Krieg und Frieden

Lew Tolstoi in einem Gemälde von Ilja Jefimowitsch Repin (1887)

Lust auf Weltliteratur? Dann hab ich etwas für Euch: ca. 1600 Seiten russischer Geschichte, eine Familienchronik, die nur 7 Jahre übergreifend beschreibt, dennoch inhaltlich voll beladen ist. Wenn man so will, ist „Krieg und Frieden“ ein modernes Antikriegsbuch.

Oberflächlich betrachtet

Zunächst als Familienchronik der Familien Besuchows, Rostows, Bolkonskij geplant, geriet es bald zu einer umfassenden Darstellung der Ereignisse in Russland, vor allem natürlich des Krieges mit Napoleon, geschildert aus der Sicht des Moskauer und Petersburger Adels zu Zeiten der neopolonischen Kriege.

Es ist wohl unmöglich, in wenigen Zeilen den Inhalt von 1600 Seiten wiederzugeben, daher will ich mich auf das Wesentliche beschränken. Die Handlung von „Krieg und Frieden“ setzt im Jahre 1805 ein und dauert bis in die Zeit nach dem Sturz Napoleons. Tolstoi entfaltet vor dem inneren Auge des Lesers ein facettenreiches Panorama Russlands zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Heere Napoleons Europa mit Krieg überziehen und schließlich sogar vor den Toren Moskaus stehen.

Etwas genauer betrachtet

Der Hauptprotagonist des Romans ist Pierre Besuchow. Gerade als in der russischen Burgoisie die Begeisterung für Napoleon ihren Höhepunkt erreicht, wird Pierre von seiner Tante Anna Pawlowna in die Petersburger Gesellschaft eingeführt. Bei ebendieser lernt er Natascha, ein bezauberndes junges Mädchen, kennen und fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Sie ist die Tochter eines verarmten Landadels. Sie soll mit den verwitweten Fürst Andrej Bolkonskij verheiratet werden. Piere und Andrej, die nicht unterschiedlicher sein könnten, werden Freunde, und Andrej versucht, Pierre zu einem Beruf als Diplomat oder Gardekavallerist zu überreden. Pierre ist unentschlossen und möchte auch nicht gegen den seiner Meinung größten Menschen der Welt in den Krieg ziehen.

Nataschas Jugendliebe Boris, ihr Bruder Nikolaj sowie Fürst Andrej bekommen den Befehl, in ihre Kaserne einzurücken. Ganz Moskau spricht von Krieg. Pierre indes wird durch den Tod seines Vaters zum reichsten Mann Russlands. Im Jahre 1805 besetzt Napoleon Österreich. Der Kaiser Erzherzog Ferdinand bietet den russischen General Kutusow um Hilfe. Doch zu spät, Napoleon ist nicht mehr aufzuhalten. In Moskau tritt Pierre inzwischen der Freimaurerloge bei, um aber bald zu erkennen, dass er die Anforderungen nicht erfüllt. Pierre besucht seine vielen Güter, seine Verwalter durchschauen seinen arglosen Charakter und nutzen diesen schändlich aus. Es fällt ihm schwer, über sein riesiges Vermögen die Übersicht zu behalten.

Sachlich beschrieben

Welche der 30 Hauptpersonen insgesamt aneinander geraten oder sich ineinander verlieben, sich jedoch nicht finden oder gar sterben, beschreiben die weiteren Seiten. Hilfreich dabei, um den Überblick nicht zu verlieren, ist das Personenverzeichnis am Ende des Buches. Auch viele Fremdwörter werden erklärt. Die französische Sprache wird in Fußnoten übersetzt.

Scharf und dennoch von Tolstoi auf den Punkt gebracht, wirken diese Tatsachen des Lebens wie reinste Ironie und machen „Krieg und Frieden“ zu einem opulenten und dennoch sehr feinsinnigen Lesevergnügen, das jedoch sehr viel Lesewillen erfordert. Der ständige Wechsel von Deutsch ins Französische ist anstrengend zu lesen ? zu dem natürlich ohnehin die alte Sprache.

Es ist Tolstoi großartig gelungen, die Komplikationen menschlichen Zusammenlebens und die Auswirkungen sozialer Bande auf das Individuum derart feinsinnig und so exakt zu beschreiben. Die kleinsten verdeckten Dinge am Menschen fallen ihm auf, Dinge, die der Beobachtete nie an sich bemerken würde.

Regina Grauwinkel

Leo Tolstoi
Krieg und Frieden
1580 Seiten
24,95 Euro

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Stand März 2010

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