Kriegslektüre

Unter der Regie von Brian Percival wird die Verfilmung des Jugendbuch-Bestsellers „Die Bücherdiebin“, ab 13.3. im Kino, zum langatmigen, klischeelastigen Geschichtsdrama ohne innere Spannung.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Der Stoff war stark, doch der Film war schwach

Tod und Nationalsozialismus

Wenn der Tod höchstpersönlich zu erzählen beginnt und dann noch mit Blick auf Deutschland, verliert selbst er an Originalität: Das Dritte Reich ist sein Thema. Damals wurde er vom Schicksal der jungen Liesel (wach und einfühlsam: Sophie Nélisse) berührt. Ende der 1930er Jahre kommt sie als 9-Jährige zu Pflegeeltern in ein Dorf nahe München. Mit der barschen Rosa Hubermann (leidet, sorgt und zetert: Emily Watson) hat sie es zunächst schwer, mit dem warmherzigen Hans (außerordentlich liebenswert: Geoffrey Rush) gewinnt sie einen einfühlsamen Vater, der sie auch das Lesen lehrt. Bücher werden neben Rudy (reizend spitzbübisch: Nico Liersch) ihre besten Freunde. Als die NS-Zeit und später der Zweite Weltkrieg anbrechen und Familie Hubermann einen Juden im Keller versteckt, ist es Liesels Leseleidenschaft, die ihr Hoffnung und Stärke schenkt.

„Lies, um zu leben“ – Was Gustave Flaubert einst in wenige Worte kleidete, hat der deutsch-australische Autor Markus Zusak in seinem international erfolgreichen Roman „Die Bücherdiebin“ (2005) auf rund 600 Seiten erneut untermauert. Die ewige Wahrheit von der Literatur als Lebenselixier kann nicht oft genug verkündet werden. Obwohl… auf die Kinoadaption von Zusaks Buch wäre leicht zu verzichten gewesen. Sie ist ein beredtes Beispiel für klischeehafte Nazi-Filme mit deutscher Beteiligung, moralisch verkrampft, psychologisch stupide, emotional larmoyant. Vor allem historisch unglaubwürdig.

Roman und Verfilmung

„Die Bücherdiebin“ ist eine Fox 2000 Pictures Produktion in Koproduktion mit Studio Babelsberg. In den Kulissen dieses weltweit ältesten Großatelier-Filmstudios fand ein Großteil der Dreharbeiten statt. Und das sieht man leider auch. Eine gewisse Künstlichkeit liegt von Anfang an über dem Film, als wäre er in eine Blase eingeschlossen ohne Anbindung an Realität und Geschichte. Daß Meister Tod (in der deutschen Fassung von Ben Becker intoniert) zudem gelegentlich aus dem Off salbungsvolle Bemerkungen fallen läßt, verstärkt den Eindruck eines sentimentalen Märchens, dem freilich Tiefgründigkeit wie Botschaft fehlen.

Ganz anders verhält es sich mit der literarischen Vorlage. Die ’young adult novel’ wirkt zwar politisch tendenziell naiv, besticht hingegen in ihrer Feier des Wortes als ebenso mächtige wie trostreiche Kraftquelle. Kriegsgeschehen und Bücher-/Leselust sind geschickt ineinander verwoben, auch stilistisch, weil Zusaks reiche, phantasievolle Sprache die Welt poetisiert, ohne sie zu romantisieren. Großen Anteil daran hat der Tod als allwissender Erzähler – hier gleichzeitig distanziert-geschwätzig und lakonisch-sarkastisch –, der mit synästhetischer Wahrnehmung und nicht linearer Narration für eine bewegende, freilich unsentimentale ’Berichterstattung’ sorgt. Seine exzentrischen, den Fakten ihre oft kalte Komik entreißenden Zwischenbemerkungen erden die Ereignisse. So gelingt es dem Roman, eine Kindheit im Krieg in all ihrer Grausamkeit und all ihren Glücksmomenten nachzubilden.

