteren ist da noch Piero (Emilio Solfrizzi), Tankwart und Schwerenöter, der Gattin Anna (Luciana Littizzetto), eine patente Ärztin, nicht nur mit seiner hingebungsvollen Liebe zu „Juventus Turin“ zur Verzweiflung bringt.

Solch betont munteres Personal läßt zukünftige Katastrophen bereits erahnen, die sich zur grenzenlosen Überraschungslosigkeit des Zuschauers auch alsbald einstellen. Rocco wird von seiner enttäuschten Freundin aus der gemeinsamen Wohnung geworfen und quartiert sich ungeniert bei Michele sowie Diana ein. Derweil erleidet Marcellos Mutter Clara (Wilma De Angelis) eine Herzattacke, woraufhin sie ihre angeblich letzten Tage im Schoße der Familie ihres Sohnes verbringen will. Der muß Exfrau und Kinder aber erst einmal zusammentrommeln und auf familientaugliches Format einschwören.

Piero wiederum hat sich einmal zu oft nach hübschen Signorinas umgeschaut, dabei einen Unfall erlitten und sein Gedächtnis verloren. Flugs ergreift Anna die Gelegenheit, um ihren treulosen Gefährten neu zu programmieren.

Ohne viele Worte… © Senator Film

Geplapper ohne Pause

Flunkereien, Heimlichkeiten, Ausreden und Mißverständnisse bestimmen Dialoge wie Taten sämtlicher Protagonisten, die keineswegs unsympathisch, aber haltlos albern sind. Vor allem entwickeln sie einen ungeheuren Aktionismus, wenn es darum geht, einmal arrangierte Täuschungen zu etablieren. Sobald die vermeintlich todkranke Clara wünscht, Urlaubsvideos ihres Sohnes Marcello zu sehen, fährt dessen wieder zusammengeführte Familie heimlich an den Strand, um ulkige Szenen aus ?Italo-Ägypten? und von ?Europäisch-Bora Bora? nachzudrehen.

Ebenso einfallsreich erweist sich Anna bei der Umschulung ihres von Amnesie geplagten Gatten, den sie mit liebevollem Nachdruck an seine ?alten Schwächen? wie französische Literatur, Kochen und Bügeln erinnert. Nur an Fußball hätte er nie Interesse gezeigt: ?Calcio ? NO!!!? Wie erstaunt wäre Piero, wenn er wüßte, daß dort, wo jetzt ein großformatiges Hochzeitsphoto hängt, früher der Hausaltar zu Ehren ?Juves? und Alessandro Del Pieros stand!

Parallel zum lauten Konfliktechaos steigt die Kommunikationsfreude an, womit auch schon das einzige nennenswerte dramaturgische Prinzip dieses optisch wie inszenatorisch auf schlichtem Fernsehniveau daherkommenden Filmes erwähnt wäre. Mehr als eifrig diskutierende Figuren, die sich in der Manier ?Frauen gegen Männer?, so der Originaltitel, aufreiben, gibt es bei Regisseur Fausto Brizzi nicht zu bestaunen.

Auf Italienisch profitieren solche Redekaskaden noch von der Melodiösität einer Sprache, deren Klang Inhalt zu ersetzen vermag, während eine Synchronisation das Drehbuch wohl als das entlarven dürfte, was es ist, nämlich als geschwätzig und hysterisch. Und das alles vor dem akustischen Hintergrund aus Easy-Listening-Musik und seichten Popsongs.

Hippies..
Woodstock? © Senator Film

Trubel des Trivialen

Immerhin kann das Schauspielerensemble, darunter Stars der nationalen Comedy-Szene wie das Duo „Ficarra & Picone“, mit teils flinkem Wortwitz und emotional lebhaften Auftritten brillieren, auch wenn ihre Rollen sich in unfassbar bescheidenen Stereotypen erschöpfen. Da werden törichte Gender-Klischees reaktiviert, offenbar aus der Mottenkiste uralter Vorurteile gezogen, und als überspanntes Spiel bzw. als greller Kampf der Geschlechter zu einem höchst anspruchslosen Genrewerk aufgebläht.

Hier der infantile Mann, dort die darüber empörte Frau: Manche Szene voll puren Klamauks wäre möglicherweise ein gelungener Sketch gewesen, doch als närrisch-naive Burleske in Filmlänge ödet derartiges Geplänkel an, zumal das lachhafte Fazit schon feststeht. Männer und Frauen mögen sich kappeln, doch werden sie sich letztendlich in den Armen liegen. Könnte freilich auch am Mangel von Alternativen liegen…

„Kusswechsel“ – der grauenerregene deutsche Verleihtitel sorgt für linguistischen Schauder – war als sommerliche Komödie der allerleichtesten Art ein Box-Office-Hit in Italien. Die Qualität des Films trägt daran jedenfalls keine Schuld. Scusi!

(Autorin: Nathalie Mispagel, Filmexpertin auf academicworld.net)

 

KUSSWECHSEL Kein Vorspiel ohne Nachspiel

 

Regie: Fausto Brizzi

Besetzung: Claudio Bisio, Nancy Brilli, Luciana Littizzetto, Francesca Inaudi,

Emilio Solfrizzi, Giuseppe Cederna und Ficarra und Picone

Kinostart: 09. Juni 2011

Share.