Kommilitone Leonardo da Vinci

Viel Sinniges und Unsinniges ist über Leonardo da Vinci schon verbreitet worden. Wir holen das vermutlich größte Genie aller Zeiten einmal kurz in die universitäre Jetztzeit und spekulieren mit Stefan Klein darüber, wie es ihm ergeht.

Was soll ein Universalgenie studieren? Wir schicken da Vinci probeweise an die Uni …

Ein Gedankenexperiment: In welchem Studiengang eingeschrieben, würde man den jungen Leonardo finden, wenn er in der heutigen Zeit geboren wäre? Oder hätte er am Ende gar nicht studiert?

Sicherlich wäre es Leonardo da Vinci schwer gefallen, sich in der reglementierten und säuberlich in Disziplinen aufgeteilten Welt unserer Universitäten zurechtzufinden. Am ehesten kann man sich ihn in einem Studiengang vorstellen, in dem er von seiner außerordentlichen visuellen Begabung und seiner Fähigkeit, räumlich zu denken, Gebrauch machten konnte – als Architekt oder als Mediendesigner vielleicht.

Eine kluge Entscheidung für ihn wäre zudem die für eine Disziplin, die sich sehr schnell entwickelt – das käme ihm als Außenseiter und rastlosen Geist entgegen. Nicht unwahrscheinlich allerdings, dass Leonardo auch heute nicht studieren, sondern wieder den Weg einschlagen würde, mit dem seine Karriere tatsächlich begann: den des Künstlers.

„In der falschen Zeit geboren“, „Gefangener seines Zeitalters“ – das sind sehr gängige Phrasen im Zusammenhang mit Leonardo da Vinci. Aber ist das wirklich so bei ihm? Wäre er wirklich besser aufgehoben in der heutigen Zeit?

Keineswegs. Leonardo lässt sich nur aus seiner Zeit heraus verstehen, die ihm einmalige Möglichkeiten bot. Zum einen war es die Phase des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs, in der ein Außenseiter eine Chance hatte, weil Talente knapp waren und gebraucht wurden. Nur deswegen konnte der uneheliche Sohn einer Tagelöhnerin, der nicht mehr als vier Jahre lang die Volksschule besuchte, aufsteigen in die höchsten Kreise der Gesellschaft – und am Ende einer der engsten Vertrauten des Königs von Frankreich werden. Die Gesellschaft war ungewöhnlich durchlässig.

Fünfzig Jahre früher oder später wäre eine solche Karriere undenkbar gewesen. Zum anderen lebte Leonardo in einer Welt, die seiner Neugierde und seiner Arbeitsweise entsprach:  Alles war noch zu entdecken. Nicht Spezialisten, sondern Generalisten waren gefragt.

Seltsamerweise wird oft betont, dass Unternehmen eine generalistische Ausbildung wichtig ist – de facto werden jedoch Spezialisten ausgebildet und auch von Unternehmen eingestellt. Wie würde denn Herr da Vinci bei heutigen Arbeitgebern ankommen? Wie wären seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Seine Chancen wären nicht schlecht. Er war hochintelligent, lernfähig, sozial geschickt – und vor allem pragmatisch. Leonardo hat in seiner Karriere immer wieder gezeigt, dass er fähig und willens war, sich anzupassen. Je älter er wurde, umso weniger haben ihn allerdings die Aufgaben, die ihm gestellt wurden, befriedigt. Er arbeitete immer mehr für sich selbst, um seine eigene Neugier zu befriedigen.

Wenn er heute eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt suchen müsste, würde man ihm einen Chef und ein Unternehmen wünschen, die Vielseitigkeit nicht als Bedrohung sondern als Bereicherung sehen – und auch bereit sind, Menschen mit ungewöhnlichen Ideen zu fördern.

Alimentation war ein durchaus gängiges Modell in der Vergangenheit.  Wäre ein neues Mäzentum einen erneuten Versuch wert – also beispielsweise Hochbegabte ohne große Zwänge und konkrete Ziele forschen zu lassen? Schließlich wird immer wieder betont, dass Deutschland auf die Forschung angewiesen ist, von Innovationen lebt.

Wir sehen tatsächlich viel zu sehr auf den kurzfristigen Nutzen. Jede Forschungsanstrengung soll möglichst sofort Ergebnisse bringen. Als Folge dieser Risikoscheu gelingt es uns zwar, unser Wissen über ein bereits gut erforschtes Gebiet zu erweitern – wir stoßen aber viel seltener in wirkliches Neuland vor, als es mit einer mutigeren Politik möglich wäre.

In den USA gibt es das höchst erfolgreiche MacArthur-Programm, das Menschen mit ungewöhnlichem Potential fördert, ohne nach schnellen Ergebnissen zu fragen. Aufgenommen werden Wissenschaftler, Künstler, aber auch Menschen, die sich mit ungewöhnlichen Ideen um die Gesellschaft verdient gemacht haben. Die MacArthur-Stiftung trägt volle fünf Jahre ihren Lebensunterhalt, während derer die Stipendiaten ohne jeden wirtschaftlichen Zwang ihren Projekten nachgehen können. Eine solche Initiative wäre in Deutschland höchst wünschenswert.


Bestsellerautor Stefan Klein (“Die Glücksformel“) hat mit “Da Vincis Vermächtnis oder Wie Leonardo die Welt neu erfand” (erschienen bei S. Fischer) die Leonardo-da-Vinci-Forschung auf den neuesten Stand gebracht. Und nach der Lektüre kann man endlich fundiert schlaumeiern, warum die Mona Lisa so lächelt wie keine andere …

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