Genau jene Qualität läßt die Verfilmung vermissen. Ebenso wie Drehbuchautor Michael Petroni versteht es Regisseur Brian Percival nie, Alltagsstimmungen einzufangen oder ein Gefühl für Beiläufigkeit zu entwickeln. Trotz Überlänge hat jede Sequenz ihre konkrete dramaturgische Funktion in dieser höchst berechenbaren Initiationsstory, sind sämtliche Dialoge, Handlungen und Ereignisse nie etwas anderem verpflichtet als einer abgezirkelten Chronik. Als wäre dies nicht bereits überdeutlich, erschöpft sich die Kameraarbeit von Florian Ballhaus im reinen Abbilden des ohnehin Plakativen und läßt Filmkomponist John Williams seine Geigen und Oboen rührselig klagen. Krieg und ideologische Tyrannei werden hier zum hübsch ausgeleuchteten, pathetischen Melodrama.

Geschichtslektion und Besetzungstaktik

Während sich erzählerische, visuelle und musikalische Konventionen gegenseitig in ihrer Bedeutungslosigkeit verstärken, gehen viele schöne Ideen des Romans unter. Immer wieder steigt Liesel in die Bibliothek des Bürgermeisters, eines glühenden Nazis, ein, denn nur dort findet sie Nachschub für ihren unbändigen Lesehunger. Sie glaubt, sich die Bücher zu ’leihen’, tatsächlich nährt sie sich an den Worten, während die Welt um sie herum zerbricht. Bücherverbrennungen, demonstrativ in Szene gesetzt mit dröhnenden Nazi-Schergen und indoktrinierter Hitler-Jugend, sind das Symbol für eine allumfassende Kulturzerstörung, die mit der Vernichtung von Humanität Hand in Hand geht.

Wie in einer besonders schlichten Geschichtslektion wird dieses als ungeheure Erkenntnis dem Zuschauer vorgehalten, nochmals verstärkt durch eine plumpe Besetzungstaktik. Die guten, wichtigen Deutschen werden von international bekannten Darstellern verkörpert, die bösen oder unwichtigen Deutschen von: Deutschen! Ähnlich beschränkt gestalten sich Psychologisierung der Ereignisse und Milieuzeichnung. Arbeiter sind emotional verschlossene Typen, Kinder entweder entzückende Lausebengel oder verschlagene Nazi-Ekel, Lehrerinnen rundliche Despoten. Ach ja: Und Kleinstädte sind grau – dann heben sich die roten Hakenkreuz-Fahnen umso besser ab.

Sentiment und Kraftlosigkeit

Selten einmal blitzt jene Magie auf, die Bücher ins Leben bringen. Einmal liefern sich Liesel, die Hubermanns und der von ihnen versteckte Max (stets freundlich duldend: Ben Schnetzer) im Keller eine Schneeballschlacht. Doch selbst diese ausgelassene Sequenz ist schon wieder als dramaturgischer Eckpunkt instrumentalisiert, weil Max hernach von einer schweren Grippe fast hinweggerafft wird. So provoziert und produziert der gesamte Film nichts als Sentiment. Seine erzählerische Gemächlichkeit soll Elegie vortäuschen, sein Kitsch Betroffenheit, seine Rührseligkeit Größe. Die eigentliche Botschaft, daß Lesen eine ernst zu nehmende Überlebensstrategie ist, wird nur nebenbei ausgestreut, etwa wenn Liesel den schwerkranken Max gewissermaßen ’zurück ins Leben liest’ oder während schlimmer Bombenangriffe im Luftschutzbunker Geschichten erzählt. Doch solche Momente sind ebenso rar wie vorhersehbar.

Insofern fördert der Film „Die Bücherdiebin“ genau jene Haltung, die er doch ständig anprangert, nämlich ermüdete Gleichgültigkeit. Er ist ein Beispiel für edle Intention ohne Fortune, welche die Faszination von Büchern und die Kraft von Worten zu keinem Zeitpunkt mit Leben füllt. Markus Zusak hingegen hat hierfür nur einen einzigen Satz benötigt: „Das Buch öffnete sich – ein Windstoß.“


DIE BÜCHERDIEBIN
Regie: BRIAN PERCIVAL 

MIT SOPHIE NELISSE, EMILY WATSON, BEN BECKER, BARBARA AUER, NICO LIERSCH

Kinostart: 13.März 2014

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