Konstruktive Kritiker

Vor einiger Zeit hatte ich mich an dieser Stelle über einige ziemlich nervige Leser-Zuschriften beschwert. Leider haben das natürlich meine netten Leser auf sich bezogen, die mir immer sehr konstruktives Feedback geben und tolle Überlegungen einbringen oder mir gute Geschichten liefern.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Leser, die mir solche Sachen schreiben wie: „Ich hab Sie im Fernsehen gesehen, voll geil…“ oder: “Ich bin 1,87 groß und hab blaue Augen, wollen Sie mal einen Café mit mir trinken…?“ schreiben mir genau so einen Mist aber weiterhin. Das hätte mir als Psychologin eigentlich klar sein müssen. Das Internet mit seinen Zugriffsmöglichkeiten und der Pseudonähe zu anderen Menschen fördert natürlich jede Form der Realitätsverblendung, die einen narzisstischen Ursprung hat (wie alle Störungen). Ein Zeichen von psychischer Reife ist das Vermögen, sich in andere hinein zu versetzen und dadurch der Realität des „wie fühlt jemand anderes sich“ nahe zu kommen – statt nur für sich selbst etwas zu wollen, rücksichtslos wie ein Kind (nur, dass reale Kinder das dürfen und ein Teil ihrer Erziehung die Wahrnehmung der Grenzen anderer ist, trotz der eigenen Großartigkeit).

Zum Glück interessieren sich viele Leute für meine Themen und zum Glück können sie mit meinen Texten etwas anfangen. Letzte Woche schrieb mir z.B. eine sehr treue Leserin eine gute Analyse über die aktuelle Heidi Klum Show und sie würde „mittlerweile echt schon diesen Ohana´schen kritischen Blick haben und sich bei jeder Sendung fragen, was sie uns damit wieder verkaufen wollen und wer seinen Nutzen daraus hat!“ Ein anderer Leser schrieb mir, er habe widererwartend als ü50er seine ü50er Traumfrau gefunden – im Internet – und würde jetzt meine Ratschläge aus dem Mr. Right Buch befolgen: „Ich möchte allen Mr. und Mrs. Rights’ Mut machen sich zu SUCHEN und zu FINDEN und wenn sie unglücklich sind, genau hinzuschauen WAS sie so unglücklich macht und WARUM sie diese Situation so hinnehmen und akzeptieren.“ Eine exakte Zusammenfassung meines Buches in einem Satz. Danke dafür.

Über sowas freut sich natürlich jeder Autor und Blogschreiber – auch wenn das fast ein bisschen erdrückende Verantwortung ist, die man dann verspürt. Und natürlich die Pflicht, das Niveau zu halten (zum Glück kann ich mir sicher sein, dass mir die Gedanken nie ausgehen, ich muss nur ein Mal die Münchner Innenstadt queren und hab 5x Kopfschütteln hinter mir und 10 verschiedene Ansätze, das zu einzuordnen).

Es gibt auch viele Leser, die mir von eigenen Buchideen erzählen oder mich fragen, wie man sowas macht oder wie man den Schreiben lernen kann. Ich glaube, das Geheimnis ist das Thema. Man muss wirklich für ein Thema brennen, muss den Kern, die Essenz verstehen wollen. Es muss einen immer wieder quälen und man muss sich ein Handwerkszeug suchen, um damit umzugehen. Bei mir ist es das Thema der menschlichen Schwächen, die häufige fremdbestimmte Daseinsweise der Menschen, bei gleichzeitigem Glauben, man würde das alles so wollen und stolz darauf sein: Engstirnigkeit bei gleichzeitiger Selbstgerechtigkeit bzw. einfordern von Gerechtigkeit für sich selbst – ohne die eigene Schuld sehen zu wollen, die aus genau dieser Schwäche entsteht. Mein Werkzeug ist die Psychologie d.h. die Psychoanalyse unseres Unbewussten (denn die experimentelle Psychologie ist etwas anderes und in meinen Augen leider sehr begrenzt auf unsere Wahrnehmung beschränkt, unser maschinenartiges Reaktionsvermögen). Und natürlich braucht es immer den kritischen Blick auf sich selbst. Wer glaubt, er schreibt nur über andere, schreibt niemals wahrhaftig. Wie sollte er auch: er kann es ja gar nicht nachempfinden und deshalb wird es immer schlecht bleiben. 

Also jedenfalls freue ich mich über alle Zuschriften von Menschen, die sich häufiger mal die Frage stellen: Bin ich mit dieser Kritik gemeint? Bin ich nicht auch so? Genau weil sie sich diese Frage gestellt haben, bei meinem damaligen Blog Beitrag über nervige Leser, waren sie NICHT gemeint. 

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